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Der Kaiserhof: Erst prunkvolles Hotel, dann Ort des Schreckens, heute eine Ruine. - © Magnus Horn
Der Kaiserhof: Erst prunkvolles Hotel, dann Ort des Schreckens, heute eine Ruine. | © Magnus Horn

Diktatur von nebenan

11.03.2021 | Stand 11.03.2021, 12:27 Uhr

Wer an die Verbrechen der Nazi-Diktatur denkt, der denkt auch an Konzentrationslager in Buchenwald oder Ausschwitz. Doch es gab viele Außenlager – auch in Porta Westfalica. Dort kämpft Thomas Lange gegen das Vergessen. So geben unter anderem Führungen in einem ehemaligen Stollen Zeugnis von den Taten der Nazis. Doch die Warteliste ist lang – aus guten Gründen.

Es ist nass und stürmisch an diesem Tag in Porta Westfalica. Nicht gerade einladend für eine Führung im Freien. Doch angesichts der Bedingungen, die vor rund 80 Jahren hier geherrscht haben, ist dies wohl nur ein unbedeutendes, kleines Übel. Traurig und dunkel: 1944 war der 2. Weltkrieg auch hier zu spüren. In Porta Westfalica. Dem „Tor nach Westfalen". Für viele war es das Tor zur Hölle. Immer mehr Außenlager von Konzentrationslagern wurden geschaffen, um die Gefangenen zur Arbeit für die Kriegsproduktion einzusetzen – auch in der knapp 40.000-Einwohner-Stadt.

Thomas Lange vor dem Mahnmal in Hausberge.  - © Magnus Horn
Thomas Lange vor dem Mahnmal in Hausberge.  | © Magnus Horn

Jemand, der die Geschichte von damals aufarbeiten will, ist Thomas Lange. Er ist im Vorstand des 2009 gegründeten Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Aktive Erinnerungsarbeit zu leisten und die Geschehnisse von damals aufzuarbeiten, sind Ziele des Vereins. „Es hat auch schon früher wichtige Ansätze der Erinnerungsarbeit gegeben", sagt er. Doch erst durch die Arbeit des Vereins werden Informationen nachhaltig einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der 2. Weltkrieg hat eben auch vor der eigenen Haustür stattgefunden.

Viele haben weggeguckt

Beispielsweise im Hotel Kaiserhof. Die Nazis haben es für sich eingenommen. Ab März 1944 wurden hier rund 1.500 KZ-Häftlinge untergebracht. „Gehalten" trifft es eher. Sie sollten den rund 500 Meter entfernten Stollen des Jakobsberges für die Kriegsproduktion ausbauen. Das Hotel Kaiserhof wurde zum ersten KZ-Außenlager in Porta Westfalica. Die Menschen kamen vor allem aus dem KZ "Neuengamme” in Hamburg. Heute ist das Hotel Kaiserhof eine Ruine, die an grausige Zeiten erinnert. Nach einem Brand ist das Haus heruntergekommen. Zerschlagene Fenster, überwucherndes Grünzeug und unzählige Schmierereien, wie „Scheiß Corona", zieren die heruntergekommene Fassade des Hotels, das einst so prachtvoll war. Man kann es nur noch erahnen.

Es ist auch der Treffpunkt mit Thomas Lange, der Geschichte, Politik und Soziologie studiert hat. Zu Fuß geht es etwas bergauf über den aufgeweichten Waldboden zur Rückseite des ehemaligen Gefangenenlagers. Unterhalb einiger Äste, die nur marginal vor den starken Regenfällen schützen, erzählt Lange etwas über das Gebäude, auf das wir nun hinabsehen. Die Strafgefangenen verbrachten die Zeit dort in einem 40 Meter langen, 25 Meter breiten und fünf Meter hohen Saal. Vierstockbetten. Ein einzelnes maß 1,80 mal 0,70 Meter. Zwei Leute teilten es sich. Dazu: Hunger, Kälte und unzumutbare hygienische Zustände.

Der Weg führt um den Kaiserhof herum zur Hauptstraße. Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Eiscafé. „Aus der Straße daneben, der Fährstraße, sind die Häftlinge von den Arbeiten im Stollen hier zum Kaiserhof zurückgekehrt", erklärt Lange. Vielen Menschen in der Region ist sowas bis heute nicht bekannt. Und damals? „Viele haben weggeguckt oder gedacht, dass das schon seine Richtigkeit haben wird." Von der Hölle gezeichnete Menschen auf den Straßen nicht sehen?

12-Stunden-Schichten

Auf der Weserbrücke Richtung Jakobsberg werden wir fast weggeweht, entgegenkommende LKW spritzen die Nässe der Straße auf die Jacken. Lange spricht – notgedrungen etwas lauter – weiter: Später wurden zwei weitere Außenlager in Porta Westfalica geschaffen. Das Frauenlager in Hausberge und ein Lager in Lerbeck. Auch die Frauen aus dem Hausberger Lager haben in den Stollen gearbeitet. Der untere Stollenteil sollte im Frühjahr 1944 von den Kaiserhof-Gefangenen zunächst für die Produktion von Flugzeugteilen ausgebaut werden. Dann allerdings sorgte ein Angriff auf die Treibstoffindustrie dafür, dass doch eine Schmierölraffinerie im unteren Stollenteil, der unter dem Tarnnamen „Dachs 1" lief, einziehen sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt war bereits eine Fläche von 6.500 Quadratmetern freigelegt worden. Fachleute aus der Region sprengten den Berg aus. Die Gesteinsbrocken und der Schutt wurden von den Arbeitenden herausgeschafft. „60.000 Kubikmeter Gestein – binnen zwei Monaten", sagt Lange. Hilfsmittel? Spitzhacken, Schaufeln, Schubkarren.

