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Mittendrin: Am Grand Canyon findet man schnell abgelegene Plätze, von denen sich die majestätische Weite des Naturwunders allein und in aller Ruhe genießen lässt. - © Michael Juhran
Mittendrin: Am Grand Canyon findet man schnell abgelegene Plätze, von denen sich die majestätische Weite des Naturwunders allein und in aller Ruhe genießen lässt. | © Michael Juhran

USA Mit dem Camper zum Canyon

Der Grand Canyon, das Glen Canyon Erholungsgebiet und die Canyonlands sind einzigartige Naturphänomene. Wer seinen Besuch nicht auf Tagesausflüge begrenzen will, sollte sich einen Wohnwagen mieten

Michael Juhran
20.07.2019 | Stand 18.07.2019, 17:13 Uhr

Lang ist die Schlange von Touristen aus aller Welt, die sich im Besucherzentrum des Grand Canyon Village eingefunden haben, um vom Nationalpark-Service Informationen über Vorträge, Events und Führungen zum 100sten Geburtstag des Grand Canyons Nationalparks einzuholen. Ein abwechslungsreiches Jubiläumsprogramm lässt kaum etwas zu wünschen übrig: Von kulturellen Darbietungen der Native Americans, Kunsthandwerks-Demonstrationen, Filmfestivals und geschichtlichen Reminiszenzen bis zu thematischen Ranger-Führungen und Sternenbeobachtungen spannt sich der Bogen von Angeboten, die Besucher des Nationalparks bis zum Ende dieses Jahres erwartet. „Bereits im vergangenen Jahr zählten wir nahezu 6,4 Millionen Besucher im Park", sagt Marjorie Magnusson vom Arizona Office of Tourism. Beim Anblick der voll gefüllten Parkplätze und der dicht bevölkerten Aussichtsplattform des Mather Viewpoint beschleicht einen die Vorahnung, dass dieser Rekord schon bald der Geschichte angehören könnte. Was würde wohl Präsident Theodore Roosevelt zu dieser Entwicklung sagen, der 1906 das Gebiet zum National Monument erklärte und die Menschen aufforderte: „Belasst dieses große Naturwunder so, wie es jetzt ist." Zum Glück beschränkt sich das Gedränge auf das Village und die Aussichtsplattformen. Eine kurze Wanderung führt bereits nach wenigen Hundert Metern zu abgelegenen Plätzen, von denen sich die majestätische Weite des Naturwunders allein und in aller Ruhe genießen lässt. Einerseits liegt das an seiner schieren Größe von rund 4.900 Quadratkilometern, was nahezu der doppelten Fläche des Saarlandes entspricht. Andererseits ist der Umstand den vielen Tagesgästen zu verdanken, die am Abend die Region verlassen. Dann beginnt die schönste Zeit im Park. Die untergehende Sonne überzieht die Felswände mit warmen Farbtönen, der nachlassende Wind erzeugt ein mildes Wohlfühklima, die Tiere verlassen den schützenden Wald und eine behagliche Ruhe breitet sich aus. Vom Desert View, der tagsüber meist dicht belagert ist, lässt sich der Sonnenuntergang mit Blick auf den Colorado besonders idyllisch genießen. Hier kommt auch der Vorteil eines Wohnwagens voll zur Geltung, denn nur einen Steinwurf von der Aussichtsplattform entfernt garantiert ein Campingplatz nebst äsender Hirschkuh und Lagerfeuerplatz allabendliche Outdoor-Romantik. Startet man von dort aus eine Wanderung entlang der Canyonkante, kann man sich auf weiten Strecken ungestört der beeindruckendsten Blicke auf das Canyoninnere erfreuen und begegnet – abgesehen von den Aussichtspunkten am Navajo Point und Lipan Point – allenthalben Steinhörnchen, Raben und kleinen Echsen. Um zur Nordseite des Grand Canyon zu gelangen, muss man einen rund 350 Kilometer langen Umweg über die Navajo-Brücke nahe Page in Kauf nehmen. 
