Der Kapitän als Tyrann: Sebastian Graf spielt in Michael Heicks Bielefelder Inszenierung den „Seewolf" Wolf Larsen. - © Joseph Heicks
Der Kapitän als Tyrann: Sebastian Graf spielt in Michael Heicks Bielefelder Inszenierung den „Seewolf" Wolf Larsen. | © Joseph Heicks

Kultur Theater Bielefeld gelingt spannende Adaption von "Der Seewolf"

Jack Londons Roman haben Franziska Betz und Intendant Michael Heicks in eine werkgetreue Bühnenfassung übertragen

Antje Doßmann

Bielefeld. Vielleicht ist der Rückgriff auf den Naturalismus mit seinen drastischen Konfrontationen von Macht und Moral die beste künstlerische Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit. Zumindest kam bei der Premiere von Jack Londons Abenteuerroman „Der Seewolf", der immerhin 112 Jahre auf dem Buckel hat und den Franziska Betz und Intendant Michael Heicks für das Theater Bielefeld in eine werkgetreue Bühnenfassung übertragen haben, nicht einen Moment lang das Gefühl auf, etwas historisch Überwundenes präsentiert zu bekommen. Jeder, der im Anbetracht des von Verteilungskämpfen dominierten Weltgeschehens vom Theater auch eine Auseinandersetzung mit ethischen Grundfragen erwartet, konnte bei dieser pointierten Inszenierung auf seine Kosten kommen. Auf der anderen Seite – und das machte die besondere Qualität dieses „Seewolfes" aus – unterhielt das Stück auch auf ganz unmittelbarer Ebene. War spannend, abenteuerlich, einfallsreich erzählt, brillant gesprochen und gespielt. Ein Augen- und Ohrenschmaus, Fest für alle Sinne. In knapp zwei Stunden wurde das unheilvoll-dramatische Geschehen auf dem Robbenjagdschiff „Ghost" in so packenden Szenen nachgestellt, dass man sich phasenweise beinahe in einem Kinder- und Jugendtheater wähnte. Was kein Makel war und Jack Londons atemlosem Roman absolut angemessen. Wie gut, dass sich Michael Heicks, als er sich dazu entschlossen hat, den „Seewolf" naturgewaltig nachzuerzählen, so konsequent war, tief in die Trickkiste zu greifen, um die Atmosphäre auf dem düsteren Schlachtschiff zum Leben zu erwecken. Wenn schon, denn schon. Zur schiefen und schwankenden Schiffsebene umfunktionierte Bühne Nebel wallte und waberte, wunderbar untermalt von den Musikern von Guts Pie Earshot (Jean Jacobi am Schlagzeug und Patrick Reerink am Cello). Nein, halbe Sachen machte dieses schaurig schöne Spektakel nicht. So wenig wie der moralisch verkommene, wenn auch unter dem eigenen Anstandsverlust zuweilen leidende Kapitän der „Ghost" Wolf Larsen. Und wer nun Raimund Harmstorf vor Augen hat, wie er in der Fernsehverfilmung von 1971 als Ausdruck seiner puren physischen Stärke eine rohe Kartoffel in seiner Hand zerquetschte, der stelle sich auf der Bielefelder Bühne eine jüngere Ausgabe von ihm vor. Ein wenig zarter in der Physiognomie vielleicht, aber genauso rotbärtig und raustimmig wie er. Und das Ding mit der Kartoffel konnte er auch. Sebastian Graf war eine ideale Besetzung dieser Rolle und gab auf der zur schiefen und schwankenden Schiffsebene umfunktionierten Bühne des TAM den unberechenbaren Tyrannen bravourös. Ein Hoch auf ihn, aber auch auf Annette Breuer, die für den Bühnenbau und raffinierte Seilkonstruktionen verantwortlich war. Ein prächtiges Seestück Alle Achtung wert auch die originellen Choreografien von Eduardo Torroja für die Robbenjäger und die Sprechchöre, die Sybille Krobs-Rotter mit ihnen einübte. Ein ebenso schwieriges wie faszinierendes Stilmittel. Dann Jakob Walser – auch so eine Klasse für sich in der Rolle des feingeistigen Humphrey van Weyden, der als Beruf „Gentlemen" angibt, als Larsen ihn aus dem Wasser fischt. Aber bald schon lernen muss, dass die Moral als erstes über Bord geht, wenn das eigene Leben in Gefahr ist. Den beiden Gegenspielern kongenial zur Seite gestellt: Oliver Baierl, der mit so viel Körpereinsatz agierte, dass er sich eine Zerrung zuzog. Und mit Stefan Imholz, Cédric Cavatore sowie Laura Maria Hänsel drei Akteure, die es gekonnt verstanden, menschliches Leiden in verschiedenen Facetten darzustellen. Ein prächtiges Seestück ist Michael Heicks da gelungen. Stürmisch klatschte das Premierenpublikum, wild und ziemlich nach erlegter Robbe klang der Jubel hinter der Bühne.

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