Unterwegs im Nationalpark: Die hügelige Landschaft in der Makuleke Concession erleichtert die Orientierung. - © Michael Juhran
Unterwegs im Nationalpark: Die hügelige Landschaft in der Makuleke Concession erleichtert die Orientierung. | © Michael Juhran

Südafrika Zu Fuß durch den Kruger

Eine Safari im afrikanischen Busch ist schon im Auto ein faszinierendes Erlebnis. Noch eindrucksvoller lässt sich die Vielfalt der Natur zu Fuß erkunden

Michael Juhran
05.01.2019 | Stand 03.01.2019, 17:21 Uhr

Es ist erstaunlich, wie schnell sich unsere Sinne auf den Wildlife-Modus umstellen können. Der typische Busch-Geruch, die ersten Elefanten am Straßenrand und vor allem der herzliche Empfang durch Katie und Callan, die ihre Gäste am Pafuri Gate im äußersten Norden des Kruger-Parks abholen, rücken die Welt der ständigen Geschäftigkeit und Erreichbarkeit im Nu in die weite Ferne. Nach ein paar Kilometern biegen Katie und Callan von der Asphaltstraße auf einen holprigen Sandweg ab. Kein Telefon- oder Internetsignal dringt bis hier durch – das Naturerlebnis Busch nimmt seinen Lauf. Eine halbe Stunde kämpft sich der Land Rover auf der unebenen Piste durch dornige Sträucher, beäugt von neugierigen Nyalas und Impalas, bis die Zelte des „Makuleke EcoTraining Camps" auftauchen. Die geräumigen, auf Stelzen errichteten Zelt-Unterkünfte sind die Heimat auf Zeit für Studenten, die entweder einen sechswöchigen Guide-Kurs belegen oder sich über einen längeren Zeitraum zu einem Lead-Guide für Safaris zu Fuß qualifizieren. Auch Naturliebhaber aus der ganzen Welt haben hier die Möglichkeit, mit erfahrenen Safari-Instrukteuren die Wildnis des nördlichen Kruger-Parks auf die natürlichste Art zu erkunden und dabei viel über die hiesige Flora und Fauna zu erfahren. Das Naturerlebnis der besonderen Art setzt sich aus täglichen Safaris zu Fuß, Geländefahrten und lockeren Lektionen zusammen, die das unterwegs Entdeckte vertiefen – gewürzt mit Lagerfeuerromantik. Kursinstrukteur Rhodes und seine vier Studenten stecken ihre Gäste auf einer ersten Erkundungsfahrt mit ihrer Begeisterung für die Schönheit der Landschaft und die Vielfalt des Tierlebens an. Schnell wird klar, dass die Umgebung des Camps ein Paradies für Vogelliebhaber ist. Jetzt, im südafrikanischen Sommer, wimmelt es nur so von den gefiederten Schönheiten. Bienenfresser, Eisvögel, Störche und Blauracken – zu den 250 heimischen Arten gesellen sich jetzt auch über 200 Arten aus Europa und Asien. Rhodes ist seit mehr als elf Jahren per pedes im Norden des Kruger-Nationalparks unterwegs und strahlt bei den Safaris eine gelassene Ruhe aus. Gebetsmühlenartig wiederholt er allmorgendlich die Verhaltensregeln: Gehen im Gänsemarsch, leise sein, strikt den Worten des Guides folgen und nie wegrennen. Für den äußersten Notfall trägt er ein Gewehr mit sich, das er allerdings erst ein einziges Mal einsetzen musste. Es ist verblüffend, wie tolerant sich die Elefanten gegenüber ihren zweibeinigen Besuchern zeigen. Entspannt dulden die Bullen neugierige Beobachter in ihrer Nähe, lassen sie daran teilhaben, wenn sie als besondere Leckerbissen mit einer ausgeprägten Feinmotorik die Borke von den Bäumen schälen. Sie beginnen erst den Kopf zu schütteln oder die Ohren aufzustellen, wenn sich Jungtiere nähern. Dann ist es Zeit, die Szene zu verlassen. „Die jungen Bullen gehen bei ihren älteren Artgenossen in die Lehre, sind aber zuweilen etwas ungestüm", sagt Rhodes. Der erfahrene Guide käme nie auf die Idee, sich einer Herde mit Jungtieren zu nähern, doch manchmal tauchen die kaum vernehmbaren Leisetreter urplötzlich aus dem Gebüsch auf. Dann versichert ihnen der Guide mit ruhiger Stimme seine besten Absichten. „Mit Elefanten kann man immer sprechen", meint Rhodes aus Erfahrung. „Das sieht bei Büffeln schon ganz anders aus. Rasen die auf dich zu, sind sie nicht mehr zu stoppen. Dann hilft nur ein Baum." Auch zu den Nilpferden und Krokodilen im Limpopo und in einem der kleinen Seen hält Rhodes respektvollen Abstand. Die hügelige Landschaft mit ihren bizarren Felsformationen aus Sandstein oder Basalt bietet reichlich Gelegenheit, das Gelände zu überblicken, um gefährlichen Situationen vorzubeugen. Nach Leoparden und Geparden hält Rhodes allerdings vergeblich Ausschau. Aber es sind nicht nur die großen Wildtiere und die vielen Vögel, die jeden Buschwalk zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Katie hat besonders die „Small Five" in ihr Herz geschlossen. Wann immer eine Leopardenschildkröte, ein Nashornkäfer oder eine Sprungspitzmaus auftaucht, beginnen ihre Augen zu leuchten. Beeindruckend sind auch die Begegnungen mit den wunderschönen und trotz ihrer Größe äußerst grazilen Nyalas, die sich zuweilen erstaunlich zutraulich nähern. Stolz zeigen sie ihr spitzes, leicht geschwungenes Gehörn und verweilen ruhig in dem Wissen, dass von den zweibeinigen Besuchern keine Gefahren ausgehen. Zu ihrem ruhigen Verhalten trägt vielleicht auch der Umstand bei, dass sich Löwen in letzter Zeit sehr selten hier sehen ließen. Als wesentlich scheuer erweisen sich dagegen die Impalas, die sich nach einem ersten Sichtkontakt sofort mit hohen Sprüngen in sichere Entfernung verabschieden. Eine besondere Kategorie stellen die Warzenschweine dar, die urplötzlich aus ihren Erdhöhlen herausschießen können und daher besondere Vorsicht erfordern. In der letzten Nacht wird das Camp durch laute Geräusche geweckt. Im Mondlicht kommt ein Rüssel zum Vorschein, der bedächtig nach frischen Laubzweigen greift. Blätter rauschen, Äste brechen knackend ab und man vermeint auch das Malmen der Elefantenzähne zu hören. Urplötzlich wird es still. Für die menschlichen Ohren nicht wahrnehmbar hat sich der Gigant der Savanne auf leisen Sohlen aus dem Staub gemacht. Mit jedem Tag, den man in der freien Natur verbringt, verschiebt sich die eigene Perspektive ein wenig mehr – weg von der gewohnten Dominanz des Menschen über die Natur und hin zu einem komplexeren Verständnis, bei dem man sich als Teil der Natur versteht. Ein wunderbares Erlebnis, das erklärt, warum sich Rhodes, Katie und Callen keinen anderen Beruf vorstellen können.

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