Kultur "Krönung der Poppea" in Bielefeld gefeiert

Nadja Loschky inszeniert Claudio Monteverdis Oper mit aktuellen Bezügen. Das Publikum feiert die Premiere enthusiastisch

Thomas Dohna

Die Programmgestalter des Stadttheaters Bielefeld konnten nicht wissen, wer zur Zeit der Premiere von Claudio Monteverdis 1643 entstandener Oper „L’Incoronazione di Poppea“ (Die Krönung der Poppea) in den USA im Weißen Haus regieren würde. Die Inszenierung wirkt allerdings so, als hätten sie es gewusst. Als Claudio Monteverdi 1643 seine Oper erstmals aufführte, tobte der Dreißigjährige Krieg schon 25 Jahre. Vor allem nördlich der Alpen verbreiteten Söldnertruppen unter den Fahnen der verschiedenen christlichen Konfessionen Angst und Schrecken. Dabei war es den meisten völlig gleich, unter welcher Flagge sie raubten und brandschatzten. Für sie ging es ums Geld, für ihre Heerführer um Geld und Macht. Monteverdi griff erstmals in der damals noch jungen Geschichte der Oper einen historischen Stoff auf, ganz ähnlich wie es Giuseppe Verdi einige hundert Jahre nach ihm tat. Er kleidete die historischen Geschehnisse in das Gewand der Allegorie.Aktuelle politische Bezüge unübersehbar Der Prolog mit der Wette Amors mit Fortuna und Virtù hebt den Stoff ins Mythologische. Verdi verlegte die Handlung in andere Zeiten. Bei beiden wusste das Publikum, was gemeint war: Kritik – oder wenigstens die Darstellung der kritikwürdigen gegenwärtigen Verhältnisse von Herrschaft unter den Bedingungen der Zensur. Vor wenigen Monaten noch hätte die Bielefelder Inszenierung als Erinnerung an den 450. Geburtstag Monteverdis und als allgemeine Allegorie und Warnung vor dem ungebremsten und emotional gesteuerten Missbrauch von Macht gelten können. Heute jedoch sind die Bezüge zur aktuellen politischen Lage unübersehbar. Da ist Nero. Er ist schon Kaiser. Senat und Volk gewähren ihm nahezu unbeschränkt Macht. Allein die Weisheit und Wissenschaft in Person des Philosophen Seneca (trotz Erkältung eindringlich und überzeugend Bass Moon Soo Park) bietet ihm noch gewisse Grenzen. Er verurteilt Seneca zum Tode. Damit spielen Wissenschaft und Vernunft in den Entscheidungen Neros keine Rolle mehr. Da ist Ottavia, seine Frau, älter als er. Und Poppea (zwischen lasziv verführerisch und machtgeil Cornelie Isenbürger) ist auch da, sie ist wohl auch älter als er. Sie ist ehrgeizig, sie will an die Macht und Kaiserin werden. Sie ist allerdings mit Ottone verheiratet, der als hoher Offizier gerade nach Rom zurückkehrt (Evgueniy Alexiev). Die Gunst Neros hat sie bereits erobert. Der ist geradezu besessen von ihr und ihren Verführungskünsten. Poppea stehen nur noch Ottavia und Ottone im Weg. Ottavia (eindrücklich verzweifelt Melanie Kreuter) fühlt, dass sie diesen Machtkampf verlieren wird. Sie zwingt Ottone einen Mordversuch gegen Poppea zu unternehmen. Der misslingt. Neros Leute decken das Komplott auf. Damit ist Poppea am Ziel, Ottavia und Ottone nebst dessen Helferin Drusilla werden verbannt. Nero und Poppea feiern Hochzeit. Nadja Loschky führt die Regie. Wie bei ihrer Inszenierung von Benjamin Brittens „Death in Venice“ am Stadttheater Bielefeld zieht sie subtile, dennoch unübersehbare Parallelen zur heutigen Situation. Sie versucht gar nicht, historisierend zu wirken. Das würde unter den Bedingungen, möglichst viel Personal des Stadttheaters einzubinden, auch nicht funktionieren. Ohnehin ist die Inszenierung nichts für Puristen der sogenannten Alten Musik. Zwar singt der Sopranist Ray Chenez den Nero. Er gehört aber offenbar zu den jungen Künstlern der Alten Musik, die die Werke nicht mehr als aus einer fernen Zeit stammend begreifen, sondern als Ereignisse im Jetzt. Will sagen: Chenez interpretierte nicht die Sopranpartie, sondern den unmoralischen Lustehrgeiz des Nerone. Im Orchestergraben klingen unter der souveränen Leitung von Merijn van Driesten Darmsaiten, Erzlauten, Cembalo und Orgel. Natürlich könnte das alles im Sinne historisch informierter Aufführungspraxis farbiger sein, durch kundigere Behandlung von Harmonien, durch vielfältigere Instrumentation und virtuosere Behandlung des musikalischen Stoffes. Vielleicht aber würde das nur von der eigentlichen Botschaft der Oper und ihrer Inszenierung ablenken: Dass Macht, ausgeübt ohne Vernunft und moralische Beschränkung, am Ende vergiftet: Den, der die Macht hat; die, die an die Macht will, und alle anderen, die nichts dagegen tun.Amor vergiftet den Hochzeitswein Loschky lässt am Ende Amor den Hochzeitswein vergiften. Die Kostüme (Gabriele Jaenecke) machen deutlich, wer zu welcher Gruppe gehört. Nerones Kostüm erinnert an Uniformverliebtheit der 1930er Jahre. Das Bühnenbild Ralf Käselaus ist mit Treppe und Stellwänden flexibel und universell. Das Publikum applaudierte sehr herzlich, am Ende sogar stehend. Etliche Bravos unterstrichen, dass es Sinn macht, auch Werke längst vergangener Epochen auf Stadttheaterbühnen zu inszenieren, wenn, wie es Nadja Loschky und das gesamte Ensemble unternehmen, auf ihren noch heute gültigen Kern hin analysieren und nicht als Museumsstücke begreifen. Weitere Aufführungen: 20. und 30. Juni; 2., 5. und 11. Juli. Karten: Tel. (0521) 51 54 54.

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