Auge in Auge: Die Kleinstadt Churchill an der Hudson Bay lebt mit und vor allem von den Eisbären, denn sie sind ein Touristenmagnet. Die Besucher wollen die Bären sehen, allerdings aus sicherer Distanz. - © Destination Canada
Auge in Auge: Die Kleinstadt Churchill an der Hudson Bay lebt mit und vor allem von den Eisbären, denn sie sind ein Touristenmagnet. Die Besucher wollen die Bären sehen, allerdings aus sicherer Distanz. | © Destination Canada

Kanada Audienz beim König der Arktis

An der kanadischen Hudson Bay kommt man der faszinierenden Tierwelt der Arktis ganz nah. Dafür sorgt unter anderem Naturführerin Jud Jones

Win Schumacher
09.03.2019 | Stand 07.03.2019, 17:50 Uhr

Der gewaltige Prankenabdruck im feuchten Sand lässt keine Zweifel übrig: Hier war vor nicht allzu langer Zeit ein Eisbär unterwegs. „Die Spur ist gerade mal ein paar Stunden alt", sagt die Naturführerin Jud Jones und beobachtet durch ihr Fernglas die in der Morgensonne glänzende Küste etwas außerhalb des Polarstädtchens Churchill. Der König der Arktis kann nicht weit sein. Außer ein paar Möwen ist aber weit und breit nichts zu sehen. Der Bär muss weitergezogen sein. Churchill, eine der nördlichsten Siedlungen Manitobas an der Hudson Bay, gilt als Hauptstadt der Eisbären. Nirgendwo sonst in Kanada sollen die Chancen besser stehen, das größte Landraubtier der Erde in seinem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Hier ist er streng geschützt und unbestritten Motor des gesamten Polartourismus. Doch längst nicht nur wegen der weißen Bären lohnt sich ein Ausflug an die Hudson Bay. Unweit der Mündung des Churchill Rivers in die weit ausladende Bucht schiebt Jones am Nachmittag ihr rotes Kajak über den Uferstreifen in den Fluss. Es ist ein heller Sommertag hier an der Grenze zwischen borealem Nadelwald und arktischer Tundra. Die Polarsonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel. Die 42-jährige Kanadierin hat sich ihre Dreadlocks unter einem Kopftuch zu einem Turban aufgestockt. Fast lautlos gleitet ihr Kajak über den Fluss. Während sie langsam den Strom hinaufpaddelt, beginnt sie, eine fröhliche Melodie zu pfeifen – ein Begrüßungslied für die weißen Wale der Arktis – die wundersamen Belugas. Jones arbeitet als eine der wenigen Frauen in Churchill als Naturführerin. Die rauen Wetterbedingungen, die harschen Temperaturen und die Gefahr, hier in der arktischen Tundra jederzeit auf einen hungrigen Eisbären treffen zu können, schrecken viele von dem abenteuerlichen Beruf ab, obwohl immer mehr Touristen in den Norden Kanadas reisen, um die arktische Tierwelt zu beobachten. „Für mich ist es einfach ein Traum", sagt Jones. „Ich kann hier in alle vier Himmelsrichtungen paddeln oder wandern und werde nichts als Wildnis finden." Es dauert nicht lange, bis sich Jones’ Kajak eine Schule Belugas angeschlossen hat. Neugierig umschwärmen die Wale das pfeifende Gefährt. Immer wieder tauchen ihre schneeweißen Körper an der Wasseroberfläche auf. Im dunklen Strom schimmern sie wie erlöschende Splitter von Eisbergen, mal türkis mal aquamarin. Das Lied der Kajakfahrerin scheint sie magisch anzuziehen. Für die maximal fünfeinhalb Meter langen und bis zu 1.500 Kilogramm schweren Tiere wäre es ein leichtes, die Naturführerin aus ihrem Kajak zu kippen. Doch Belugas sind sanfte Wesen. Das sonderbare rote Ding am Rande des schier endlosen Polarmeers ist für sie wohl so etwas wie ein zerbrechlicher Spielgefährte. Zudem kann es wunderbar singen und ergänzt den Chor der Belugas um eine bezaubernde Stimme. Sie beginnen, der Musik auf ihre Art zu antworten – mit einer Symphonie aus leisem Pfeifen, Knarzen und Wispern. 
Jones kann den Chor der Meeressäuger hören und könnte sie fast mit ihren Händen berühren, aber sie lässt ihre Paddel nicht ruhen. „Belugas sind die freundlichsten Lebewesen, die man sich vorstellen kann", sagt Jones. „Noch nie habe ich erlebt, dass sie dem Menschen gegenüber aufdringlich oder gar gewaltsam werden." Die weißen Wale ernähren sich vor allem von Fischen, aber auch von Krebsen, Muscheln und Tintenfischen. Ihre Beute suchen sie entweder gründelnd am Meeresboden oder sie verfolgen gemeinsam Fischschwärme. Dabei können sie bis zu 200 Meter tief tauchen, ziehen jedoch in der Regel seichtere Gewässer wie die Flussmündung des Churchill River in die Hudson Bay vor. Im Sommer kommen hier jedes Jahr Tausende der weißen Wale zusammen. Wer Jones im Kajak oder zu Fuß durch die Tundra folgt, versteht schnell, warum etliche ihrer Gäste die Arktis nie wieder loslässt. „Für viele von ihnen ist das Erleben der Wildnis ein Wendepunkt in ihrem durchgetakteten Alltag", sagt 
