Goldene Pracht: Die Shwedagon-Pagode in Myanmar ist die wohl prächtigste Tempel-Attraktion in ganz Südostasien. - © Katrin Schreiter
Goldene Pracht: Die Shwedagon-Pagode in Myanmar ist die wohl prächtigste Tempel-Attraktion in ganz Südostasien. | © Katrin Schreiter

Myanmar Geister, Tempel und Pagoden

Charmante Boomtown Yangon und alte Königsstadt Bagan: Eine Reise durch Myanmar fasziniert mit Moderne und Ursprünglichkeit, mit übernatürlichen Wesen und ausgesprochen freundlichen Menschen

Leicht ist er nicht. Langsam hebt May Toe Win den runden Stein auf, hält ihn einen Moment prüfend in den Händen und legt ihn wieder ab. Dann kniet sich die alte Frau vor die drei Nat-Figuren, murmelt verschwörerisch vor sich hin und greift erneut nach dem Brocken. „Fühlt er sich jetzt leichter an als vorher, wird ihr Gebet von den Geistern erhört", erklärt Reiseführer Min Htut flüsternd die Szene. In Myanmar werden seit Jahrhunderten die Nats verehrt. Neben dem Buddhismus ist vor allem auf dem Land der Glaube an diese übernatürlichen Geister verbreitet. „Liebe Buddha und fürchte die Nats, sagt man bei uns", erklärt Min Htut. „Die übernatürlichen Wesen finden also selbst im Schatten der gigantischen Shwedagon-Pagode ihre Verehrung." Für Daw May Toe Win ist das kein religiöser Widerspruch. Mit ihrer Bitte um Gesundheit für ihren Sohn wendet sich die alte Frau von den Geistern nun Buddha zu. Gemächlich ordnet sie sich in die Menschenmenge ein, die sich langsam im Uhrzeigersinn um das goldene Wahrzeichen des Landes bewegt und sucht sich dann einen Platz zum Beten. Die Shwedagon-Pagode ist ein runder, 99 Meter hoher Bau, dessen goldener Schirm als Symbol des Himmlischen das Stadtbild beherrscht. Es ist der größte und bedeutendste Sakralbau des Landes – und mit seinen rund 2.500 Jahren auch einer der ältesten. Mehr Gold und Edelsteine sollen sie schmücken, als im Safe der Bank von England lagern. „Laut Legende befinden sich in der Stupa acht Haare Buddhas", erzählt Min Htut. „Deshalb ist sie noch heute eine wichtige Pilgerstätte der Gläubigen, die um das Gebäude herum Zeremonien feiern." Die riesige Plattform, die das buddhistische Bauwerk umgibt, besteht aus Marmor und bietet mehreren Dutzend Tempeln und Andachtshallen, Pavillons und Altären, Tierdarstellungen und natürlich zahlreichen Buddhastatuen Platz. Von Sonnenaufgang bis in den späten Abend strömen Menschen zu der Anlage – zum Beten und Singen, zum Fotografieren und Picknicken. Ja, die Stimmung ist eher heiter als andächtig. In einer Ecke sitzt eine Großfamilie auf einer Decke und lässt sich Reis mit Gemüse schmecken. Drei Kinder spielen Fangen, im Schatten eines kleinen Pavillons tippt ein junger Mönch auf sein Smartphone, eine Gästegruppe lauscht ihrem Reiseführer. Touristen gehören mittlerweile ganz selbstverständlich zum Stadtbild Yangons. Nach der jahrzehntelangen Militärdiktatur gewöhnt sich das Land langsam an seine neue Offenheit. Kamen 2010 rund 800.000 ausländische Gäste in das Land, hat sich die Zahl 2017 bereits auf 3,44 Millionen erhöht – trotz der ethnischen Spannungen zwischen Buddhisten und der muslimischen Minderheit, die es vor allem an der Grenze zu 
Bangladesch immer mal gibt. Die meisten Touristen reisen über Yangon ein. Die ehemalige Hauptstadt gehört mit ihren fünf Millionen Einwohnern zu den Metropolen des Landes, es herrscht dort fast rund um die Uhr Trubel. Viele Hotels und Cafés in der Stadt haben Wifi-Netze, auf öffentlichen Plätzen preisen Händler buntes Spielzeug und glitzernden Modeschmuck an, und die meisten jungen Leute auf der Straße sind mit ihrem Handy beschäftigt. Neue Restaurants im Kolonialstil und gepflegte Parkanlagen einerseits, Gassenlabyrinth und Garküchen andererseits. In den meisten Regionen des Landes geht es bedeutend gelassener zu als in Yangon – und bedeutend weniger touristisch. Für Abenteuerlustige, Ruhesuchende und Kulturinteressierte lohnt sich der Besuch des relativ unbekannten Landes, das zwischen Thailand, China, Indien, Laos und 
Bangladesch liegt, aus unterschiedlichen Gründen. Landschaftlich begeistert Myanmar mit einer wunderbaren Inselwelt im Indischen Ozean im Süden und Westen, mit dem Shan-Hochland im Osten und den Ausläufern des Himalajas im Norden. Dazwischen liegen Urwälder und Reisfelder, ursprüngliche Ortschaften mit liebenswerten Menschen, die sich Fremden gegenüber aufgeschlossen zeigen. Ein besonderer Zauber geht von der alten Königsstadt Bagan aus – rund 570 Kilometer von Yangon entfernt. Dort stehen mehr als 2.200 sakrale Bauten in einer kargen Steppenlandschaft. Meist aus Ziegelsteinen errichtet, stammen sie aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Die architektonische Meisterleistung, die sich auf einer Fläche von rund 40 Quadratkilometer erstreckt, gehört zu den großartigsten Sehenswürdigkeiten in Südostasien. Ein schier endloses Tempelfeld: Wenn die Abendsonne ihr Licht über die alten Steine schickt, taucht sie die Szenerie in goldrotes Licht. Eine Herde Ziegen zieht vorbei, sucht meckernd nach ein paar Gräsern zwischen den heiligen Bauten, langsam ziehen Dunstschleier auf. Turbulenter geht es auf dem Markt in Neu-Bagan zu. Händler präsentieren ihre Waren und bieten Obst und Gemüse an: Getrockneten Fisch und gackernde Hühner, bequeme Sandalen und bunte Longhis – Wickelgewänder, die von Männern und Frauen getragen werden. Der Duft des Bratfetts der Garküchen mischt sich mit den Auspuffgasen der Motorroller, die vorbeiknattern. Ein Mädchen schmiert auf Wunsch den Besuchern Thanaka auf die Wangen – eine helle Paste aus Baumrinde, die vor Sonne schützen und eine seidenweiche Haut machen soll. Das burmesische Make-up fühlt sich angenehm kühl an. Das Mädchen hat die Paste mit einem Blattmuster versehen und lächelt nun zufrieden. „Mingalaba" – möge Segen über Dich kommen!, grüßt sie zum Abschied. „Mingalaba!"

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