Nicht nur der Berggasthof Aescher in der Schweiz (links) ist ein beliebtes Fotomotiv. - © picture alliance/dpa
 Nicht nur der Berggasthof Aescher in der Schweiz (links) ist ein beliebtes Fotomotiv. | © picture alliance/dpa

Tourismus Wie Instagram-Jünger Reiseziele in Bedrängnis bringen

Julia Gesemann
18.02.2019 | Stand 27.02.2019, 08:40 Uhr

Appenzell. Das Gebäude verschmilzt fast mit der Felswand, ganz eng schmiegt es sich rechts an den rauen Stein. Links eröffnet sich den Gästen eine wunderbare Aussicht auf die Landschaft. Kein Wunder, dass das Berggasthaus Aescher im Schweizer Kanton Appenzell ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen ist. Postkarten-Idylle unterhalb der Ebenalp, gut anderthalb Autostunden vom Bodensee entfernt. Nur dass kaum jemand noch Postkarten schreibt. Stattdessen werden auf Insta
gram, Facebook und Co. inszenierte Schnappschüsse aus den entlegensten Ecken der Welt gepostet. Genau das wurde dem kleinen Berggasthof zum Verhängnis. Von wegen entspannte Hüttenatmosphäre, im Gegenteil: Dank der Touristen, die das perfekte Bild fürs Netz wollten, war plötzlich die Hölle los. Alles begann damit, dass 2014 Hollywoodstar Ashton Kutscher ein Bild des Berggasthofes als einen der „20 geheimen Orte der Welt" postete, die er seinen Fans empfahl. Vom Geheimtipp zum Wallfahrtsort Nur wenig später landete die Gaststätte dann auf dem Titel des Buches „Destinations of a Lifetime". Herausgegeben hat es die Zeitschrift National Geographic. Danach war es endgültig vorbei mit der Ruhe. Die Berghütte wurde von vielen Gästen aus dem In- und Ausland besucht. So verwandelte sich die Gaststätte vom Geheimtipp zum Touristen-Wallfahrtsort. Viele waren auf der Jagd nach dem perfekten Foto. Unter dem Hashtag #aescher finden sich rund 8.200 Beiträge auf der Fotoplattform Instagram. Facebook macht keine Angaben zur Menge, es dürfte aber ein Vielfaches mehr sein. Lesen Sie auch: Wenn der Winter kommt, wird diese NRW-Stadt zum Instagram-Star Zu viele Gäste für das Pächter-Paar Nicole und Bernhard Knechtle-Fritsche, das nach vier Jahren den Pachtvertrag zum Ende der Saison 2018 kündigte. Zuvor hatten die Eltern von Bernhard Knechtle den Gasthof 27 Jahre lang betrieben. Doch nun, im Zeitalter der sozialen Medien, könne die Infrastruktur des Gebäudes nicht mit der wachsenden Gästezahl Schritt halten. Bei der Wasser- und Stromversorgung komme es immer wieder zu Engpässen, und die dürften sich in Zukunft weiter verschärfen, teilten die Pächter im Sommer 2018 mit. „Seit mehreren Jahren ist es nur unter erschwerten Bedingungen möglich, den Betrieb aufrechtzuerhalten." Kristallklare Oase in den Südtiroler Alpen So wie dem „Aescher" geht es anderen Destinationen auch. Der Pragser Wildsee? Eigentlich eine kristallklare Oase mitten in den Südtiroler Alpen, gut versteckt zwischen den Bergen. Doch unter dem Schlagwort #lagodibraies (der italienische Name des Sees) finden sich 180.000 Fotos der Szenerie. Und täglich werden es mehr. Nicht nur Fotos, sondern auch Touristen, die für das perfekte Bild zum See pilgern. „Durch die sozialen Medien können Orte unvorhergesehen und quasi über Nacht zur touristischen Attraktion werden", sagt Laura Jäger, Referentin bei TourismWatch. Die Fachstelle ist Teil des evangelischen Entwicklungsdienstes Brot für die Welt und setzt sich für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus ein. „Für die Orte gibt es kaum Möglichkeiten zu steuern, wie sie in den sozialen Medien dargestellt werden." Als der italienische Blogger Marco Capredi alias „Capedit" vor zwei