Entfesselung durch einen schwebenden Sitz: Axel Bruchhäuser inmitten einiger Exponate im Lauenförder Kragstuhl-Museum. - © FOTO: CHRISTINE LONGERE
Entfesselung durch einen schwebenden Sitz: Axel Bruchhäuser inmitten einiger Exponate im Lauenförder Kragstuhl-Museum. | © FOTO: CHRISTINE LONGERE

Lauenförde/Herford Stern der Woche für den Traum vom Schweben

Axel Bruchhäuser und Heinz Rasch: Gespräche über das Zeitgefühl der Moderne

Christine Longère

Lauenförde/Herford. Die statische Architektur sei überwunden, "es kommt das Schweben, Schwingen", prophezeite der russische Konstruktivist El Lissitzky 1923. Folgerichtig propagierte er als Gegenentwurf zu den amerikanischen Wolkenkratzern die "Wolkenbügel für Moskau". Den Traum von der Schwerelosigkeit teilte der Architekt Heinz Rasch, der einige Jahrzehnte später das "Projekt einer Hängestadt über der Wupper" skizzierte. Realisiert wurden weder die Wolkenbügel noch die Hängestadt. Wie Lissitzky war auch Rasch ein Visionär. Seine Bedeutung als Wegbegleiter im Kontext der Zeitströmungen erhellt das Marta in Herford mit der Ausstellung "Der entfesselte Blick". Einen Beitrag dazu leisten Leihgaben aus dem von Axel Bruchhäuser geschaffenen Kragstuhlmuseum in Lauenförde bei Beverungen. "Ich bin jetzt der letzte Zeitzeuge", sagt Bruchhäuser. An die hundert Mal besuchte er zwischen 1975 und 1995 Heinz Rasch in seinem Atelier in Wuppertal. In intensiven Gesprächen, die, wie Bruchhäuser berichtet, nur von Taubenfüttern unterbrochen wurden, ging es immer wieder um die elementare Bedeutung des Kragprinzips für die Avantgarde des 20. Jahrhunderts."Sensationelle Wirkung" Fasziniert von der Vision, sich optisch von der Schwerkraft der Erde zu lösen, entwickelte Lissitzkys Mitstreiter Mart Stam eine eigene "Wolkenbügel"-Version, dazu einen vollkommen neuartigen, schwebenden, hinterbeinlosen Kragstuhl aus Gasrohren und Muffen. Nach dem Urteil von Rasch, der in den 1920er Jahren eng mit Stam zusammenarbeitete, "mit sensationeller Wirkung", denn "die Zukunft war plötzlich sichtbar geworden". "Die Fesselung des Menschen auf den starren Stuhl wich der Entfesselung durch den schwebenden Sitz", beschreibt Bruchhäuser die Entwicklung. Für ihn ist der Kragstuhl "Zeitsymbol und Charakteristikum der Moderne", wie er in seinem Beitrag für den Katalog zur Herforder Ausstellung erläutert. Als junger Ingenieur floh Axel Bruchhäuser 1972 aus der DDR und übernahm mit seinem Vater die Firma Tecta in Lauenförde. Zehn Jahre später sieht Stefan Wewerka, einer der bedeutenden Gestalter der Gegenwart, das Unternehmen als wichtigen Sachwalter des Bauhaus-Erbes: Walter Gropius und Marcel Breuer hätten vergeblich auf "eine solch wagemutige und aufgeklärte Herstellerfirma" gehofft, um ihre wegweisenden Entwürfe zu realisieren.Geschichte kollektiver technischer Problemlösungen Bruchhäuser begab sich auf Spurensuche und versammelte in dem von Peter und Alison Smithson auf dem zum Landschaftspark umgestalteten Firmengelände in Lauenförde errichteten Museumsbau die Urmodelle der Moderne. Er korrespondierte mit Lissitzkys Witwe, arbeitete mit Marcel Breuer in New York und Jean Prouvé in Paris zusammen, spürte Mart Stam in der Schweiz auf. Bei den Besuchen in Wuppertal ging es auch darum, die Kragstuhlexperimente von Rasch, seine kinetischen Stuhlideen sowie seinen Stabkreuz-Tisch und die Malerschränke von Oskar Schlemmer und Heinz Rasch weiterzuentwickeln. Was Bruchhäuser zusammentrug, dokumentiert die Geschichte des Kragstuhls als eine Geschichte kollektiver technischer Problemlösungen und einzelner individueller Geistesblitze, an der Heinz Rasch maßgeblich beteiligt war. Dass die Kragidee für Rasch grundlegende Bedeutung hatte, belegt ein bisher unveröffentlichter 16-mm-Film mit dem Titel "Die Kragkonstruktion in der Architektur", der im Marta gezeigt wird. Zu sehen sind darin die "Wolkenbügel" und die erste Stuhlskizze von Mart Stam aus dem Jahr 1926 sowie Stühle von Marcel Breuer und Mies van der Rohe."Thema meines Lebens" Programmatisches Ziel des Bauhaus-Gründers Walter Gropius war es, "die Erdenträgheit in Wirkung und Erscheinung schwebend zu überwinden". Aus Sicht von Bruchhäuser war es "dieses neue Zeitgefühl der Moderne, von dem auch Heinz Rasch durchdrungen und beseelt war". Um dieses Zeitgefühl und seine Ausprägung in Möbel- und Architekturentwürfen kreisten die Gespräche im Atelier in Wuppertal. Bruchhäuser bezeichnet es als "das Thema meines Lebens". Gropius-Tochter Ati, mit der er seit 40 Jahren befreundet ist, schrieb ihm: "Ist es nicht seltsam, wie diese Stimmung vor beinah 100 Jahren uns noch immer schweben, schwingen macht?" Für seine Rolle als "Sachwalter des Bauhaus-Erbes" und für die Bestückung der Ausstellung im Marta Herford mit spannenden Leihgaben verleihen wir Axel Bruchhäuser einen Stern der Woche.

realisiert durch evolver group