Über die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird seit Jahren gestritten. Auch das neue Index-Modell ist umstritten. - © dpa
Über die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird seit Jahren gestritten. Auch das neue Index-Modell ist umstritten. | © dpa

Aus Zuschauersicht Streit um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Die Ansichten unserer Leser über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind breit gefächert. Werbung und Krimiflut nerven viele, auch das neue Finanzierungsmodell ist umstritten.

Bielefeld. Es wird viel und kontrovers diskutiert über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland. Die Debatte dreht sich ums Programm, den öffentlich-rechtlichen Sendeauftrag und vor allem auch die Finanzierung der bisher 22 Sender und 65 Radioprogramme. Im Juni werden die Ministerpräsidenten abschließend über ein neues Finanzierungsmodell, das so genannte Indexmodell, beraten. Kommt es durch, dann würde ab 2023 der Rundfunkbeitrag regelmäßig alle zwei Jahre erhöht. Die Erhöhung könnte an den Inflationsausgleich gekoppelt sein. Wir wollten vor einigen Tagen wissen, wie unsere Leser zu dieser Idee stehen, aber auch wie sie sich ihren öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Zukunft vorstellen. Hier Auszüge aus ihren Zuschriften: LÄSTIGE WERBUNGPamela Kaeßner wünscht sich einen öffentlich-rechtlichen Zukunftsrundfunk „ohne diese lästige Werbung". Sie kritisiert, „dass die Radiosender unsere Gebühren abgreifen und sich die Werbeeinnahmen noch zusätzlich einsacken." Sie würde lieber etwas höhere Radiogebühren zahlen, „wenn ich nicht mehr von der blöden Werbung genervt werde." Das sei ihr einziger Wunsch für den Zukunftsfunk. ZU VIELE SENDERMartin Möller ist der Meinung, „dass wir in Deutschland zu viele öffentlich-rechtliche Sender und zu viele öffentlich-rechtliche Sendeminuten haben". Zwei bis drei bundesweit empfangbare Fernsehsender und vier bis fünf Radioprogramme würden genügen, schreibt er und empfiehlt, die Sender künftig aus Steuern oder mittels eines auf Freiwilligkeit basierenden Abo-Systems zu finanzieren statt wie bisher. Möller kritisiert zudem ein Überangebot an Infotainment, Talkshows, Kochsendungen, Ermittlerkrimis, Serien, Fußball und Reality-TV in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Bei der politischen Berichterstattung fehle es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, teilweise aber auch in anderen Medien, an kritischer Distanz zu den Mächtigen im Staate, in den etablierten Parteien, Gebietskörperschaften, Konzernen und Massenmedien. ABO-MODELLAuch Günter Ehrich wünscht sich ein Abo-Modell statt des Rundfunkbeitrags. Er schreibt: „Ein Pay-TV-Modell mit Verschlüsselungstechnik wie es zum Beispiel Sky benutzt, ist das beste Zukunftsmodell auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Man bezahlt nur für Dienste, die man auch nutzen möchte." Das wäre gerechter. NICHT MEIN PROGRAMMKlaus Ellerbrock stört sich vor allem an der Entwicklung des Programms von WDR 2. „Das aufgesetzte Spaßprogramm – insbesondere beim Moderatorenwechsel kurz vor 9 Uhr – ist kaum auszuhalten", kritisiert er ebenso wie „die Hörerbeteiligungen an allen (un)möglichen Themen". Sein Fazit: „Es ist nicht mehr mein Programm." Tolle Alternativen seien WDR 5 und Cosmo. „Dafür bin ich gern bereit, den aktuellen Gebührenbeitrag zu leisten – und ihn auch gern per Index regelmäßig ansteigen zu lassen." Sollte sich bei den Sendern eine zu große Bequemlichkeit einstellen, dann könne man das Index-Modell ja nach einigen Jahren überprüfen, schlägt er vor. GEGEN DAS INDEX-MODELLAnders Dorothee Prins-Polenz. Sie lehnt das Index-Modell ab. „Dass sich jetzt die Beiträge sogar automatisch erhöhen sollen, ist ja wohl das Letzte." Deutlich kritisiert sie die Krimiflut, die Darstellung von Mord und Totschlag, Vergewaltigungen und „anderer unglaublicher Rohheiten". Sie hingegen wünsche sich „Dokumentationen, die unsere Welt zeigen, wie sie ist. Und Programme, bei denen man etwas lernt." Mehr gut inszeniertes Theater, mehr Ballett und mehr Livekonzerte wünscht sie sich zudem und „Nachrichten aus aller Welt, möglichst zeitnah und vollständig (nicht gesiebt!) und mal eine tief schürfendere Talkshow." WIDER DIE KRIMIFLUT Auch Florian Böllhoff geht mit der Krimiflut im Fernsehen scharf ins Gericht. Er schreibt: „Wir, Sie, die Medien, die Politik, die Pädagogen, die Polizei, die Kirche usw. beklagen zurecht die zunehmende Verrohung unserer Gesellschaft. Was tun die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten? Sie überfluten die Menschen mit einem permanent zunehmenden Strom von Gewalt, Mord, Totschlag, Vergewaltigung und sonstigen Verbrechen und machen diese dadurch zu einer unterhaltsamen Selbstverständlichkeit." Diesem offensichtlich quotenjagenden Umgang des deutschen Fernsehens mit diesen Themen müsse energisch widersprochen werden. „Hier liegt eigentlich der Skandal."Ein Ärgernis sei es zudem, „dass wir mit den nicht unerheblichen Gebühren dieses Sendeverhalten noch unterstützen." Von einem verantwortungsbewussten Umgang der Rundfunkanstalten mit diesem Geld könne trotz vollmundig anderer Beteuerungen nicht die Rede sein, meint Böllhoff. OHNE