Absolutes Highlight: Die Sleeping Bear Dunes National Lakeshore gehören zu den schönsten Orten Amerikas, denn sie bieten grandiose Ausblicke auf den Lake Michigan. - © Flora Jädicke
Absolutes Highlight: Die Sleeping Bear Dunes National Lakeshore gehören zu den schönsten Orten Amerikas, denn sie bieten grandiose Ausblicke auf den Lake Michigan. | © Flora Jädicke

Nordamerika Auf in den Norden

Unsere Autorin war in Michigan und wild entschlossen die USA für überschätzt zu halten. Weit gefehlt! Eine etwas andere Liebesgeschichte

Flora Jädicke
12.01.2019 | Stand 10.01.2019, 17:19 Uhr

Im Rückspiegel verblasst der Charme des Rostbelt. Detroits neue Wolkenkratzer schrumpfen zu Punkten. Es ist die Woche vor Labor Day – der Tag der Arbeit wird in den USA immer am ersten Montag im September gefeiert. Für Michiganders heißt das „Drive North". Hoch auf die Upper Peninsula. Bis an die kanadische Grenze, wo das Land wild und ungestüm über alten Kupferminen liegt und sich wie eine Kralle zwischen Lake Superior, Lake Michigan und Lake Huron schiebt. Mein Mietwagen bringt mich bis Mackinaw Island zwischen Lower und Upper Michigan. Ich bin aufgeregt. Schon Detroit hat sich in mein Herz geschlichen. Am Ende meines Road Trips wartet Frankenmuth. Im dortigen Bavarian Inn hat Jim eine blau-weiße Welt geschaffen. Nirgendwo scheint Bayern bayerischer als in der kleinen deutschen Siedlung in der südlichen Great Lakes Bay Region. Die ersten Siedler kamen 1845 aus der Nähe von Nürnberg – Franken aus Neudettelsau. Sie brachten ihre Kirchenglocken mit und jede Menge Mut (muth) für einen Neuanfang. Bis es soweit ist, liegen jedoch mehr als 1.000 Kilometer Straße vor mir, quer durch den Westen des „Mitten State". Von Detroit geht es auf der Interstate 94 nach Ann Arbor. Eine quirlige Studentenstadt. Wie gesagt, es ist das Wochenende um den Labor Day. 5.000 Studenten kommen an diesen letzten Ferientagen neu in die Stadt. „Dann ist hier ganz schön was los", sagt John von „Around Town Tours". Am Mittag führt er mich über den Campus. 1837 kamen die ersten Studenten an die University of Michigan. Heute gehört sie zu den besten des Landes und ist bekannt für ihre berühmten Gäste. Senator John F. Kennedy verkündete hier 1960 seine Idee von der weltweiten Demokratie und den Peace Corps. Fünf Jahre später waren es die Professoren aus Michigan, die als erste gegen den Vietnam-Krieg protestierten. Zum Dinner treffe ich mich mit Tourismus-Chefin Pam bei Miss Kim in Kerrytown. Miss Kim hat ihren koreanischen Food Truck in ein kleines Restaurant verwandelt und zu einer der angesagten Adressen der Stadt gemacht. Ich schlendere durch Buchläden und Vintage-Stores. Von der kleinen Universitätsstadt, die sich selbstbewusst auch das Cambridge des Nordens nennt, nehme ich den Highway 75. Jetzt endlich nach Norden. Das Navi zeigt mir gut vier Stunden Fahrt bis Traverse City an. Der Highway ist fast leer. Vor mir liegen gut 405 Kilometer. Jetzt die Fensterscheibe runter und das Radio an. Ein Radioprediger findet warnende Worte. Auf dem anderen Kanal dudelt Country-Musik. Wenige Frequenzen weiter wird es besser. Detroits Altrocker Bob Seeger haucht wie bestellt „Against the wind" durch die Lautsprecher. Ich drehe den Soundregler hoch. Das ist er, der Michigan Sound, der Beat des American 