Jahren das Verzascatal in der Schweiz nahe Locarno in einem Video als die „Malediven von Mailand" inszenierte, erlebte das Tal kurz einen kaum zu bewältigenden Ansturm. Was hinter der Smartphone-Linse passierte, zeigen die Fotos und Videos aber nicht: Lokale Medien berichteten von kilometerlangen Staus, wild parkenden Fahrzeugen und Müllbergen. Die berühmte Bogenbrücke? Vollkommen überlaufen. Die Anwohner waren nur noch genervt. Influencer mit enormer Reichweite Besonders Blogger oder Influencer haben über soziale Medien eine enorme Reichweite. Was sie veröffentlichen, machen ihre Fans und Follower im Zweifel nach. Das kann einerseits den Tourismus ankurbeln, aber auch weitreichende Folgen haben. „Es hat sich ein neuer, junger Massentourismus entwickelt", schreibt die Italienerin Sara Melotti auf ihrem Reiseblog. „Junge Leute reisen, um Fotos für die sozialen Medien zu machen. Nur um zu zeigen: Ich war hier." Es sind schon mehr als 40 Prozent der 18- bis 33-Jährigen, die sich ihre Reiseziele nach deren „Instagramability", deren Instagram-Foto-Tauglichkeit, aussuchen. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie des Ferienhaus-Versicherers Schofields. So ein Reiseziel ist auch die Trolltunga in Norwegen. 120.000 Beiträge sind auf Instagram unter dem entsprechenden Hashtag zu finden, Tendenz steigend. Die Felszunge, die sich über dem Ringedalsvatnet-See erstreckt, ist berühmt für ein Motiv: Eine Person sitzt ganz vorn auf der Zunge, daneben der See, die Berge, keine Menschenseele in der Nähe. Strenge Parkplatzregelung Nicht zu sehen: Die vielen Menschen, die im Hintergrund Schlange stehen, um dieses eine Foto zu schießen, das schon so oft auf Instagram zu sehen ist.Wenn es zu so einem Ansturm kommt, „gilt es schnell und professionell darauf zu reagieren", so Laura Jäger. „Gemeinsam mit den Anwohnern müssen die Orte Grenzen definieren, damit weder die Umwelt noch die Menschen unter dem Touristenwachstum leiden." Im Verzascatal einigte sich man in einem ersten Schritt auf eine strenge Parkplatzregelung: Parken ist nur auf klar definierten Plätzen zugelassen – für zehn Franken pro Tag. Eine gängige Praxis, wie Laura Jäger berichtet: „Vielerorts wird versucht, die Besucherzahlen etwa durch Eintrittsgelder zu begrenzen. Zudem versucht man, die Touristenströme zeitlich und räumlich zu entzerren." Doch das kann nur eine Lösung sein. „Reisende müssen sich bewusst machen, wie sich ihr Verhalten vor Ort und in den sozialen Medien auf die Zielgebiete auswirken kann", sagt Jäger. Sie hat Tipps, wie man erholsamer und nachhaltiger reisen kann: „Wer seltener reist und dafür länger vor Ort bleibt, kann sich gut auf die Situation und die Menschen einlassen." Statt von einer Attraktion zur nächsten zu hetzen, lohne es sich innezuhalten. Resekt für die Menschen vor Ort „Auch abseits der ausgetretenen touristischen Pfade und der populären Selfie-Spots lässt sich Spannendes entdecken", betont die Expertin. Am besten bereite man sich auf den Urlaub vor und informiere sich über Land und Leute. „Und man sollte den Menschen vor Ort mit Respekt begegnen, ihre Kultur, Bedürfnisse und Rechte achten. Dazu zählt auch das Recht auf Privatsphäre und das Recht am eigenen Bild." Der Berggasthof Aescher hat mittlerweile übrigens einen neuen Pächter: Die Firma Pfefferbeere aus dem Appenzellerland übernimmt. Und gleichzeitig kündigte die Stiftung Wildkirchli als Besitzerin des Gebäudes Verbesserungen an der Infrastruktur an. Um künftig besser auf den Touristen-Andrang vorbereitet zu sein.

realisiert durch evolver group