Übermächtig: König Filippo (Sebastian Pilgrim, r.) fürchtet sich vor dem Großinquisitor (Moon Soo Park), der in einer Projektion monströse Größe erlangt. - © Bettina Stöß
Übermächtig: König Filippo (Sebastian Pilgrim, r.) fürchtet sich vor dem Großinquisitor (Moon Soo Park), der in einer Projektion monströse Größe erlangt. | © Bettina Stöß

Kultur Hochtouriger Verdi auf Bielefelder Bühne

„Don Carlo“ hatte am Stadttheater Premiere / Jochen Biganzolis Inszenierung ist hintergründig / Orchester und Solisten reißen mit

Bielefeld. Am Anfang ist ein Würfel, und der Würfel ist die Welt. Wenn sich der Würfel dreht, öffnet und das Spiel beginnt, sitzt der jugendliche Carlos auf den ansteigenden Stufen eines schwarzen Raums. Der Film, der in Carlos’ Kopfkino läuft und auf einen schwarzen Vorhang projiziert wird, heißt Elisabetta. Sie ist die Frau, die er liebt, die aber gezwungenermaßen aus politischen Gründen seinen Vater, König Filippo von Spanien, geheiratet hat. Das Video erzählt diese Vorgeschichte aus Carlos’ Sicht, zeigt aber noch etwas anderes: einen jungen Mann, der es sich mit Popcorn gemütlich macht. Der seinen zur Zeitlupenschleife geronnenen Traum- und Sehnsuchtsbildern nachhängt. Der leidend um sich selbst kreist und schwer für die Welt zu interessieren ist, wie sein Freund Rodrigo feststellen muss, der den Sohn des Königs für Flanderns Freiheitskampf gewinnen will. Regisseur Jochen Biganzoli, Bühnenbildner Wolf Gutjahr und Kostümbildnerin Heike Neugebauer verzichten in der anregenden, sich einige Freiheiten gönnenden Inszenierung auf Spanienkolorit und Historisches. Die Kostüme sind modern. Das Bühnenbild ist abstrakt. Der drehbare Würfel hat zwei Räume – einen schwarzen mit Treppen und einen hellen, über dem der Goldflitter-Schriftzug „Rex" prangt – der spanische Hof. Mit dem Rücken zur Wand An den Außenwänden des Würfels sind Türen und Treppen, die Wege und Fluchten suggerieren, doch meist stehen die Figuren mit ihren unerfüllten Sehnsüchten und Konflikten buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. Oder malen sie auf selbige. Biganzoli konzentriert sich auf die Figuren, hinterfragt ihre Gefühle, ihre Motive und ihr Handeln vor dem politischen Hintergrund eines totalitären Systems. Er fügt innere Monologe hinzu, von Schauspielern gesprochene Passagen aus Schillers Vorlage, die das Profil der Hauptfiguren schärfen, ihre wundesten Punkte aufzeigen. Man kann das als Unterbrechung empfinden. Oder schätzen als stille, intime Momente der Reflexion in dieser durch keine Umbaupausen gebremsten, hochtourigen Oper. „Don Carlo" rückt nah an die Lebenswelt des Theaterpublikums heran, ohne dass die Oper eine konkrete Deutung erfährt. Bei aller Konzentration und Abstraktion hat das Kammerspiel einen hohen Schauwert. Was auch an den effektvollen, manchmal verblüffenden Videosequenzen (Thomas Lippick) liegt. Das Volk ergötzt sich an Morden und zückt Smartphones Die Figur des Großinquisitors ist eine Projektion – ein religiöser Fanatiker, der sich Kreuze ins Gesicht gemalt hat. Im Geiste König Filippos wächst er zu monströser Größe und Allmacht heran. Hinter dem halbtransparenten Vorhang aber steht sichtbar – ein Mensch. Beim Autodafé im zweiten Akt, der öffentlichen Verbrennung der Opfer der Inquisition, richtet Biganzoli den Fokus ganz auf die Masse, das königstreue Volk. Die Solisten sind aus dem „Bild" getreten und singen auf den Balkonen. Das Volk sitzt auf einer Tribüne und blickt in den Theatersaal, in dem ja ebenfalls Zuschauer sitzen. Derart eingebettet, ist das Opernpublikum auch auf sich selbst zurückgeworfen, wenn der Chor es mit Bildern konfrontiert, die die Gräuel in Flandern zeigen. Oder wenn sich das eben noch mitfühlende Volk, schnell wieder auf Linie gebracht, an der mörderischen „Show" ergötzt und mit Smartphones draufhält. Der gut dreistündige Abend ist kurzweilig, spannend und hochemotional. Alexander Kalajdzic und die Bielefelder Philharmoniker bescheren einen Hörgenuss und betörenden Farbenreichtum, musizieren klar und prägnant. Verdienten Jubel erntet auch das Sängerensemble. Mühelose Durchschlagskraft Wenn sie von Carlos zurückgewiesene Eboli Rache schwört, hebt Katja Starke mit ihrem funkelnden Mezzo und scheinbar müheloser Durchschlagskraft und guter Technik ab. Überzeugend ist sie aber auch im Lyrischen, wie sie in der Arie „O don fatale" unter Beiweis stellt. Die spielstarke Sarah Kuffner gestaltet mit strahlkräftigem und expressivem Sopran die Partie der Elisabetta. Ein bewegender, nuancierter Höhepunkt ist ihre Arie „Tu che la vanità". Tenor Daniel Pataky liefert ein ergreifendes Porträt der verzweifelten Titelfigur, für die es keine Rettung gibt – Carlo wird ermordet. Evgueniy Alexievs Rodrigo ist eine schillernde Gestalt: Der vokal geschmeidige und warm timbrierte Bariton fasziniert als geschickt lavierender Menschenkenner mit eigener Agenda. Den depressiven Carlo drängt er zur Rebellion, mit dem einsamen König lässt ihn die Regie ins Bett steigen. Am Ende tötet ihn nicht, wie zu erwarten, die Inquisition – Rodrigo rennt in das Messer, das er Carlo in die Hand legt. In der Rolle des unter seiner Aufgabe leidenden, ängstlichen und seine Unsicherheit mit Brutalität kompensierenden König glänzt der Herforder Sebastian Pilgrim. Er hat einen opulenten, kultivierten Bass und schlägt in der Arie „Ella giammai m’amò" kunstvoll verhangene Töne an. Mit kernigem Bass gibt Moon Soo Park den Großinquisitor. Ein Lob auch für den souveränen Chor (Hagen Enke).

realisiert durch evolver group