Postkartenschönheit: Mólivos im Norden von Lesbos ist eines der reizvollsten Dörfer ganz Griechenlands und deshalb völlig zurecht die touristische Hauptstadt der Insel. - © Ekkehart Eichler
Postkartenschönheit: Mólivos im Norden von Lesbos ist eines der reizvollsten Dörfer ganz Griechenlands und deshalb völlig zurecht die touristische Hauptstadt der Insel. | © Ekkehart Eichler

Griechenland Insel mit zwei Gesichtern

Mit der Flüchtlingskrise brach der Tourismus auf Lesbos praktisch zusammen. Jetzt erholt er sich wieder. Ein Plädoyer für einen Besuch.

Ekkehart Eichler
12.01.2019 | Stand 10.01.2019, 16:59 Uhr

Die Aussicht könnte schöner kaum sein: Ein Pool mit Palmen im Vordergrund. Nebst bunten Blümchen und pastellfarbenen Häusern. Dahinter das glatte Meer in sattem Blau. Und schemenhaft am Horizont eine Bergkette, die mit dem Himmel verschmilzt. Nur eine Kleinigkeit irritiert am Idyll – ein Kriegsmarine-graues Patrouillenboot, das tagein-, tagaus die Seegrenze überwacht. Zwischen Griechenland und der Türkei. Denn wie Pech und Schwefel klebt der Schwarze Asylantenpeter an Lesbos. Wie Samos oder Kos nur einen Katzensprung entfernt von der Türkei, war die Insel ein doppelt naheliegendes Ziel der Flüchtlingsströme, die sie erst überfluteten und dann überforderten. Denn die Hoffnungen von Abertausenden Migranten auf ein besseres Leben im gelobten Europa platzten schon hier wie Seifenblasen und wurden zum Fluch: Für 9.000 Männer, Frauen und Kinder, die im überfüllten Camp Moria festsitzen. Und für die Insulaner, die mit dem Problem alleingelassen werden – von der griechischen Regierung, vor allem aber von der EU. Die Auswirkungen auf den Tourismus waren dramatisch: „Nach 2015 hatten wir einen Rückgang um 87 Prozent", erinnert sich Hotel- und Agenturchef Michaelakis Fotios. „Inzwischen sind wir glücklich, fast wieder auf Vorkrisenniveau zu sein." Zu verdanken sei das in erster Linie Holländern, Briten, und Dänen, die Lesbos die Treue gehalten bzw. sie neu für sich entdeckt hätten wie die Polen. Wenn nun noch die Deutschen wiederkämen, wäre nicht nur er hochzufrieden. Denn: „Wenn Ihr wegbleibt, bestraft Ihr uns doppelt. Wenn Ihr kommt, helft Ihr uns und damit auch den Flüchtlingen." Von deren Alltag wird der normale Urlaubsgast kaum etwas mitbekommen. Das touristische Zentrum um Petra und Mólivos liegt eine Autostunde entfernt hinter den Bergen im Norden. Die Attraktionen sind weit und breit in alle Himmelsrichtungen verstreut. Und die Entfernungen sind enorm, immerhin ist die bekannteste Insel der Nördlichen Ägäis auch die drittgrößte im Lande. Für Aufsehen sorgte sie schon in der Antike. So wurde einst am Strand von Antissa ein Kopf angespült, der zum allgemeinen Entsetzen plötzlich sogar zu singen begann. Der grausige Fund war das Haupt des Orpheus, den die Thraker in Stücke gerissen und ins Meer geworfen hatten. Auch die Lyra des berühmten Sängers strandete hier und wurde im Apollon-Tempel aufgestellt. Zum Dank versetzte der Gott die Lyra als Sternbild an den Himmel und segnete die Leute von Antissa mit der Gabe der Dichtkunst. So also kam die Lyrik nach Lesbos, und gleich die erste Ikone dieser Dichtkunst ist bis heute ein Superstar: Sappho. Im 6. Jh. vor Christus widmete sie sich auf Lesbos der musischen Erziehung junger Mädchen, die damit auf die Ehe, aber auch auf kultische Feste vorbereitet wurden – etwa zu Ehren der Liebesgöttin Aphrodite. Ob die erotisch angehauchte Zuneigung zu ihren Schülerinnen aber auch zu gleichgeschlechtlichem Sex führte, ist nicht bewiesen – die Moralapostel verleumdeten sie trotzdem mit Inbrunst. Frauen, die auf Sapphos Spuren wandeln, hat das nie gestört: Für sie ist das Strand-Dörfchen Skala Eressou seit vielen Jahren ein Wallfahrtsort. Nicht weit davon entfernt krönt Lesbos’ größter Schatz die nackte Felslandschaft des Inselwestens – der „Versteinerte Wald". Ein 30 Hektar großes Freigelände mit den Fossilien diverser Laub- und Nadelbäume, die sich in einer wahren Farbsinfonie präsentieren: Stämme und Stümpfe leuchten in Grau-, Gelb- und Grüntönen, in Dunkelrot und Rosa, in Blau, Violett und sogar in tiefem Schwarz. Dieses Wunderland entstand vor 15 bis 20 Millionen Jahren, als ein Vulkanausbruch die Wälder unter einer Ascheschicht begrub. Danach durchtränkte heißes Quellwasser die Bäume, dessen Mineralien konservierten die Holzstruktur bis ins kleinste Detail. Diese irren Schöpfungen der Natur lassen sich auf dem schattenlosen Areal ausgiebig bewundern, doch auch das großartige Naturgeschichtliche Museum in Sigri präsentiert tolle Teile aus dem versteinerten Wald. Und ganz ohne Affenhitze. So karg und trocken der Inselwesten, so grün und fruchtbar kommt die andere Seite von Lesbos daher. Eben noch unterwegs in flirrenden Gesteinswüsten, winden sich die Serpentinen plötzlich durch silbern schimmernde Olivenhaine. Doch auch Äpfel, Birnen, Kirschen, Pfirsiche, Feigen, Granatäpfel, Mandeln, Nüsse und Gemüse aller Art gedeiht hier prächtig – im Osten ist Lesbos ein fruchtbarer Garten Eden in herrlicher Landschaft und intakter Natur. Ein Prachtstück in dieser Kategorie ist der Golf von Kalloni im Zentrum der Insel. Ein besonders nährstoffreiches Gewässer mit Sümpfen, Salinen und Lagunen, in dem sich rund 250 Vogelarten ausgesprochen wohl fühlen. Das wiederum lockt Heerscharen von seltsamen Vögeln an, die ihren seltenen Freunden mit bizarr großen Teleaugen auf die gefiederte Pelle rücken – gern auch einen ganzen Urlaub lang. Wie überall in Griechenland spielen auch auf Lesbos Kirchen und Klöster eine gewichtige Rolle. Oft auch eine besonders reizvolle, wie Moni Limónos, das mit fabelhafter Lage, putzigen Kapellen, naiven Malereien, famosem Museum, kostbarer Bibliothek und einer Fahne punktet, die den Türken nach einer siegreichen Schlacht abgenommen wurde. Hohes Ansehen erwarb sich das Kloster überdies als Hüterin der griechischen Sprache und Kultur, aber auch im sozialen Engagement ist es vorbildlich – mit Altersheim und Waisenhaus, mit Pilgerzellen und Internat. Alles in allem ein himmlischer Platz, beileibe aber nicht der einzige. Die Konkurrenz ist enorm – auch auf weltlicher Ebene. Zum Beispiel auf dem Kastro der wirklich wundervollen touristischen Hauptstadt Mólivos. Wo das fantastische Panorama durch nichts, aber auch gar nichts gestört wird.

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