Vor dem Ausstellungsplakat am Waldhof: Manaf Halbouni, Vera Drebusch und Anna Witt (von links). - © Heike Sommerkamp
Vor dem Ausstellungsplakat am Waldhof: Manaf Halbouni, Vera Drebusch und Anna Witt (von links). | © Heike Sommerkamp

Bielefeld Internationales Kunstschau "Asylum" im Museum am Waldhof in Bielefeld

Kunstverein zeigt nachdenklich stimmende Werkezum Thema Flucht

Heike Sommerkamp
27.08.2016 | Stand 27.08.2016, 11:01 Uhr

Bielefeld. Sie haben Schwimmwesten genäht, einem gesunkenen Flüchtlingsboot nachgeforscht oder Flüchtlinge bei Asylrechtsverhandlungen begleitet: Die Künstlerinnen und Künstler, deren Werke der Kunstverein Waldhof mit „Asylum“ bis Ende Oktober präsentiert, haben sich auf originäre Art mit der Flüchtlingsthematik auseinandergesetzt. Thomas Kilppers Bilder hat man schon einmal gesehen: Der Künstler zeichnet beim Projekt „Burnout“ Zeitungsfotos von Anschlägen auf Flüchtlingsheime in Kohle nach, in Schwarzweiß und versehen mit Ort und Datum. Ein Index neuer fremdenfeindlicher Haltungen in Deutschland und Österreich, in dem auch Orte in der Nähe wie zum Beispiel Münster und Espelkamp auftauchen. Der in Syrien geborene Manaf Halbouni lebt in Dresden. In einem mit Hausrat und Büchern voll beladenen VW-Polo besuchte er als „Sachse auf der Flucht“ Pegida-Demonstrationen, doch der erhoffte Dialog blieb aus. Nun ziert eins seiner drei als Mini-Zuhause vollgestopften Autos unter dem Titel „Nowhere is home“ den Museumshof, um auf die Diskrepanz zwischen fluchtbedingtem Nomadenleben und der Sehnsucht nach einer Heimat hinzuweisen. Halil Altindere gibt dem aus Syrien geflohenen Rapper Mohammed Abu Hajar per Video eine Bühne: In „Homeland“ wird dessen Flucht visualisiert, unterlegt mit Abu Hajars Rapgesang, wobei dieser sich immer wieder mit intensivem Gestus direkt an die Kamera wendet. Die künstlerische Note des Videos – inmitten rennender Flüchtlinge schlagen einige Salto und Flicflac, im Wasser watende Flüchtlinge werden nicht etwa am Strand, sondern in Istanbuls historischem, unterirdischen Wasserreservoir gefilmt – unterstreicht die Eindringlichkeit der Botschaft. Tobias Zielony hat 2015 in Hamburg und Berlin junge Flüchtlinge fotografisch begleitet. Eines seiner großformatigen Farbbilder ziert das Asylum-Plakat. Seine Bilder stellte Zielony afrikanischen Zeitungen zur Verfügung, die sie gern abdruckten. Einige, wie der Daily Monitor (Tansania) und The News (Nigeria), liegen in der Ausstellung aus. Dazu gibt es zum Mitnehmen Zeitungen, in denen Zielony die porträtierten Menschen zu Wort kommen lässt. Die gebürtige Weißrussin Marina Naprushkina begleitet in Berlin-Moabit Flüchtlinge zu Verhandlungen – und sammelt ihre Eindrücke in Skizzen und Mitschriften. In Linolschnitten durften sich Flüchtlinge verewigen: mit Namen und Einreisedatum. Die Libanesin Mounira Al Solh hat auch Verwandte in Syrien. Mittels eines geschmuggelten Lamms reflektiert sie im Video „Now you eat my script“ die Hilfe, die sich Syrer und Libanesen gaben und geben – 1989 in der einen, heute in der anderen Richtung. Anna Witt achtet in ihrer dreiteiligen Videoinstallation „Durch Wände gehen“ sehr auf Augenhöhe: Statt Flüchtlingsschicksale als Außenstehende und womöglich von oben herab zu dokumentieren, gibt sie der in den Achtzigern aus der DDR geflüchteten Alexa Dreesmann und dem syrischen Flüchtling Ashraf Jabbal Raum, sich gegenseitig auszufragen. Iranisches Pflaumenmus, irakische Brombeermarmelade und saudi-arabischen Holundersaft stellt Vera Drebusch aus. Geerntet hat die Kölnerin die Früchte 2012 in Bonn, in verlassenen, aber noch nicht entwidmeten Botschaftsgärten. Der „Grenzübertritt“ war angesichts niedriger Mäuerchen nicht schwer, aber illegal. Außerdem gibt sie mit Postkarten von einer Plakataktion syrischen Flüchtlingskindern eine Stimme. Katerina Šedá widmet ihr Werk dem Schutz der jüngsten Flüchtlinge: 32 handgenähte Säuglings-Schwimmwesten stehen in Reih und Glied im sonnendurchfluteten Raum. Für die Allerkleinsten gibt es keine passenden Westen am Markt – die Künstlerin hofft, den Anstoß für eine Serienproduktion zu geben. Den Fall eines 2014 im Mittelmeer verschwundenen Flüchtlingsbootes erforschen Charles Heller und Lorenzo Pezzani mit „Forensic Oceanography“. Ihr Video „Liquid Traces“ belegt mit Auswertung von digitalen Daten wie Satellitenbildern, Strömungsdaten und Schiffspositionen, dass man das mit 72 Personen besetzte Schlauchboot mitten im NATO-Beobachtungsgebiet 14 Tage treiben ließ, obwohl es nachweislich Positionshinweise und Kontakt gab. Nur neun Flüchtlinge überlebten. Info:  Am diesem Samstag, 27. August, findet im Museum um 15 Uhr ein Gespräch mit vier der Asylum-Künstler (Vera Drebusch, Manaf Halbouni, Anna Witt und Tobias Zielony) statt.

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