Heartland. Mein Herz schlägt im gleichen Takt, als wäre ich nie woanders gewesen: Nur die endlose Straße nach Norden und ich. Bei Grayling folge ich der 72 nach Traverse City. Über der West Bay hängt noch ein letzter Schimmer des Tages und in Downtown mit seinen Galerien, Mikro-Brauerein und Weinlokalen erwacht das Nachtleben. Mich treibt es an diesem Abend ein wenig außerhalb von Downtown in das „Village". Einen historischen Stadtteil im Südwesten der Stadt, das vor allem für seine Kirschen, Sonnenuntergänge und Wein bekannt ist. Hier befindet sich das Pepe Nero – eine hervorragende Empfehlung. Restaurant-Chefin Monica Lo Greco ist vor einigen Jahren aus Palermo in die USA gekommen und betreibt das Lokal mit ihrem Partner. Am nächsten Tag breche ich auf zum Sleeping Dunes National Lakeshore Park. Es ist der Tag vor Labor Day und ich bin nicht die Einzige, die sich im Philip A. Hart Visitor Center mit einem Park-Ausweis und Informationen ausstattet. Die September-Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel. Und die Sleeping Bear Dunes entpuppen sich als echtes Highlight auf dieser Reise. Auf dem Pearce Stocking Scenic Drive drehe ich eine halbe Runde in Stop and Go mit Feiertagsausflüglern. Auf der Michigan 109 wird es ruhiger, aber nicht weniger spektakulär. Der Weg führt vorbei am Dunes Climb. Wie winzige bunte Punkte kleben Besucher am Hang der 350 Meter hohen Sanddüne. Mein Ziel aber ist der Pyramid Point. Von einem kleinen Parkplatz aus führt ein Wanderweg zum Aussichtspunkt im Nordwesten des Parks. Es ist eine entspannte Tour, steil die Düne hinauf. „What a hike!", schnauft eine ältere Lady. „What a view", sage ich und sie lacht. Vor uns liegt der Lake Michigan in tausend Blau- und Grüntönen. Aus Zeitgründen nehme ich den gleichen Weg zurück und fahre nach Empire. Heute ist das ehemalige Handelsstädtchen ein Museumsort. Das Maritim Museum erzählt die Geschichte der Seeretter vor Ort. Im Generalstore gibt es Kaffee und die alte Gas-Station macht das Bild vom guten alten Amerika perfekt. In Glen Harbor lege ich eine weitere Pause ein. Der kleine Ort ist ein bezauberndes Städtchen, in dem alles ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt. Er habe ein paar Jahre in Deutschland gelebt", erzählt mir der junge Mann hinter der Theke im Bistro der „Cherry Republic". „In Heidelberg." Auf die Bratwurst mit Kirschen verzichte ich aber trotz Empfehlung und entscheide mich für einen Burger. Burger können die Amerikaner. Gigantisch und köstlich sind sie vor allem außerhalb der Fast-Food-Ketten. Am nächsten Morgen breche ich in aller Frühe auf und unternehme noch einen Abstecher auf die Old Mission Peninsula. Es ist ein einsamer Morgen auf der schmalen Halbinsel. Der Tag hängt noch unentschlossen über dem See und sein zögerliches Licht verzaubert die schmale Halbinsel in einen magischen Ort. Am Ende der Straße steht das Old Mission Light House. Dahinter nur noch der See. An einem kleinen Stand an der Straße versorge ich mit Pfirsichen, Äpfeln und Tomaten für meinen Weg nach Petoskey. Dort erwartet mich Chris zu einer Tour durch die Stadt auf Hemingways Spuren. Am nächsten Morgen breche ich zu meiner vorletzten Etappe auf. Mit der Fähre setzte ich über nach Mackinaw Island. Dort erwartet mich Vintage-Amerika pur. Hier bewegt man sich ausschließlich zu Fuß, mit dem Rad oder der Kutsche vorwärts. „Und es war nie anders",versichert mir Bradley McCallum, Vice President und Managing Director des Mission Point Resorts. Der Urlaubsgemeinde haben die Engländer ein Fort hinterlassen. Gewaltig ist jedoch eines der ältesten Hotels Amerikas, das Grand Hotel. Für zehn Dollar kann man das Hotel auch als Nicht-Gast besichtigen. Das schiere Ausmaß der mehr als 200 Meter langen Holzterrasse alleine ist es wert. Seit 85 Jahren hat sich hier nichts verändert. Nach einem letzten Besuch bei den Fudge-Makern von Mackinaw Island mache ich noch einen kurzen Abstecher in Amerikas Siedlungsgeschichte und in den größten Weihnachtsmarkt der Welt bei Wayne Bronner und fahre über Frankenmuth zurück nach Detroit. Michigans Schönheit und seine Menschen haben mich in ihren Bann gezogen. Jetzt stehe ich in der Abflughalle des Detroit Airport. Zum ersten Mal angesteckt mit dem Traum von Amerika.

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