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Die spannendste Frage für die Kinder war stets, in welchem Gefährt ihr Freund wohl auftauchen würde. - © RBB
Die spannendste Frage für die Kinder war stets, in welchem Gefährt ihr Freund wohl auftauchen würde. | © RBB

TV-Kult Warum das Sandmännchen ein echter Wendegewinner ist

Die kleine Holzfigur mit dem Ziegenbart war ursprünglich eine DDR-Propagandafigur.

Tilmann P. Gangloff
27.11.2019 | Stand 27.11.2019, 09:29 Uhr

Berlin. Was vom DDR-Fernsehen übrig blieb: „Polizeiruf 110", Carmen Nebel, die Ostalgie im dritten Programm des MDR – und der Sandmann. Ganze Generationen haben sich allabendlich von einem drolligen kleinen Kerl mit Ziegenbart in den Schlaf verabschieden lassen. Er macht diesen Job nun schon seit 60 Jahren: Am 22. November 1959 streute er den Kindern in Ostdeutschland erstmals Sand in die Augen.

Die Idee stammte zwar aus dem Westen, aber Gerhard Behrendt kam dem Sender Freies Berlin noch rasch zuvor. Der damalige Leiter der Puppentrickabteilung im (Ost-)Berliner Trickfilmstudio entwarf eine Figur, deren Geheimnis in ihrer Schlichtheit liegt: Den Holzkopf zieren neben Knebelbart, Frisur und Zipfelmütze bloß ein paar Kulleraugen und eine Nase – das perfekte Kindchenschema. Womöglich liebt ihn die Zielgruppe deshalb noch heute, denn im Grunde wirkt das Kerlchen selbst wie ein altes Kind.

Der West-Kollege ist schon in Rente

Davon abgesehen ist er ein echter Wendegewinner: Der Sandmann-Kollege aus dem Westen („Nun, liebe Kinder, gebt fein acht, ich hab’ euch etwas mitgebracht") ist schon 1989 in Rente gegangen. Wie universell der Charme des Ost-Sandmanns ist, zeigen nicht zuletzt die Exporterfolge auch über die Grenzen vieler, verschiedener Kulturkreise hinweg. Selbst den arabischen Sprachraum hat die Holzfigur mit dem Ziegenbart erobert, obwohl man sich dort über Sandknappheit nun wirklich nicht beklagen braucht.

Das erste Auto: Das Sandmännchen im Trabant. - © rbb/DRA/Günther Vent
Das erste Auto: Das Sandmännchen im Trabant. | © rbb/DRA/Günther Vent

Der kleine Kerl hat also nicht nur die Wiedervereinigung überstanden, er profitiert auch von der Globalisierung: Bis vor 30 Jahren ist beim Deutschen Fernsehfunk (DFF) streng darauf geachtet worden, dass er nur sozialistische Bruderstaaten wie Vietnam, Kuba und natürlich Osteuropa bereiste. Weil der Sandmann selbstredend Repräsentant seines Systems und daher Propagandafigur war, gab es auch Stippvisiten im Palast der Republik, bei der Nationalen Volksarmee oder den Jungen Pionieren.

Trotzdem war Linientreue zumindest aus Sicht der Zielgruppe vermutlich kein Einschaltgrund, schließlich hatte der Sandmann auch vor dem Mauerfall bereits viele Fans im Westen. Die spannendste Frage für die Kinder war stets, in welchem Gefährt ihr Freund wohl auftauchen würde.

Ausstellung in Potsdam

Der Regisseur, Autor, Puppenbildner und Sandmännchen-Vater Gerhard Behrendt (Mitte), der Komponist des Sandmännchen-Liedes  Wolfgang Richter (links) und der Trickszenenbildner Harald Serowski. - © rbb
Der Regisseur, Autor, Puppenbildner und Sandmännchen-Vater Gerhard Behrendt (Mitte), der Komponist des Sandmännchen-Liedes  Wolfgang Richter (links) und der Trickszenenbildner Harald Serowski. | © rbb

Schöpfer der Sandmann-Fahrzeuge war Harald Serowski. Als erster Trickszenenbildner im Trickfilmstudio des DFF hat er über tausend Szenenbilder und 200 Fortbewegungsmittel aller Art entworfen: Traktoren, Kutschen, Schlitten, Autos, Fischkutter, Raketen, Taucherglocken, Segelboote, Lilienthalgleiter und diverse Züge. Einige dieser Fahrzeuge lassen sich seit einigen Wochen neben anderen Sandmannszenarien (etwa der berühmte Märchenwald) im Potsdamer Filmmuseum bestaunen.

Mindestens genauso wichtig für den Erfolg in Ost und West war und ist die Verlässlichkeit. Die Sandmann-Botschaft „Das Leben ist schön!" gilt selbst dann, wenn die Kurzfilme innerhalb der Rahmenhandlung Ecken und Kanten haben. Auch kleine Kinder können den mitunter durchaus spannenden Abenteuern in den kurzen Einspielfilmen trotz aller Aufregung mit einer gewissen Gelassenheit folgen, weil sie wissen: Am Ende wird alles gut.

Williger Erziehungsgehilfe

Abgeschliffen hat sich hingegen die schlichte Pädagogik der ersten Jahrzehnte, was allerdings nicht allen heutigen Eltern gefällt: Viele vermissen offenbar das belehrende Element ihrer Kindheit, als der Sandmann noch ein williger Erziehungsgehilfe war.

Das Sandmännchen mit dem Kleinen König (l.) und dem Zauberer Pondorondo. - © rbb/MDR/NDR
Das Sandmännchen mit dem Kleinen König (l.) und dem Zauberer Pondorondo. | © rbb/MDR/NDR

Geblieben sind die Rituale: Zu Beginn erklingt das Lied „Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit! Wir sehen erst den Abendgruß, ehe jedes Kind ins Bettchen muss, du hast gewiss noch Zeit", zum Schluss greift der Sandmann, der einer Figur aus einem Märchen von Hans Christian Andersen nachempfunden ist, in seine Tasche und streut Sand in Richtung Kamera.

Im dänischen Original sprüht „Ole Lukøje", wie die Figur bei Andersen heißt, den Kindern übrigens süße Milch in die Augen, damit sie einschlafen. Das war den deutschen Übersetzern wohl zu abwegig, weshalb sie auf die Idee mit dem Sand kamen.

Anlässlich des Geburtstags zeigt der RBB am 22. November um 20.15 Uhr die Dokumentation „60 Jahre süße Träume – Mit dem Sandmann durch die Zeit". Die 90 Minuten bieten unterhaltsame Einblicke in die Lebenswirklichkeit und das Lebensgefühl der Zuschauer in Ost und West aus den letzten 60 Jahren.

Information

Täglich im Fernsehen

Im RBB hat das Sandmännchen seinen Auftritt täglich um kurz vor 18 Uhr. Im Kika sowie im MDR wird das Sandmännchen um kurz vor 19 Uhr ausgestrahlt. Zudem gibt es auf www.sandmann.de viele alte Folgen sowie die jeweils aktuelle Ausgabe mit  Gebärdensprache.
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