Jones. „Sie beginnen sich plötzlich ganz essentielle Fragen zu stellen." Zunächst einmal gelten hier andere Regeln. Wer sich nicht auf die extremen, manchmal rasch wechselnden Wetterbedingungen vorbereitet, begibt sich schnell in Lebensgefahr. Auch gilt es, sich da-
rauf einzustellen, dass jederzeit unerwartet ein Eisbär auftauchen kann. Dann ist augenblicklich kluges Handeln gefragt. „Die meisten Bären halten instinktiv Abstand zum Menschen und werden nur gefährlich, wenn sie überrascht werden", erklärt die Naturführerin. „Vor allem wenn Mütter Jungen um sich haben." Hätten Bär und Mensch sich rechtzeitig im Auge, genüge es meist, sich einfach aus dem Weg zu gehen. Für den Notfall hat 
Jones aber immer ein paar Böller in der Tasche, deren Krach die Bären in die Flucht schlägt. Auch ein Gewehr ist für Naturführer in Churchill Pflicht. „Ich musste aber selbst zum Glück noch nie davon Gebrauch machen", sagt Jones. „Wenn sich Touristen richtig verhalten, ist es auch nicht wirklich nötig. Daher ist es wichtig, dass sich alle an die Regeln halten." Churchill hat sich seit vielen Jahren auf den Alltag mit den Eisbären eingestellt. Alle wissen hier, wie wichtig die Tiere für den Tourismus sind und wie sie sich verhalten müssen, wenn sie überraschend einem Bären begegnen. Manchmal kann das auch mitten im Ort passieren. Dann ist Vorsicht angebracht. Für Tiere, die sich auf Futtersuche wiederholt im Siedlungsgebiet aufhalten und es nicht verlassen möchten, hat die Stadt eigens ein Eisbärengewahrsam eingerichtet, wo die Tiere kurzzeitig festgehalten werden, bis sie in unbesiedelte Gegenden ausgeflogen werden können. Anders als in einigen nördlichen Gegenden Kanadas wie in Nunavut und den Nordwest-Territorien dürfen Eisbären und Belugas um Churchill nicht gejagt werden. Hier im Norden Manitobas ist den Menschen bewusst, wie entscheidend die Raubtiere als Aushängeschild für den Tourismus sind. In einem Land, in dem alle Touristen nach den großen Bären heischen, macht 
Jones auch auf die kleinen Wunder der Polargebiete aufmerksam. Jetzt im Hochsommer ist die Landschaft von bunten Farbtupfern überzogen. Arktische Chrysanthemen, Herzblatt, Fingerkraut und Büffelbeeren sprenkeln die Landschaft weiß, gelb und rot. Lodernd-orangene Flechten überziehen die Felsen. Daneben wuchern in leuchtendem Pink ganze Wiesen an kniehohen Weidenröschen, die in Kanada Feuerkraut genannt werden. „Jede dieser Blumen und Gräser hier haben ihre eigene Strategie, wie sie sich gegen die extreme Kälte wappnen und das Sonnenlicht optimal nutzen", erklärt Jones. „Die uns oft lästigen Insekten sorgen im Sommer dafür, dass alle Blüten bestäubt werden und so haben wir eine ganze Reihe verschiedener Beeren." Immer wieder weist Jones Touristen auch auf die artenreiche Vogelwelt hin. Die Hudson Bay ist Heimat unzähliger Wasservögel wie Tundraschwäne, Schneegänse und Eiderenten. Mit etwas Glück lassen sich in den Wäldern auch Tannenhühner, Sperbereulen und Meisenhäher beobachten. Am nächsten Morgen fährt die Gruppe im Boot entlang der Westküste der Hudson Bay in Richtung Seal River. Die Bucht ist heute wieder voller Belugas. Scharen von Seevögeln haben sich an der Küste niedergelassen. Nur die Eisbären wollen sich heute nicht blicken lassen. Dafür entdeckt die Naturführerin eine Gruppe Karibus am Ufer. Die nordamerikanischen Rentiere sind für ihre weiten Wanderungen durch die Tundra bekannt. „Manchmal können sie Gruppen von mehr als hunderttausend Tieren umfassen", erklärt Jones. „Sie waren für Jahrhunderte Lebensgrundlage für einige indigenen Völker Kanadas wie die Dene." Ihr Fleisch war für die Indianer die wichtigste Nahrungsquelle. Aus dem Fell und verschiedenen anderen Körperteilen der Karibus stellten sie Kleidung und Zelte her. Langsam nähert sich das Boot der Mündung des Seal River. Die Naturführerin deutet auf einen kleinen weißen Punkt am Ufer. Tatsächlich: Durch das Fernglas lässt sich deutlich ein Eisbär erkennen. Etwas gelangweilt steht er da und blickt zu den Touristen herüber. Der weiße Räuber wartet wohl schon auf den nächsten Wintereinbruch. Im Hochsommer nehmen die Tiere nur wenig Nahrung zu sich. Dann wandern sie auf Futtersuche scheinbar ziellos entlang der Küsten. Im Herbst aber, wenn die Hudson-Bay langsam wieder zufriert, halten sie auf dem Meereis nach Robben Ausschau. Neugierig beäugt das Raubtier das sich nähernde Menschengefährt. Genauer scheinen ihn die Eindringlinge in sein Reich aber nicht wirklich zu interessieren. Er trottet langsam von dannen. Lass den Touristen nur die paar Sommerwochen ihren Spaß, mag er sich denken, während die Bootsausflügler ihre Kameras zücken. Spätestens im Spätherbst, wenn sich die Hudson Bay wieder zur Eiswüste wandelt, ist das lärmende Menschenvolk ganz schnell verschwunden. Dann ist der Eisbär wieder unbestritten König der Arktis.

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