Auf "Heart Island", der Herz-Insel, steht das unvollendete Schloß des Millionärs und Inhabers des weltbekannten Waldorf-Astoria-Hotels von New York. - © FOTO: LÜTTMANN
Auf "Heart Island", der Herz-Insel, steht das unvollendete Schloß des Millionärs und Inhabers des weltbekannten Waldorf-Astoria-Hotels von New York. | © FOTO: LÜTTMANN

Ein Schloss für die Liebe

Kristallklares Wasser, sattes Grün: Stippvisite im Land der tausend Inseln

Nichts wühlt uns abgrundtiefer auf als die Liebe und der Tod. Warum sonst werden so viele Krimis geschrieben, in denen gemordet – und geturtelt wird? Und doch obsiegt auch hier die alte Weisheit, dass das Leben noch immer die besten Geschichten schreibt. Diese erzählt von einem armen deutschen Auswanderer, der Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika sein Glück macht und die Liebe seines Lebens findet. Ihr will er ein Denkmal setzen. Für die Ewigkeit. Aber nur wenige Tage vor der Erfüllung zerplatzt sein Traum in einem nachtschwarzen Augenblick. Wo der St.-Lorenz-Strom, den längs die Grenze zwischen den USA und Kanada durchzieht, den Lake Ontario verlässt, liegen auf einer Länge von 80 Kilometern 1.800 Inseln und Inselchen. Mit seinem kristallklaren Wasser, sattem Grün und von Gletschern polierten Felsen sind die "Thousand Islands" zu einem beliebten Ferienziel geworden; viele Inseln sind bebaut, auch wenn sie nur Platz für ein winziges Häuschen haben.Ein Schloss auf dem Herz Mitten im Strom liegt die Herz-Insel: "Heart Island", das schönste und tatsächlich herzförmige Eiland dieser staunenswerten Region, auf dem George C. Boldt, inzwischen Millionär und Inhaber des weltbekannten Waldorf-Astoria-Hotels von New York, seiner Louise als Zeichen seiner übergroßen Liebe ein Schloss bauen will, so eines, wie er es aus seiner Kinderzeit am Rhein noch im Gedächtnis hat. Vier Jahre Bauzeit und etlichen Millionen Dollar später die Tragödie: Kurz vor dem Valentinstag 1904, an dem George Boldt sein Liebesschloss verschenken will, stirbt Louise. Umgehend kabelt der Gebrochene an seine Arbeiter, alles stehen und liegen zu lassen. 300 Steinmetze, Zimmerleute und Künstler packen verdrossen ihr Werkzeug wieder ein. "Boldt Castle" bleibt unvollendet, Louise hat es nie gesehen, und nie wieder setzt George einen Fuß auf seine Insel. 75 lange Jahre Wind und Regen, Eis und Vandalismus gehen über Land und Wasser, bevor die Behörden endlich beschließen, George C. Boldts Lebenstraum nicht vollends zerbröseln zu lassen.Reise zwischen den Inseln 1.000 Islands heißt es, aber wer genau nachzählt, kommt auf 1.865 Inseln, die sich dem Wasser in den Weg stellen, das hier die großen Seen Nordamerikas verlässt und Richtung Atlantik abfließt. Ozeangängige Schiffe aus aller Welt fahren an diesem Archipel vorbei auf ihrem Weg nach Toronto, Detroit oder Chicago und passieren dabei Kingston, eine der ältesten Städte Kanadas. Dort treffen der Lake Ontario, der St.-Lorenz-Strom und der Rideau-Kanal nach Ottawa aufeinander. Außer einem alten Fort aus der Zeit des britisch-amerikanischen Krieges hat die ehemalige Garnisonsstadt allerlei touristisch aufbereitete Historie zu bieten – und neun Haftanstalten, darunter drei der zwölf kanadischen Hochsicherheitsgefängnisse und, wen wundert’s, ein Gefängnismuseum. Erst seit wenigen Jahren gibt es auf den größeren Inseln Strom- und Telefon über Unterwasserkabel. Die Behörden wollen, dass nur auf Inseln, die größer als 8.000 Quadratmeter sind, gebaut werden darf. Trinkwasser ist kein Problem auf den Thousand Islands: Wer keinen eigenen Brunnen hat, schöpft sein Wasser direkt aus dem Strom, filtert und chlort. Wer diese zauberhafte Inselwelt aus nächster Nähe kennenlernen will, kauft sich eine Karte für eine der vielen Bootstouren, die überall angeboten werden; und für ein paar Dollar extra bekommt, wer will, auch eine Eintrittskarte für das Liebesschloss. Aber Vorsicht: Die schönsten Ansichten sind meist schon zugestellt von endlos fotografierenden Hochzeitsgesellschaften.Der Geschmack der "Thousand Islands" Zurück zu George C. Boldt, den in Europa kaum jemand kennt, obwohl er hier doch auch – wortwörtlich – in beinahe aller Munde ist: Als Hotelchef Boldt, lange vor der Tragödie, auf seiner Jacht "Louise" zwischen den Inseln schippert und seinen Schlossbauplänen nachhängt, merkt der Steward, dass er die Salatsoße vergessen hat. Eine Blöße will er sich nicht geben und mischt aus dem, was er in seiner Bordküche noch hat (Mayonnaise, Tomatenmark, Paprikaschoten, Chilisauce, Zwiebeln, Oliven und hartgekochte Eier) rein zufällig eine der berühmtesten Salatsoßen der Welt: das "Thousand Island Dressing". Weil seinem Chef die Soße derart gut gefällt, verschafft er dem Erfinder einen Job im New Yorker Waldorf Astoria, wo er sich später als "Waldorf-Oscar" mit internationalem Ruhm bekleckert. Reich und einsam stirbt George C. Boldt 1916 in seinem Astoria in New York. Trutzig erhebt sich sein unvollendetes Lebenswerk über den Bäumen von Heart Island, ein Wahrzeichen und Ausflugs-ziel – und das Symbol einer tragischen Liebe. Tipps: Anreise: Mit dem Flugzeug nach Toronto oder New York, dann weiter mit dem Mietwagen. Das ist billiger, als man denkt; und das Fahren in den Megastädten lernt sich zumeist in wenigen Minuten. Gut zu wissen: Wer über Kanada einreist, braucht für die USA kein Visum, lediglich sechs Dollar Bearbeitungsgebühr für Foto und Fingerabdrücke. Unterkunft: Campen in hervorragend ausgestatteten State Parks oder Bed and Breakfast (oft besser als teure Hotels). Ausflüge: Niagarafälle, Algonquin-Park (wo Kanada am kanadischsten ist). Bargeld: Gibt’s auch in kleinen Banken mit der normalen Scheckkarte.

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