WERBUNGBereit, höhere Rundfunkbeiträge zu zahlen, wären hingegen Elisabeth und Josef Hanel, „wenn die unendlich störenden Verkehrshinweise gänzlich entfielen" und auch „die Werbeeinblendungen ganz entfallen würden". Die Werbung werde man wohl in unserer gültigen Gesellschaftsordnung ertragen müssen, sie gehöre aber grundsätzlich nicht in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, schreiben sie und betonen: „Wir empfinden Werbeeinblendungen oft als erniedrigend." UNABHÄNGIGKEIT KOSTETEin klares Bekenntnis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk legt Michael Hahn in seinem Schreiben ab. „Ich zahle ohne großes Murren die Rundfunk- und Fernsehgebühren und wäre auch mit einem Index-Modell einverstanden." Er sei nämlich überzeugt, dass die Bedeutung dieser Medien wie auch der Zeitungen in Zukunft eher steigen werde und zwar vor allem im Bereich sachlicher Information und Dokumentation, betont Hahn, der anfügt: Diese Unabhängigkeit koste eben. „Dafür erwarte ich mir aber von den Öffentlich-Rechtlichen auch wirklich gute journalistische Arbeit und auch gute Unterhaltung, keine Quoten-Orientierung, keine Hofberichterstattung wie es leider oft 
vorkommt und auch keine Talk-Shows mit seichten Debatten. Das können die privaten Sender ruhig machen, 
und bei denen ist es mir auch egal." WENIGER PERSONALManfred Düscher wiederum ist ganz anderer Meinung als Michael Hahn: „Bevor auch nur ansatzweise über neue Finanzierungsformen verhandelt wird, muss erst mal radikal gehandelt werden", schreibt er. „Externe Profi-Hinterfrager sollten in den betreffenden Sendeanstalten sprühend dazwischenfunken, so dass nach den Aufräumarbeiten der aktuell noch aufgeblähte Personalbestand spürbar auf Normalmaß gestutzt werden und der hehre Informationsauftrag weiterhin locker zu erfüllen ist." Zudem würde er Tandem-Auftritte in Nachrichten-Sendungen abschaffen. Düscher ist sich 
sicher, „dass der ewige Patient öffentlich-rechtlicher Rundfunk immer noch bestens mit Geld ausgestattet ist, wenn die Stuben aller Art erstmal besenrein sind." BILDUNGSAUFTRAG „Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekomme ich einen ziemlich dicken Hals", schreibt Wolfhard Jording. Besonders enttäuscht ist Jording von WDR 2. „Seit dieser Sender dem Motto nachjagt ,Dumm-Dümmer-WDR2’ mit zum Teil schrecklicher Musik und dümmlichen Kommentaren höre ich diesen Sender gar nicht mehr." Er frage sich, „wo der Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bleibt?". Über die Rundfunkgebühren ärgere er sich, schreibt Jording und betont: „Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich wieder auf seinen Bildungsauftrag besinnt und mehr deutsche Musik (mit weniger dümmlichen Texten) sendet, sind die jetzigen Rundfunkgebühren akzeptabel." Bei einer Erhöhung könne man ja auch mal die aktiven Hörer befragen. „Ändere sich nichts, dann sollte man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen." AUS  STEUERN FINANZIERT Auch Karl-Volker Faust kritisiert, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihrem Bildungsauftrag, mit dem sie die Zwangsgebühren immer rechtfertigten, meist nicht nachkommen würden „und wenn überhaupt nur an wenigen Tagen im Monat, in der Regel nach 22.15 Uhr". Stattdessen würden dem Zuschauer „gefühlte 100 Krimis auf allen Kanälen, und das Tag für Tag zugemutet. Und dann wundert man sich darüber, dass unsere Gesellschaft verroht, wenn roheste Gewalt zur täglichen Normalität gemacht wird." Er wünsche sich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen (guter) Unterhaltung und einem Programm, das dem Bildungsauftrag im weitesten Sinne gerecht wird. Auch zum Themen Finanzierung hat Faust eine deutliche Haltung: „Ein deutlich abgespeckter öffentlich-rechtlicher Rundfunk sollte aus Steuern finanziert werden und bei der Verteilung der Finanzen einem Indexschlüssel folgen, der die Anteile von Information, Unterhaltung und Bildung in dem oben angeführten ausgewogenen Verhältnis berücksichtigt." FÜR DAS INDEX-MODELL Ein klares Bekenntnis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk legt Gundula Laaser ab: „ARD, ZDF, alle Dritten, ZDF neo/info, 3sat, Tagesschau24, Arte etc. sind für mich Sender, die mir den monatlichen Rundfunkbeitrag wert sind." Sie persönlich habe kein Problem mit der Index-Finanzierung, könne sich aber vorstellen, dass das für manchen treuen Zuschauer nach und nach zu teuer werde. Laaser betont: „Unverzichtbar ist für mich der solide Journalismus der öffentlich-rechtlichen Sender." Bei denen könne sie sich auf sauber recherchierte Fakten verlassen; hier bekäme sie „Hintergrundinformationen, die durch Online-Angebote noch weiter vertieft werden." KÜNDIGUNGSRECHT Auf Widerspruch stößt das Index-Modell hingegen bei Rainer Marzi. Er formuliert: „So lange solche Modelle nur privilegierten Gruppen wie Bundestags-Abgeordneten etc. zugeschustert werden, ist das für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der eher sparsam mit unseren Beiträgen umgehen sollte, sicher keine gute Lösung." Marzi ist sich zudem sicher, „dass der staatliche Auftrag für eine neutrale Information über die Lebenswirklichkeiten auch mit einer Anstalt erfüllbar wäre...

realisiert durch evolver group