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Fröstelnd im Federkleid: Irina Simmes (Violetta), im Hintergrund der Opernchor als Trauerzug in der Bielefelder Verdi-Inszenierung. Fotos: Bettina Stoess - ©Bettina StoessVeröffentlichung HonorarpflichtigBank:Bettina Stöß, Sparkasse SaarbrückenIBAN: DE5759050101021
Fröstelnd im Federkleid: Irina Simmes (Violetta), im Hintergrund der Opernchor als Trauerzug in der Bielefelder Verdi-Inszenierung. Fotos: Bettina Stoess | ©Bettina StoessVeröffentlichung HonorarpflichtigBank:Bettina Stöß, Sparkasse SaarbrückenIBAN: DE5759050101021

Kultur Großer Wurf: "La Traviata" in Bielefeld

Eine überragende Irina Simmes in der Rolle der Violetta Valéry in der eindringlichen "La Traviata“-Inszenierung von Nadja Loschky am Theater Bielefeld

Johannes Vetter
08.10.2018 | Stand 08.10.2018, 15:53 Uhr

Bielefeld. Die Bühne: Grau in Grau, dunkel und leer. Geraffte Vorhänge wie in Stein erstarrt. Hin und wieder getaucht in rötliches oder bläuliches Licht, als sollte an ein Leben vor dem Tod erinnert werden. Die todkranke Violetta tritt auf wie ein verlorenes Kind. An ihrer Seite ein mysteriöses Alter Ego. Die Violinen raunen im dreifachen piano, aus der Stille herüberwehend. Ein Trauerzug bricht schweren Schrittes ein in die graue Tristesse, während die Violoncelli das Liebesthema schlechthin spielen. Selten hat eine Inszenierung von „La Traviata" die Ouvertüre so knapp und verdichtet realisiert. Nun werden die Geister der Vergangenheit lebendig. Der Salon Violettas. Die begehrteste Kurtisane von Paris – umschwärmt und einsam im Mittelpunkt. Wie ein szenischer Refrain zeigt sich immer wieder der Trauerzug. Das Publikum erlebt „La Traviata" vom Ende her, während sich die Protagonisten erst zu ihm durchkämpfen müssen. Der Wissensvorsprung bewirkt Empathie, die Verdis Musik noch triggert. „Viele scheuen die Fahrt ins Ungewisse nicht." Die monumental ungelenken Lettern geistern über die Bühne, werden brüchig, lückenhaft, zerbröseln schließlich. Alfredo entdeckt Violetta seine Liebe; Violetta geht volles Risiko und reißt sich selbst heraus aus ihrer Welt. Alfredos Vater interveniert brutal im Namen eines anstößigen Anstandes und sorgt für seelische Verwüstung. Das Ende ist der Anfang. Violetta erliegt ihrer Tuberkulose. Die dem Sterben eigentlich beiwohnenden Männer singen „draußen vor der Tür", während Violetta in die Arme ihres Alter Egos sinkt, das sie mit Engelsflügeln umschließt. So zartfühlend schön ist wohl noch nie eine Violetta dahingegangen. Es ist eine außergewöhnlich achtsame Inszenierung. Nadja Loschky (Regie), Katrin Connan (Bühne) und Katharina Schlipf (Kostüme) haben sich nicht hinter ihren Ideen verbarrikadiert, sondern Gesangsensemble und Chor nach ihren Begabungen und Möglichkeiten eingesetzt und rücksichtsvoll geführt. Ihr Trumpf-Ass ist Irina Simmes, mit der ein neuer Stern am Opernhimmel aufgeht. Sie singt die mörderische Partie der Violetta makellos und elegant, kontrolliert und zugleich mit überströmender Leidenschaft. Sie meistert brillant die extremsten Stimmlagen, zelebriert bezaubernd jene Stellen, wo ihr laut Partitur fast die Stimme zu versagen hat. Ihr gelingt die heikle Gratwanderung zwischen Lebenswillen und Todesangst; ihre umwerfende Präsenz stellt sie fraglos in den Dienst Verdis. Sie verfügt über ein erstaunliches choreographisches Potenzial. Alfredo ist Daniel Pataky anvertraut; große Momente hat er in den innigen kammermusikalischen Kontexten. Alfredos Vater, dieser prinzipienfeste und später reumütige Zerstörer, findet in Evgueniuy Alexiev einen restlos überzeugenden Darsteller, klar konturierte glanzvolle Stimmführung, sich vom hartherzigen Besserwisser zum Frauenversteher mausernd. Opernchor und Extrachor (Hagen Enke) sind hochmotiviert, präzise studiert und überzeugen mit großer Begabung für choreographische Abläufe, die Thomas Wilhelm entwickelt hat, der zugleich Violettas Alter Ego mit stupendem Einfühlungsvermögen tanzt, ein Highlight und Schlüsselmoment der Inszenierung. Die Bielefelder Philharmoniker unter Alexander Kalajdzic zeigen sich in Hochform. Der GMD kennt Verdis Welt aus dem effeff. Streicherschmelz wie selten zuvor. Energiegeladenes, niemals ruppiges Blech, edles, schmeichelndes Holz. Ohne eine so gelungene Musik wäre die beste Inszenierung nichts wert. Dem Bielefelder Theater ist ein großer Wurf von überregionaler Bedeutung gelungen. Die Premiere war ausverkauft, das Publikum reagiert mit Begeisterungsstürmen. Weitere Vorstellungen: 10.10., 24.10., 28.10., 2.11., 11.11., 17.11., 6.12., 11.12., 29.12.; weitere Termine 2019. Karten: Tel. (0521) 555-444.

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