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Die als Paderborner Pupsglobuli bekannten Kügelchen werden seit 20 Jahren hergestellt. - © Lena Henning
Die als Paderborner Pupsglobuli bekannten Kügelchen werden seit 20 Jahren hergestellt. | © Lena Henning

Paderborn Was sind eigentlich Paderborner Pupsglobuli?

In Eltern-Foren und unter Hebammen werden sie als Wundermittel gegen Drei-Monatskoliken von Babys gepriesen

Lena Henning
14.01.2019 | Stand 14.01.2019, 08:43 Uhr

Paderborn. Babys schreien und quengeln, Eltern sind genervt und überfordert: Mit den sogenannten Dreimonatskoliken haben viele Kinder zu kämpfen. Kaum verwunderlich, dass in Online-Elternforen ausgiebig über dieses Problem diskutiert wird. Ein Mittel, das immer wieder empfohlen wird: Paderborner Pupsglobuli. Seit 1998 stellt die Christophorus-Apotheke an der Bahnhofstraße die kleinen Kügelchen her. Entwickelt hat sie der ehemalige Inhaber Antonius Steinwart. Inzwischen hat Vera Brockmeyer die Apotheke übernommen und verkauft die Kügelchen als "Paderborner P-Globuli". Weil die arzneiliche Wirksamkeit homöopathischer Mittel nicht wissenschaftlich bewiesen ist, dürfen sie nicht mit der zu behandelnden Erkrankung werben, erklärt Brockmeyer die Namensänderung. Aber auch unter diesem Namen sind die Globuli gefragt: Hergestellt im eigenen Labor, werden sie über einen Online-Shop in ganz Deutschland verkauft. Die Christophorus-Apotheke sei bekannt für ihren Schwerpunkt auf Homöopathie und Naturheilkunde. Für Brockmeyer ist das ein Alleinstellungsmerkmal, auch in Abgrenzung zu den Versandapotheken im Internet. Belegt ist eine arzneiliche Wirkung der Pupsglobuli nicht In den Pupsglobuli enthalten sind verschiedene Substanzen, mit denen man die Erfahrung gemacht habe, dass sie die typischen Beschwerden von Dreimonatskoliken - Bauchschmerzen, Krämpfe, Blähungen - mildern können: beispielsweise Anis, Fenchel und Kümmel. Sie beruhigen den Magen-Darm-Trakt, wirken krampflösend und fördern die Verdauung. "Dreimonatskoliken sind keine Krankheit, es gibt keine richtige Ursache", sagt Brockmeyer. Entsprechend gibt es auch kein Medikament, mit dem sie eindeutig wirksam zu behandeln wären. Belegt ist eine arzneiliche Wirksamkeit der Pupsglobuli nicht. "Unsere Erfahrung zeigt, dass sich die einzelnen Wirkstoffe bewährt haben", sagt Brockmeyer. Inhaltsstoffe können helfen Thomas Glaremin, Arzt aus Paderborn mit dem Schwerpunkt Homöopathie, ist überzeugt, dass die Pupsglobuli bei den beschriebenen Beschwerden durchaus wirken können. Von den Inhaltsstoffen – Fenchel, Anis und Kümmel – wisse man, dass sie helfen können. Problematisch findet er die Zusammensetzung aus mehreren Wirkstoffen: „Bei diesen Komplexmitteln werden mehrere Inhaltsstoffe vermischt, in der Hoffnung, irgendetwas wird schon helfen." Streng genommen seien die Pupsglobuli kein homöopathisches Präparat. Denn nach der reinen Lehre der Homöopathie dürfe ein Symptom immer nur mit einer Substanz behandelt werden. „Die Pupsglobuli funktionieren – keine Frage", sagt Glaremin, „aber wahrscheinlich auch nicht besser oder schlechter als eine arzneiliche Teemischung." Globuli zu geben, sei für Eltern aber oft einfacher – denn die Zuckerkügelchen schmecken vielen Babys besser als lauwarmer Kräutertee. Wirksam oder wirkungslos? Das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) - ein Zusammenschluss verschiedener Experten und Wissenschaftler, die der Homöopathie kritisch gegenüber stehen - hält die Pupsglobuli für praktisch wirkungslos. "Auch wenn die Pupsglobuli für homöopathische Verhältnisse wenig verdünnt sind, ist der Wirkstoffgehalt für eine pharmakologische Wirkung viel zu gering", sagt Norbert Aust vom INH. Warum berichten dann immer wieder Kunden, dass die Globuli Wirkung zeigen? Das INH hat dafür eine Erklärung: Blähungen sind Beschwerden, die üblicherweise irgendwann von selbst vergehen. "Dies werde dann als Erfolg des zuletzt angewendeten Mittels gewertet", sagt Aust. Zudem könne der Placebo-Effekt auch bei Babys wirken. Gerade Babys können besonders gut non-verbal kommunizieren. Sie spüren, wenn die Eltern zuversichtlich sind. Zudem probieren Eltern zumeist alle möglichen Hausmittel aus, etwa den Bauch massieren, das Kleine in einer bestimmten Position tragen, anders füttern und vieles mehr. Was am Ende den Erfolg gebracht hat, vermöge niemand zu sagen. Der Paderborner Kinderarzt Matthias Wirmer empfiehlt bei Dreimonatskoliken ein ganz einfaches Mittel: selbst aufgegossener Tee. Ein Teelöffel Kümmel mit Wasser aufgießen, 10 Minuten ziehen lassen und durch ein Sieb abgießen - das sei günstiger als Globuli oder andere Medikamente. "Wichtig sind die Beruhigung und Aufklärung der Eltern über die gute Prognose", sagt er. Wie der Name schon sagt: Dreimonatskoliken gehen irgendwann auch wieder vorbei.

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