Verblüffende Ähnlichkeit: Mike Kunda (l.) fährt Fans der Rocky-Filme zu den Drehorten in Philadelphia. Auf die Geschäftsidee hat ihn Sylvester Stallone gebracht. - © Sven Schneider
Verblüffende Ähnlichkeit: Mike Kunda (l.) fährt Fans der Rocky-Filme zu den Drehorten in Philadelphia. Auf die Geschäftsidee hat ihn Sylvester Stallone gebracht. | © Sven Schneider

USA Rocky lässt grüßen

Er ist so etwas wie der „Sohn“ der Stadt Philadelphia und bald wieder auf deutschen Kinoleinwänden: Rocky ist mit „Creed II“ ab 24. Januar 
im achten Teil der Filmreihe zu sehen. Reisen zu den Drehorten an der Ostküste sind beliebt – wenngleich nicht alle einfach zu besichtigen sind

Ein eisiger Wind weht über die 72 Stufen vor dem Philadelphia Museum of Modern Art. Ein paar Schneeflocken betten sich auf den großen Vorplatz vor den Säulen, die nicht allzu viele der Besucher an diesem Vormittag durchschreiten. Die „berühmteste Treppe Amerikas", wie einige Medien den Aufgang tauften, ist eine Attraktion für sich. Die bezwungen werden will, und zwar im Laufschritt. Auch Emilou Richardson aus Boston müht sich ab. Oben angekommen, schnauft sie durch, reißt beide Arme hoch, dreht sich um, blickt über den Benjamin Franklin Parkway bis zur zwei Kilometer entfernten City Hall und brüllt: „Yo, Philly, I did it!" Sie hat es geschafft. Dass sie das viktorianische Rathaus der Stadt als Belohnung nicht sehen kann, weil es im Dunst versinkt, stört sie nicht. „Das muss so sein", sagt die Mittdreißigerin, die für ein Wochenende in die Geburtsstadt der USA gekommen ist. „Das ist Rocky-Wetter", sagt sie, richtet ihre Mütze und geht die Stufen zur berühmten Rocky-Statue herab, um noch schnell ein Selfie mit dem drei Meter hohen Bronze-Koloss zu machen. Rocky, immer wieder Rocky: Im gleichnamigen Boxer-Drama von 1976 rannte Sylvester Stallone bei identischem Klima die Stufen hinauf. Es war nicht nur die Rolle, die seinen Durchbruch bedeutete und aus einem verarmten Schauspieler einen Weltstar werden ließ. Auch Philadelphia profitiert vom berühmtesten Sohn der Stadt, der niemals lebte. Alle acht bislang erschienenen Filme des Franchise wurden in der Stadt gedreht, jährlich kommen Zehntausende, um zu den Locations zu pilgern und ihrem Idol auf diese Weise so nah zu kommen wie möglich. Sie essen Pasta im Victor’s Café in der 1303 Dickinson Street und lassen sich von den Kellnern zwischen den Gängen mit Opernarien unterhalten – für mehrere Filme der Reihe doubelte der italienische Gourmet-Tempel Rockys Restaurant „Adrian’s". Günstiger wäre ein Philly Cheese Steak bei Pat’s King of Steaks in der 1237 East Passyunk Avenue in South Philadelphia, wo auch Stallone einst diesen kulinarischen Exportschlager der Stadt vertilgte – eine Platte auf dem Bürgersteig markiert den exakten Punkt, wo der Star dabei stand. Oder sie kaufen ein paar Meatballs im Italien Market rund um die 9th South Street, die durch den ikonischen Trainingslauf des Boxers weltberühmt wurde. Der Markt gilt als der älteste noch existierende Open Air Markt der USA. Andere genießen am Schuylkill River großartige Ausblicke auf die Skyline der Stadt. Mehrere Trainingssequenzen wurden hier gedreht. Der Vorteil für Touristen: Viele der Drehorte sind nahe bedeutender Sehenswürdigkeiten, von denen eine der ältesten Städte Amerikas nicht wenige hat. Das historische Zentrum der Old City mit Liberty Bell und Benjamin Franklins Haus sind nur ein paar Blocks von Locations wie dem Rittenhouse Square oder der Liberty Hall entfernt und komfortabel erreichbar. Es ist das schöne und schillernde Philadelphia, das eine eindrucksvolle Visitenkarte abgibt. Doch jede Karte hat auch eine Rückseite, die oft nicht beachtet wird. Mit den Rocky-Drehorten ist das genauso. Schließlich war vor allem der erste Film eine treffende Milieu-Studie mit Personen aus der Arbeiterklasse, und die wohnen nicht dort, wo es glänzt. Ihre Heimat sind die dunklen und ärmlichen Ecken – und Stallone wusste das. Deswegen sollte sein Italo-Amerikaner Balboa laut Drehbuch auch in South Philadelphia leben. Doch der heutige Mittelklasse-Stadtteil