Hohe Schuhe, spitze Knochen: Es geht wieder los mit der nächsten Runde Germany's next Topmodel. - © dpa
Hohe Schuhe, spitze Knochen: Es geht wieder los mit der nächsten Runde Germany's next Topmodel. | © dpa

TV Warum eine Jugendforscherin Germany's Next Topmodel den Krieg erklärt hat

Die Frauenrechtlerin über Schönheitsideale, Tricks der TV-Macher und 12-Jährige auf Hungerkurs

Anneke Quasdorf

Frau Schmiedel, Sie protestieren mit ihrer Organisation „Pink Stinks" vehement gegen die Sendung „Germanys next Topmodel". Warum? Stevie Meriel Schmiedel: Ich kann gut verstehen, dass viele Mädchen und Jungs die Sendung gerne sehen. Da gibt es tolle Shootings, spannende Orte, glamouröse Kleider und Make-ups. Dagegen haben wir auch gar nichts einzuwenden. Was uns stört, ist, dass viele Mädchen, die die Sendung schauen, danach an ihren Bäuchen herumkneifen und sagen: „Ich bin zu dick!" Ihrer Organisation geht es aber vor allem darum, Rollenzuschreibungen für Mädchen und Jungen aufzubrechen. Mal provokant gefragt: Lernt ein Mädchen, das Germany's next Topmodel sieht, nicht auch, dass Frauen berufstätig und erfolgreich sein und viel Geld verdienen können? Schmiedel: Nein. Es lernt, dass es dünn sein muss, um schön zu sein. Es lernt, dass mit ihm etwas nicht stimmt, weil es nicht so aussieht, wie die Models auf den Bildern und in den Filmen. Alle diese Bilder vereinen sich in der Vorstellung dieser Mädchen zu einer ständigen Vorlage für den Traum, wie es sein soll. Dabei geht das gar nicht. Und die Auswirkungen, das belegen ganz klare Zahlen, sind mehr als bedenklich. Welche Zahlen sind das? Schmiedel: Die neue Dr.-Sommer-Studie der BRAVO belegt, dass die Hälfte aller befragten Mädchen zwischen elf und 17 Jahren unzufrieden mit ihrem Körper sind. 78 Prozent glauben, dass es einen Zusammenhang zwischen Beliebtheit und "dünn" sein gibt. Jedes dritte Mädchen ab 13 Jahren kontrolliert bereits das Gewicht. Jede vierte 12-Jährige gibt an, schon mal eine Diät gemacht zu haben. Zum Vergleich: 2006, als es die Sendung noch nicht gab, waren noch 70 Prozent der Mädchen von 16 bis 17 Jahren mit ihrem Aussehen zufrieden. Drei Jahre später waren es nur noch 55 Prozent. Und 2012 waren es gerade mal noch 47 Prozent. Und das liegt nur an Germany's next Topmodel? Schmiedel: Nein. Natürlich surft das Format auf einer Welle, die unsere gesamte Gesellschaft erfasst hat. "Germany's next Topmodel" treibt diese Welle aber auch voran. Geradezu pervers finde ich zum Beispiel, welche Zielgruppe die Sendung mittlerweile anspricht. Die Altersfreigabe im Fernsehen liegt bei 12 Jahren. Das passende Magazin, das der Egmont Ehapa Verlag in diesem Jahr dazu herausgibt, richtet sich an Mädchen zwischen acht und 12 Jahren! Das ist doch krank. Dann ist es doch eigentlich eine gute Nachricht, dass die Einschaltquoten für GNTM massiv gesunken sind. 2015 hatte die Sendung einen Marktanteil von 7,6 Prozent, 2014 waren es noch 10,9 Prozent. Schmiedel: Eigentlich ja. Das Problem ist: Der Anteil der 12- bis 16-Jährigen, die einschalten, ist immer noch so hoch, dass sich das Format aufgrund der Werbeeinnahmen auch dann noch lohnen würde, wenn nochmal eine Million Zuschauer weniger dabei wären. Und genau diese Zielgruppe ist ja so gefährdet, weil sie so leicht beeinflussbar ist. Das macht sich die Sendung auch zunutze. Inwiefern? Schmiedel: Nachdem die Kritik an GNTM laut geworden war, fällt jetzt auf, wie oft Heidi Klum in den Folgen mit den Mädchen isst und kocht. Es