Gegenspieler: Doreen Nixdorf als Detective Morris und Thomas Wolff als Physikpädagoge Mr. Doyle in „Die Netzwelt". - © Philipp Ottendörfer
Gegenspieler: Doreen Nixdorf als Detective Morris und Thomas Wolff als Physikpädagoge Mr. Doyle in „Die Netzwelt". | © Philipp Ottendörfer

Kultur Mörderisches Wechselspiel: "Die Netzwelt" feiert Premiere im TAM

Paradiese sind ein gefährliches Pflaster

Bielefeld. Die rasante Entwicklung der digitalen Welt scheint ein vorläufiger Höhe- und Wendepunkt in der menschlichen Sehnsuchtsgeschichte zu sein, lockt sie uns doch bei allem praktischen Nutzen, die sie hat, mit der Möglichkeit zur Rückkehr ins Paradies. „Refugium" ist ein raffiniert programmiertes Netzwerk, in dessen virtueller Welt der User jede beliebige Rolle und Gestalt einnehmen und nach Gutdünken handeln kann, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Hier werden Obsessionen wahr. Im Bühnenstück „Die Netzwelt" von Jennifer Haley läuft es hinaus auf Kindesmissbrauch und Gewaltexzess. Tausende Fäden verbinden Refugium und reale Welt Detective Morris grätscht dazwischen. Doreen Nixdorf inszeniert sie als souverän und unnahbar, mit einem Hauch von Sadismus gegenüber jenen, die sie überführen will. Sie steht auf dem Standpunkt des großen Freud-Antipoden Carl Gustav Jung, dass Einbildungen ähnlich real seien wie jener Zustand, den die Vernunft Realität nennt. Und wenn Kindesmissbrauch und Mord in der sogenannten realen Welt Verbrechen sind, dann sind sie es auch in der virtuellen Welt und unterliegen den Bestimmungen des Strafgesetzbuches. Doch die Standhafteste ist nicht immun gegen Verlockungen. Beklagt sind Mr. Sims alias Papa, der die Plattform „Refugium" betreibt, und Mr. Doyle, der als bester Physikpädagoge seiner Zeit gilt. In wen sich User Doyle verwandelt, indem er sich ins „Refugium" einloggt, erschließt sich am Schluss des Dramas. Thomas Wolff porträtiert Doyle als Sarkastiker mit witzig-lichten Momenten und durchaus liebenswürdigen Zügen. Mr. Sims erweist sich als berechnender Netzwerkbetreiber, der sich nach allen Seiten rechtlich abgesichert hat und über ein Gespür für Kundeninteressen verfügt. Kaltblütiger Unternehmer Er bekennt sich gegenüber der Ermittlerin als pädophil und argumentiert nüchtern, er lebe seine Neigung doch besser im virtuellen Raum aus, als reale Kinder zu missbrauchen. Thomas Wehling mimt die Karikatur eines kaltblütigen Unternehmers, den seine Sehnsüchte zerreißen und der Opfer braucht, um sie kurzfristig zu stillen. Die virtuelle Welt mit Glanz und Glitter ereignet sich auf der Bühne hinter dem Vorhang, die Vernehmungen in der realen Welt in nüchterner Beleuchtung zwischen Vorhang und Publikum am Bühnenrand (Bühne: Marie Roth). Der einzige Protagonist, der in beiden Welten dieselbe Gestalt hat, ist Mr. Sims. Doyle und die Detektivin agieren in der realen, doch wird deutlich, dass beide in fremder Gestalt auch im „Refugium" engagiert sind. Dann gibt es noch zwei Gestalten, die das Publikum ausschließlich im „Refugium" erleben kann, und es bleibt lange ein Rätsel, welchen „realen" Figuren sie zugeordnet sind. Da ist Iris als ewige „Lolita". Maj-Britt Klenke spielt sie als zwiespältige Figur. Ist sie ein empfindsamer Mensch, der sich hinter Rolle des robusten Roboters verbarrikadiert; oder ist sie eine genial programmierte künstliche Intelligenz, kaum zu unterscheiden vom Menschen. Grenze zwischen Realität und Virtualität Hier wird die ungesicherte Grenze zwischen Realität und Virtualität geradezu schmerzhaft deutlich. Auch Mr. Woodnut ist ausschließlich im „Refugium" anzutreffen, ein zunächst schüchterner Herr, der Iris zunehmend verfällt und sich schließlich „ermannt", mörderisch tätig zu werden mit einer großen Axt. Lukas Graser schafft es mit Komik und Naivität, den Absturz vom anständigen Mitglied der Gesellschaft zum (virtuellen) Mörder nachvollziehen zu können, was einen das Schaudern lehrt. Die reale Welt ist mit dem Refugium durch Tausende Fäden verbunden. Das Publikum bleibt womöglich verwirrter zurück als es gekommen ist; ein dem Thema angemessenes Ergebnis der klugen und vielleicht noch ein wenig zu straffenden Inszenierung von Mareike Mikat. Paradiese sind ein gefährliches Pflaster.

realisiert durch evolver group