Page selbst eignet sich hervorragend für einen Zwischenstopp. Ansonsten würde man sich den wunderbaren Seeblick auf den Lake Powell vom Campingplatz der Wahweap Marina und ein erfrischendes Bad im See entgehen lassen. An den Ufern des bis zu 300 Kilometer langen Stausees schlängeln sich Wanderpfade durch die mit bizarren Steinhügeln übersäte Wüstenlandschaft. Wer allerdings den bei Fotografen äußerst beliebten Antelope Canyon aus der Vergangenheit kennt, wird bei einem erneuten Besuch etwas enttäuscht sein. Hatte man den farbgewaltigen, engen Sandsteincanyon vor zehn bis 15 Jahren noch nahezu für sich allein, so werden heute bis zu 1.600 Besucher pro Tag durch die kleine Schlucht geschleust. Auch Guide Valerie Twohatchet von „Antelope Canyon Tours" hat es nicht leicht, ihre Gruppe in der streng geplanten Taktung voranzubringen. Erst am Ende der kurzen Exkursion findet sie Zeit, auf die Bedeutung des Canyons für ihr Volk einzugehen. Für die Navajo-Frau ist Antelope ein Ort der Erinnerung. „Als 8.000 Angehörige meines Stammes im Jahr 1864 von hier ins 480 Kilometer entfernt gelegene Fort Sumners vertrieben wurden, versteckten sich viele von uns in diesen engen Seitencanyons", erinnert sie an die Leidenszeit ihres Stammes. Auf der Weiterfahrt zur Horseshoe Bend lassen bereits Hunderte von glitzernden Autodächern auf dem Parkplatz erahnen, dass es an der fotogenen Schleife des Colorado nicht weniger betriebsam zugeht. Nahezu zwei Millionen Besucher zählten die Parkplatzwächter im Jahr 2018. Es ist dennoch ein berührendes Naturerlebnis, gerade hier die Sonne hinter den Felsen der Vermilion Cliffs untergehen zu sehen. Schneeregen und Sturm am North Rim des Grand Canyons und im Bryce Canyon-Nationalpark erfordern diesmal eine Änderung des Reiseplans. Wieder erweist sich die Flexibilität eines Wohnwagens als Pluspunkt. Da das Colorado-Plateau mit einem Areal von 337.000 Quadratkilometern etwa die Fläche Deutschlands einnimmt, ist schnell eine Alternative gefunden. Statt in die nordwestliche Gewitterzone, geht es zum Monument Valley im Osten. Bei strahlender Sonne führt Navajo-Guide Jonah Castillo vier Stunden lang durch die Filmkulisse der Western John Fords und Sergio Leones. John Ford´s Point, die Mittens, Totem Pole, Big Hogan, Moccasin Arch und Echo Cave sind nur einige der landschaftlichen Highlights auf dem Wege zu entlegenen Wüstendünen, deren Oberfläche mit den typischen windgeformten Wellen überzogen ist. Noch rund hundert Navajo leben in dem 1958 etablierten Tribal-Park hauptsächlich vom Tourismus, etwas Schafzucht und Kunsthandwerk. Einer der ersten Diné, wie sich die Navajo selbst nennen, die es zum Erfolg im Tourismusgeschäft gebracht haben, ist Vergil Bedoni. 1990 begann er die Selbstständigkeit mit einem gebrauchten Geländewagen, heute beschäftigt seine Firma „Monument Valley Tours" in der Hochsaison 25 bis 30 Guides. Europäer und insbesondere die Deutschen sind ihm die liebsten Kunden. „Sie verstehen unsere Situation am besten", meint Vergil, der seit Jahren die ITB in Berlin besucht. Vom Valley sind es rund 250 Kilometer bis nach Moab, dem Ausgangspunkt für Touren in den Arches-Nationalpark und der „Island in the Sky"-Sektion des Canyonlands-Nationalparks. Arches mit seinen 2.000 pittoresken Sandsteinbögen war schon immer gut besucht, aber durch die sozialen Medien hat sich beispielsweise der „Delicate Arch" zu einem solchen Publikumsmagneten entwickelt, dass zum Sonnenuntergang ganze Heerscharen unterwegs sind, um vor der Kulisse der schneebedeckten La Salle Berge ein besonders attraktives Motiv fotografisch festzuhalten. Ähnlich sieht es am Mesa Arch in Canyonlands aus. Oft ist ein Foto erst nach geduldigem Abwarten möglich, bis zahlreiche Selfie-Süchtige den Platz vor dem Naturkunstwerk geräumt haben. Erfreulicherweise bietet Canyonlands landschaftliche Reize in Hülle und Fülle, so dass es nicht schwer fällt, sich der Masse zu entziehen. Dies trifft besonders auf den Needles District mit seinen zahlreichen fantastischen Wanderwegen zu, von denen einer zur Aussicht auf den Zusammenfluss von Colorado und Green River führt. Wanderern, die über mehrere Tage die malerischen Felslandschaften erkunden wollen, wird es hier besonders leicht gemacht, denn vor dem Eingang des Nationalparks gibt es gleich drei schöne Campingplätze inmitten einer großartigen Natur. Bedauerlicherweise endet hier diesmal die Reise mit dem Wohnwagen, bevor es zurück nach Phoenix geht. Es wird gewiss nicht die Letzte sein.

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