war schon 1976 zu gut in Schuss. Den passenden schäbigen Look fand die Crew im Norden der Stadt, in Kensington. Ein Viertel mit verlassenen Häusern, brennenden Mülltonnen im Winter und billigen Kneipen. Wo es heute noch viel rauer zugeht als zu Zeiten des ersten Films. „Da wollen sie alle hin", sagt Mike Kunda, der seit acht Jahren mit seinem Honda Odyssey Movie-Nerds für eine Tour zu den Rocky-Sets durch die Stadt kurvt. Sein Vorteil: Er sieht aus wie ein gealterter Stallone, spricht und bewegt sich wie Rocky und kennt allerlei Insider-Geschichten zu den Filmen, die er seinen Kunden mit hängender Unterlippe und Fedora-Hut auf dem Kopf näherbringt. Kunda ist selbst Fan der Filme. „Jeder denkt, bei Rocky gehe es ums Gewinnen", nuschelt er mit tiefem Bass, dabei stehe das überhaupt nicht im Vordergrund. Es gehe vielmehr „darum, nicht am Boden zu bleiben, wenn das Leben Dich schlägt, sondern wieder aufzustehen." Vielleicht mag er die Filme deswegen so sehr, weil er der Figur nicht nur äußerlich ähnelt. Früher war Kunda das Paradebeispiel eines Losers. 26 Jobs habe er in den vergangenen Jahren verloren, mal als Tellerwäscher gearbeitet oder Kurier, dann wieder als Kellner und Autoverkäufer. 2005 kam es zu einer Zufallsbegegnung mit Stallone, der ihm die Idee vermittelte, aufgrund seiner Ähnlichkeit als Rocky-Tourguide zu arbeiten. „Er meinte, die Leute werden das lieben", so Kunda. Womit der Mime Recht hatte. Seine Touren sind beliebt und er nach eigener Aussage auf Monate ausgebucht. Wobei er auch in der Regel nur vormittags zu seiner dreistündigen Exkursion aufbricht, vor allem, wenn seine Kunden nach Kensington wollen. „Nach Einbruch der Dunkelheit will ich da raus sein." Als Kunda das SUV durch den angrenzenden Stadtteil Fishtown pilotiert, wird auch klar, warum. Auf Höhe der Lehigh Avenue rahmen verfallene und verlassene Häuser die mit Schlaglöchern versehene Straße, Obdachlose hausen in Zelten, schwangere Prostituierte warten auf Kundschaft. Ein trister Ort, ohne Zukunft. In der East Tusculum Street wartet das Highlight für Rocky-Fans. Hier, in Hausnummer 1818, hatte der Boxer im Film seine Wohnung. Doch die ikonischen Eingangstreppen der Häuser sind in miesem Zustand, der Putz ist schon abgebröckelt und Müll säumt den Gehweg. Über der Straße hängen an einem Stromkabel mehrere Paar Turnschuhe, „von hier ermordeten Menschen", wie Kunda weiß. Aussteigen, ein paar Fotos machen, und weg hier. Zehn Blocks südwestlich an der North Front Street, nahe der Metro-Station York-Dauphin, fühlt man sich als Besucher schon sicherer, wenn auch hier eine epische Restaurierung den angrenzenden Häusern gut tun würde. Denn die Abrissbirne ist hier Realität. Erst 2017 musste das Haus Nr. 2146 mit Adrians Tierladen dran glauben. „Sehr schade, denn es war die einzige Location, die tatsächlich war, was sie auch im Film verkörperte." Im Gegensatz zum gegenüberliegenden Eckgebäude, dessen Fassade wirklich jeder Rocky-Fan sehen will: Die Trainingshalle „Mighty Mick’s Boxing Gym", in der der Boxer zu Beginn des ersten Films seinen Spind verliert. Auch dieses Gebäude ist vom Abriss bedroht. Doch vielleicht gibt es Hoffnung, wie Kunda erfahren haben will: Im April 2018 sei Sylvester Stallone hier gewesen und habe dem Besitzer des Hauses ein Angebot gemacht, um es zu kaufen und eine Touristenattraktion draus zu machen. „Unten ein Museum mit Fanartikeln, in der Mitte ein Boxring, und in der obersten Etage ein riesiger Fernseher, wo man den ganzen Tag lang Rocky schauen kann", meint Kunda. Die Chancen stünden nicht schlecht, schließlich sorge sich Sylvester Stallone auf seine alten Tage mittlerweile um sein kulturelles Erbe, und da sind die Drehorte seines ersten großen Erfolges ein wichtiges Element. Das Teure daran sei jedoch nicht der Kauf des Gebäudes, sondern dessen Renovierung. Aber wer weiß: Vielleicht springt ja auch die Stadt Philadelphia ein, beteiligt sich an den Kosten – und ehrt somit ihren bekanntesten Sohn, der niemals lebte. Wie es Touristen schon seit Jahrzehnten tun.

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