Lynette, gespielt von Ulrike Folkerts, verkündet ihren überraschten Kindern, dass sie aus der Firma aussteigt. - © ZDF/Jon Ailes
Lynette, gespielt von Ulrike Folkerts, verkündet ihren überraschten Kindern, dass sie aus der Firma aussteigt. | © ZDF/Jon Ailes

Jubiläum Wie es mit der Reihe "Rosamunde Pilcher" weitergeht

Am Sonntag zeigt das ZDF mit "Schwiegertöchter" den 150. „Rosamunde Pilcher“-Film. Der Produzent hat nach dem Tod der Autorin eine gute Nachricht für alle Fans der Heile-Welt-Filme

Tilman P. Gangloff
23.05.2019 | Stand 23.05.2019, 17:53 Uhr

Mainz. Am Sonntag zeigt das ZDF den 150. „Rosamunde Pilcher"-Film; seit mehr als über 25 Jahren erfreut das „Zweite" die überwiegend weiblichen Fans mit Geschichten aus Cornwall. Das große Plus der Reihe, sagt „Pilcher"-Produzent Michael Meaton, ein Westfale mit schottischen Wurzeln, sei die Verlässlichkeit: „Pilcher-Filme behandeln Themen wie Liebe und Leidenschaft mit Happy-End-Garantie. Am Schluss sind alle glücklich." Ein weiteres verlässliches Merkmal ist der konsequente Verzicht auf Sex und Gewalt. Zur Wahrheit gehört aber auch der Vorwurf, die Filme seien „Kitsch von gestern". Smeaton weist das empört zurück: „Wir produzieren Liebesfilme im besten Sinne, das ist kein Kitsch, sondern Romantik." Außerdem seien die ästhetische Gestaltung wie auch die Geschichten heute viel moderner als noch vor 25 Jahren. "Wo Pilcher draufsteht, muss auch Pilcher drin sein" ZDF-Redakteurin Andrea Klingenschmitt, die die Reihe seit dem Start 1993 betreut, reagiere auf den Vorwurf mittlerweile ohnehin „ganz leidenschaftslos", wie sie versichert. „Für uns wie auch für die Zuschauer ist entscheidend: Wo ‚Rosamunde Pilcher’ draufsteht, muss auch ‚Rosamunde Pilcher’ drin sein." Dass die Geschichten nicht von gestern seien, belege zum Beispiel der Film „Die Braut meines Bruders", den das ZDF anlässlich des Todes der Schriftstellerin gezeigt habe; darin geht es um einen homosexuellen Profifußballer. "Wir sind mit unseren Themen auf dem rechten Weg" Zu den „ganz normalen Dingen des Lebens", mit denen sich die Geschichten befassten, gehöre auch das Thema des Jubiläumsfilms „Schwiegertöchter", der von den Konflikten zwischen Anhängern von Naturkosmetik und Naturheilmitteln sowie der Schulmedizin handelt. Die positiven Rückmeldungen des Publikums zeigten, „dass wir mit unseren Themen auf dem richtigen Weg sind. Sonst würden wir auch keine neuen Zuschauer dazu gewinnen." Gerhard Bliersbach hat einen ganz anderen Blick auf die Reihe. Der Diplom-Psychologe hat vor einigen Jahren ein hochinteressantes Buch über die Psychohistorie des westdeutschen Nachkriegsfilms geschrieben („Nachkriegskino", Psychosozial-Verlag). Er sieht überraschende Parallelen zu den schwarzweißen Edgar-Wallace-Krimis der Sechzigerjahre. Beide Genres nutzten Großbritannien als Projektionsfläche: „Die Wallace-Filme haben die verbrecherischen Abgründe der jungen Bundesrepublik auf ein unverfängliches Terrain transponiert, um von der Kehrseite des Wirtschaftswunders erzählen zu können." Die Filme erfüllen die gleichen Bedürfnisse wie Heimatfilme der 50er Auf ganz ähnlich Weise erfolge nun eine Transposition der Hoffnungen und Träume auf die britische Insel. Dieses „Liebäugeln mit fremdem Reichtum" und der Sehnsucht nach einer heilen Welt erfüllt für den Psychotherapeuten die gleichen Bedürfnisse wie die Heimatfilme der Fünfzigerjahre und passt aus seiner Sicht „zu unserer Zeit eines tiefen Unbehagens an den demokratischen Verhältnissen." Bliersbach bezeichnet die gern mit einer Versöhnung zwischen zerstrittenen Familienmitgliedern endenden Heimatfilme als Genre des „Reparaturfilms". Die gleichen Mechanismen sieht er bei den Pilcher-Filmen: Auch hier resultieren die Auseinandersetzungen aus emotionalen Krisen, aber am Ende gingen die familiären Bindungen umso stärker aus den Konflikten hervor; für Bliersbach ist das „eine Botschaft von gestern." Die Mütter spielen in auffällig vielen Geschichten die negative Rolle Eine zweite Parallele zu den Wallace-Krimis ist allerdings noch verblüffender. In seinem Buch über das Nachkriegskino beschreibt Bliersbach die „mörderische Dynamik mächtiger familiärer, häufig mütterlicher Bindungen". Dieses Element zieht sich auch durch die Pilcher-Filme, wenngleich selbstredend ohne die mörderische Komponente: Die Mütter spielen in auffällig vielen Geschichten eine dominante und oftmals negative Rolle; auch im Jubiläumsfilm mit Ulrike Folkerts. Die Pilcher-Freundinnen werden der Reihe trotzdem die Treue halten, zumal das Publikum nachwächst; laut Smeaton gibt es mittlerweile viele Zuschauerinnen um die vierzig, die noch vor zehn Jahren einen großen Bogen um die Filme gemacht hätten. Diese Begeisterung ist allerdings ein vorwiegend deutsches Phänomen. Der Produzent berichtet, im Sommer würden „ganze Busladungen mit deutschen Touristen durch Cornwall gekarrt, die sind dort ein echter Wirtschaftsfaktor." Die Engländer verstünden das nur bedingt, „denn unsere Filme haben natürlich nicht viel mit der englischen Realität zu tun." Rosamunde Pilcher hat unzählige Kurzgeschichten verfasst Die Fans, versichert er, bräuchten sich auch nach dem Tod der Schriftstellerin keine Sorgen um den Fortbestand der Reihe machen: „Rosamunde Pilcher hat eine enorme Anzahl von Kurzgeschichten verfasst, auch schon lange vor ihrem Durchbruch. Viele sind in englischen Frauenzeitschriften erschienen, aber viele sind noch unveröffentlicht" – und die Filmrechte liegen alle bei Smeatons Produktionsfirma FFP New Media.

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