wird suggeriert: So lange sie sich gesund ernähren und viel Sport machen, können die Mädchen ganz normal essen. Das stimmt natürlich nicht. Bei den Mädchen vor dem Fernseher entsteht aber der Eindruck, dass mit ihnen selbst etwas nicht stimmt, weil sie normal essen und trotzdem nicht mager sind. Oder aus ihrer Sicht: dem eigenen Schönheitsideal nicht entsprechen. Sie sind Genderforscherin - woher kommt dieser Schlankheitswahn überhaupt - und wann hat er begonnen? Schmiedel: Das hat in den 60er Jahren begonnen. Seitdem sind Frauen in Filmen und auf Bildern immer dünner und zarter geworden. Wir glauben, dass es daran liegt, dass Frauen in dieser Zeit viel mehr Freiheiten bekommen haben: Sie durften selbst entscheiden, ob sie arbeiten gehen, und seit der Einführung der Pille auch, ob sie ein Kind bekommen möchten oder nicht. Diese Selbständigkeit hat die Gesellschaft verunsichert und sie hat darauf reagiert, indem sie ein Bild schafft, das sagt: „Frauen sind gar nicht so unabhängig, sie sind zart, schlank und jung, sie müssen beschützt werden." Viele Mädchen scheinen sich in diesem Bild aber irgendwie wiederzufinden - obwohl mittlerweile sogar selbst Models ihren eigenen Job öffentlich kritisieren. Schmiedel: Das stimmt. Das Victoria's-Secret-Model Cameron Russell hat mal gesagt: „Selbst wenn du noch so dünn bist und noch so tolle Haare hast, stehst du als Model jeden Tag auf und denkst: Oh Gott, hoffentlich bin ich so schön wie die anderen." Das heißt, die Unsicherheit hört nie auf, wenn du dich immer mit anderen vergleichst. Also müssen Mädchen nicht unbedingt aufhören, Germany's next Topmodel zu gucken, sondern sie müssen aufhören, sich zu vergleichen?Schmiedel: Richtig. Sie müssen wissen: Nur zwei Prozent der Weltbevölkerung sehen aus wie Models. Danach muss man sich nicht richten! Und sie müssen wissen: Es muss nicht normal sein, dass ich mich dick und unzufrieden mit meinem Körper fühle. Viele Leute sagen, dass diese Gefühle in der Pubertät normal sind. Aber das stimmt eben nicht. Viele dieser Gefühle gäbe es gar nicht, wenn die Medien nicht so ein strenges Schönheitsideal vorgeben würden. Das hat übrigens noch eine schlimme Nebenwirkung. Welche? Schmiedel: Wir wissen von Sozialarbeitern, dass Mädchen sich gegenseitig noch nie so heftig fertiggemacht haben wie heute. Es gibt Mädchen, die gehen nicht zum Sport, weil sie nicht aussehen wie die Mädchen bei „Germany's next Topmodel". Mädchen ziehen sich nicht voreinander um, weil sie Angst vor den Blicken der anderen haben - das ist doch schlimm! Stimmt. Was haben Sie bislang mit Ihrer Organisation erreicht? Schmiedel: In Bezug auf Germany's next Topmodel haben wir erreicht, dass kritische Pressestimmen nicht nur vereinzelt auftauchen. 2015 gab es eine Podiumsdiskussion mit Pro7, dem Sender der GNTM ausstrahlt. Gleichzeitig führen wir unseren Youtube-Kanal für 12-16-Jährige ein, in dem sich die Youtuberin Lu Likes mit viel Humor gegen die GNTM-Diktatur und für Vielfalt ausspricht. Durch eine Petition haben wir 2015 außerdem erreicht, dass die Kommission für Jugendmedienschutz die Sendung erneut prüfen musste. Leider lautete das Urteil: nicht gefährdend. Es wurde am ersten Drehtag von Germany's next Topmodel in Deutschland veröffentlicht. Was für ein Zufall, oder? Was ist Ihre Botschaft an die Mädchen von heute? Schmiedel: Schließt Frieden mit eurem Körper und habt Spaß am Leben! Ihr seid toll so, wie ihr seid!

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