Die SS, erklärt Lange, hatte gegenüber des Stollens, vor dessen Eingang wir nun stehen, im Hotel Großer Kurfürst – heute ein Bordell – die Bauleitung eingerichtet und Häftlinge zur Verfügung gestellt. Firmen aus der Region und zivile Vorarbeiter waren während der Arbeiten verantwortlich für die Häftlinge, die sie unter unmenschlichen Bedingungen in Zwölf-Stunden-Schichten haben schuften lassen. Ob jemand starb? Es dürfte ihnen egal gewesen sein.

Führungen im „Dachs 1"

Die Worte von Lange dringen trotz der vorbeirauschenden LKW ins Ohr. Die Außenwelt spielt gerade keine Rolle. Und wir stehen, mittlerweile, nur vor dem derzeit geschlossenen Stollen. Bei Führungen können Interessierte erfahren, wie es innerhalb des 30 Meter hohen Stollens aussieht. Der Verein bietet sie seit 2016 an. „Wir hatten das damals für 300 Menschen geplant", sagt Lange. „Dann hatten wir aber prompt 3.000 Anmeldungen.

Ein heutiger Blick in den Stollen. - © Verein KZ- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica
Ein heutiger Blick in den Stollen. | © Verein KZ- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica

Bis 2022 sei man ausgebucht, 6.000 Namen stehen schon jetzt auf der Warteliste. Aus artenschutzrechtlichen Gründen – ein Fledermaushabitat im Stollen hat Vorrang – seien Führungen derzeit nur zwischen Juni und August möglich. Mit bis zu 40.000 Euro bezuschusst die NRW-Stiftung den Verein, um die ehemalige Untertageverlagerung „Dachs 1" als Gedenkort zu sichern. „Zurzeit können wir 70 Prozent der Anlage zeigen. Im Jahr 2022 werden es etwa 90 Prozent sein", sagt Lange. Unter https://www.youtube.com/channel/UCIovpIPjTtqv6uAIiJ_sRsg/featured sind Clips von virtuellen Führungen zu sehen. Voranmeldungen für Führungen sind auf der Homepage des Vereins www.gedenkstaette-porta.de möglich.

Lange leitet zudem ein Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse in eine Ausstellung sowie eine Online-Dokumentation fließen sollen. Aus dem Gedenkort soll eine Gedenkstätte werden. „Mein Wunsch wäre es, das ganze so nah wie möglich am Stollen zu realisieren – direkt am Eingangsbereich haben wir aber nicht nur eine Bundesstraße sondern auch ein FFH-Schutzgebiet, was einen Bau mit direktem Zugang wohl ausschließt." Die Suche nach einer geeigneten Stätte läuft.

Bereits seit 1992 erinnert ein anderes Mahnmal in Porta Westfalica an die Schrecken der damaligen Zeit. Es steht an der Hauptdurchgangsstraße Kirchsiek im Zentrum des Örtchens Hausberge. Zu sehen sind auf der Bronzetafel ausgemergelte KZ-Häftlinge, die erschöpft am Boden liegen oder Steine schleppen. Zu lesen ist ein Satz des ehemaligen Zwangsarbeiters Pierre Bleton: „Nicht-wissen-wollen ist die bedingungslose Kapitulation."

Förderung Jüdischer Friedhof

Während wir weitergehen, müssen die gesammelten Eindrücke erst einmal sacken. Unvorstellbar, wie man Menschen so behandeln kann. Wir gehen weiter. Weg vom Mahnmal, weg vom Stollen, doch die Gedanken bleiben. Das Wetter ist auch nicht besser geworden. Die dunklen Wolken bleiben wohl länger über uns hängen. Lange führt zu einem Friedhof, dessen Geschichte ironischer Weise nicht besser „passen" könnte. Es ist der jüdische Friedhof Hausberge. Durch ein eisernes Tor kommt man hinein, in ordentlichen Reihen stehen zahlreiche feingearbeitete Grabsteine.

Etwa in der Mitte des Friedhofs steht ein um 1912 erbautes Mausoleum der jüdischen Familie Josef Wolf Michelsohn. Es ist gut gepflegt, wie der Rest des Geländes. Seit 2007 kümmert sich die AG „Jüdischer Friedhof Hausberge" der Gesamtschule Porta Westfalica unter Leiter und ehemaligem Lehrer Karl-Wilfried Pultke um die Pflege und damit um das „Nicht-Vergessen" und die Erhaltung der jüdischen Kultur. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat darüber hinaus die Restaurierung des prachtvollen Mausoleums der Familie Michelsohn gefördert.

Die Familie war für seine Geschäfte mit dem einzigartigen Porta-Sandstein bekannt. Im Mittelalter wurde er bereits in oberirdischen Steinbrüchen abgebaut. „Das Mindener Rathaus, der Mindener Dom oder auch das Fundament des Kaiser-Wilhelm-Denkmals sind aus Porta-Sandstein", erklärt Thomas Lange. Die Familie Michelsohn hat ihn dann unterirdisch gefördert – und dafür einen Stollen ausgebaut, vor dessen Eingang wir nur einige Minuten gestanden haben.

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