Rätselhafte Zeichen: Linguistin Louise (Amy Adams) entschlüsselt die Schrift der Aliens. - © Sony
Rätselhafte Zeichen: Linguistin Louise (Amy Adams) entschlüsselt die Schrift der Aliens. | © Sony

Film So sieht ein Wissenschaftler den Science-Fiction-Film "Arrival"

Interview: In dem Streifen versucht eine Sprachwissenschaftlerin, mit Außerirdischen zu kommunizieren. Wie gelungen das ist, erzählt Forscher Sascha Griffiths

Anke Groenewold
13.02.2017 | Stand 13.02.2017, 16:32 Uhr |

Bielefeld. In dem Science-Fiction-Film "Arrival" besuchen Außerirdische die Erde. Eine Linguistin soll für Verständigung sorgen und die Menschheit retten. Der Sprachwissenschaftler Sascha Griffiths erklärt im Interview, warum er die Darstellung seines Fachbereichs im Film für gelungen hält. Herr Griffiths, wie finden Sie als Sprachwissenschaftler „Arrival"? Sascha Griffiths: Ich finde den Film sehr interessant. Er hat eine Science-Fiction-Story, behandelt aber auch die große Frage, wie Sprache funktioniert und was die Bedeutung von Sprache insgesamt ist. Mich fasziniert besonders die reelle Umsetzung dieses Themas. Sprachwissenschaftler bei der Arbeit sind im Film so gut wie nie zu erleben. Griffiths: In den sozialen Medien haben Linguisten viel über „Arrival" diskutiert. Sie sind sich einig, dass er die beste Werbung für unseren Fachbereich seit dem Film „My Fair Lady" ist. Das war 1964. Seitdem war kein Linguist mehr der Hauptcharakter in einem großen Hollywoodfilm. Gab es auch Kritik? Griffiths: Belächelt wird, wie das Arbeitsfeld von Louise Banks dargestellt wird, die zum Beispiel einen Kurs über Struktur und Geschichte des Portugiesischen gibt oder als Übersetzerin arbeitet, was unter Linguisten nicht üblich ist. Ich fand es aber interessant, weil Banks einen konkreten Einblick in Sprache hat. Ein weiteres Detail, das diskutiert wird: Im Film spielen die Chinesen mit den Außerirdischen Mahjong. Eine US-Linguistin sagte in einem Interview, dass das kein Sprachwissenschaftler machen würde. Ich fand das brillant. Warum? Griffiths: Für mich, der seit Jahren in der Informatik an Sprachverarbeitung baut, ist das völlig eingängig, denn so arbeiten wir mit Maschinen. Man schaut auf eine gemeinsame Situation, es gibt klare Regeln und konkrete Dinge, über die man redet. Im Film kommen sie ja zu dem Schluss, dass die Chinesen den Heptapoden Spiel und Wettbewerb beibringen. Aber dass wir kooperieren, scheint eine Basis für unsere Sprachfähigkeit zu sein. Wenn man mit einem kleinen Schimpansen ein Spiel spielt und mittendrin aufhört, geht der einfach weg. Kinder dagegen erinnern einen daran, dass das Spiel noch nicht vorbei ist. Es geht nicht nur darum, dass am Ende einer gewinnt oder verliert, sondern es geht auch darum, das Spiel bis zum Ende gemeinsam zu gestalten. Wenn Sie den ersten Kontakt zu diesen Wesen aufnehmen müssten, würden Sie dann ebenfalls als erstes ein Schild mit dem Wort „Mensch" hochhalten? Griffiths: „Mensch" hätte ich wahrscheinlich nicht gewählt. Wobei das in der Geschichte schon häufig vorgekommen ist. „Tedesco", das Wort, das die Italiener für Deutsche haben, bedeutet einfach nur „Leute". Bantu bedeutet „Person". Aber bei dieser Arbeit ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass man zuerst sich selbst vorstellt. Dann hofft man, dass die andere Partei auf sich zeigt und den eigenen Namen sagt. Der eigene Name ist konkreter als ein abstraktes Konzept wie „Mensch", das viele Fragen aufwirft. Im Film kommunizieren die Linguistin und die Aliens nicht mit gesprochener Sprache, sondern mit komplexen, kreisförmigen Zeichen, die an Kaffeeränder erinnern und ein Konzept von Zeit widerspiegeln, das sich radikal von unserem unterscheidet. Das klingt sehr außerirdisch. Griffiths: Menschliche Sprache ist linear und geht zeitlich von einem Punkt zum anderen. In der Schriftsprache der Aliens scheint das nicht der Fall zu sein. Das hat dann Konsequenzen im Film. Das ist aber gar nicht so unwahrscheinlich. Es gibt wissenschaftliche Arbeiten, die plausibel erklären, dass Sprache die Zeitwahrnehmung beeinflussen kann. Ich glaube, es ging Ted Chiang, dem Autor der Kurzgeschichte, auf der der Film beruht, auch weniger um die Plausibilität als darum, Standarddenkmuster zu verlassen und Möglichkeiten zu erkunden. Wären diese abstrakten Schriftzeichen wirklich so einfach zu entschlüsseln wie das im Film geschieht? Griffiths: Man darf nicht vergessen, dass die Schrift von einer Künstlerin entworfen wurde. Aber diese Zeichen mit moderner Technik in Teile aufzuteilen und dann Hypothesen aufzustellen, was für ein Wort das sein könnte, das halte ich für sehr plausibel. Unter anderem, weil das Teil meines Forschungsgebiets in den letzten zwei Jahren war. Inwiefern? Griffiths: Sprachen haben statistische Gleichmäßigkeiten, die sehr beständig sind. Gibt man einem Computerprogramm Text ohne Leerzeichen, kann man die Zeichen auszählen, ihre Verteilung ermitteln und dann die Wörter wiederfinden. Wenn man genug Beispiele einer Sprache hat, kann man berechnen, wo Silben, Wortbausteine und Wörter zu Ende sind. Sie sind auch Mathematiker, oder? Griffiths: Ich habe Mathe und Englisch mit dem Schwerpunkt Linguistik auf Lehramt studiert und bin jetzt bei der Informatik gelandet. Dazwischen habe ich linguistische Feldforschung betrieben. Wo? Griffiths: Ich war in Kamerun und habe tatsächlich eine ähnliche Situation erlebt wie die Linguistin im Film. Trafen Sie auf eine gänzlich unbekannte Sprache? Griffiths: Wir wussten, dass es dieses Volk mit ungefähr 1.000 Menschen und ihre Sprache gibt. Außerdem existierte bereits eine Liste von Wörtern. Das ist ein typisches Vorgehen, wie es auch die Linguistin im Film macht. Zum Beispiel geht man die Körperteile durch und fragt, wie sie heißen. Man sucht die Wörter, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie in jeder Sprache vorhanden sind. Was ich untersucht habe, ist, ob diese Sprache die nächsten 100 Jahre überleben wird. Und, wird sie überleben? Griffiths: Ich stieß auf eine relativ einzigartige Situation. Im Normalfall verlieren die Leute erst ihre Sprache, dann die Kultur und den Zusammenhang, und am Ende verschwindet das Volk. In diesem Fall war es aber so, dass sie ihre kulturellen Bräuche zwar nicht mehr praktizierten, die Sprache wurde aber täglich gesprochen. Und jetzt arbeiten Sie in der Mensch-Roboter-Interaktion? Griffiths: Ich interessiere mich für das Phänomen, das auch Thema des Films ist. Wie baue ich eine Kommunikation auf, wenn es kein gemeinsames Kommunikationsmittel gibt? Am Montag, 20. Februar, wird Sascha Griffiths im Bielefelder Kino „Kamera", Feilenstraße 4, in der Reihe „Science Cinema" nach der Vorführung von „Arrival" über die Wissenschaft in dem Film sprechen. Beginn ist um 19 Uhr. Kartenreservierung unter Tel. (05 21) 6 43 70.

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