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Türchen war mal: Opulente Pakete, so sehen Adventskalender heute meistens aus. - © picture alliance/chromorang
Türchen war mal: Opulente Pakete, so sehen Adventskalender heute meistens aus. | © picture alliance/chromorang

Kommentar Größer, besser, teurer, wahnsinniger: Schluss mit dem Adventskalender-Hype

Jeden Tag ein Türchen, mit dieser Vorstellung hat die Realität in deutschen Familien nicht mehr viel zu tun. Dabei sollte gerade hier gelten: Weniger ist mehr, fordert unsere Autorin.

Anneke Quasdorf
25.11.2019 | Stand 25.11.2019, 19:03 Uhr

Unter dem Stichwort "Adventskalender" findet sich in allen gängigen Lexika ungefähr die gleiche Beschreibung: ein Kalender, der in der Adventszeit aufgehängt wird und hinter dessen Türchen sich kleine Bilder oder Süßigkeiten verbergen, um die Vorfreude - vor allem der Kinder - auf das Weihnachtsfest, die Geburt Christi, zu steigern.

Unter dem Stichwort "Adventskalender" findet sich in allen gängigen Lexika ungefähr die gleiche Beschreibung: ein Kalender, der in der Adventszeit aufgehängt wird und hinter dessen Türchen sich kleine Bilder oder Süßigkeiten verbergen, um die Vorfreude - vor allem der Kinder - auf das Weihnachtsfest, die Geburt Christi, zu steigern. Klingt das schön! Und gemütlich und besinnlich! Schade nur, dass diese Beschreibung nichts mehr gemein hat mit der Realität in deutschen Familien. Denn wie alle anderen Bräuche rund um das Thema Weihnachten hat sich auch der Adventskalender in den vergangenen Jahren aufs Befremdlichste in die Kategorie "Größer, besser, teurer, wahnsinniger" eingereiht. Das beginnt schon bei der Aufmachung. Dass es sich um einen Kalender handelt, ist bei den meisten Formaten nur noch an der Reihung der Zahlen zu erkennen. Mit Türchen oder Säckchen wird hier längst nicht mehr gearbeitet. Stattdessen hängen Kaskaden von Paketen von Treppengeländern oder an Wänden, für deren Beschaffung alle Mütter, die ich kenne, bereits ab dem ersten November völlig gestresst irgendwelche Shoppingtermine in die ohnehin zu vollen Familienkalender quetschen. Gewinnprognose statt Vorfreude Und welchen Raum die Diskussionen über den Inhalt einnehmen! "Last Minute-Adventskalender-Ideen" ist die meistverwendete Überschrift bei allen gängigen Mütterblogs. Berghoch die Erwartungen, bleischwer der Druck: Liebevoll muss er sein, der Kalender selber, aber auch der Inhalt, bloß nicht zu viel Süßes, und überhaupt: Ist Süßes nicht auch zu wenig? Muss da nicht mehr rein?? Das "Mehr" besteht dann oft aus Spielzeug in einer Preiskategorie, bei der man sich unwillkürlich fragt: Wer kann sich das leisten? Zumal in den meisten Familien ja nicht nur 24 Pakete, sondern 48 oder - bei drei Kindern - 72 Pakete besorgt werden müssen. Noch gravierender stellt sich aber eine weitere Frage: Was soll denn dann noch kommen? Wer schon dreimal Playmobil im Adventskalender hatte, dem entlockt ein weiteres Spielset unterm Tannenbaum doch höchstens noch ein müdes Lächeln. Dank dieser ins Unendliche hochgepuschten Erwartungshaltung starten die meisten Kinder auch nicht mehr mit Vorfreude in den Advent. Sondern mit einer klaren Gewinnprognose. Neulich fragte meine Tochter, eine Erstklässlerin, einen Mitschüler, was er sich vom Christkind wünsche. Dessen Antwort: So weit sei er noch nicht, er müsse erst noch den Wunschzettel für seinen Adventskalender fertig schreiben. Fast schon irrwitzig mutet die Vorstellung an, so jemandem am 1. Dezember tatsächlich den guten, alten Adventskalender hinzuhängen. Ein schönes Bild auf Karton, mit kleinen Türchen, hinter denen sich Bilder von Zuckerstangen und Engeln verbergen, statt der Flügel-Speeder von Lego Ninjago. Und ihm zu sagen, jetzt soll er sich mal ordentlich auf die Geburt Christi freuen. Das wäre sicher ein absoluter Garant - allerdings wohl eher für Berserkertum als für Besinnlichkeit. Weniger ist mehr. Das gilt derzeit für unseren gesamten Lebenswandel. Das wünschen sich die meisten für den Advent und die Weihnachtszeit. Dann lasst uns damit beginnen. Jetzt gleich. Beim Adventskalender.

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