Erlebnisreich: El Transcantábrico rollt seit 1983 durch Nordspanien. Seit der Jahrtausendwende ist er als Luxuszug unterwegs. - © Manfred Lädtke
Erlebnisreich: El Transcantábrico rollt seit 1983 durch Nordspanien. Seit der Jahrtausendwende ist er als Luxuszug unterwegs. | © Manfred Lädtke

Spanien Nostalgie auf Schienen

In Santiago de Compostela endet nicht nur der Jakobsweg, die Wallfahrtsstadt ist auch
Anfang einer beschaulichen Reise mit El Transcantábrico durch Spaniens grünen Norden

Im stilvollen Gewölbekeller des Hotels Parador Nacional Reyes Católicos wartet auf rund 50 Passagiere aus Europa, Südamerika, Russland und Australien ein 4-Gänge-Menü. Der kulinarische Auftakt ist vielversprechender Vorgeschmack auf eine Reise durch die Geschichte und Gastronomie Nordspaniens. Während die Reiseleiterin die Suiten einteilt, ist das Gepäck schon unterwegs zum Bahnhof in der Hafenstadt Ferrol. Ein komfortabler Bus für tägliche Ausflüge ins Hinterland wird den Luxuszug auf der fünftägigen Tour durch Galizien, Asturien und Kantabrien begleiten und fährt die Gruppe nach dem letzten Glas Rioja zum Bahnsteig. Neun cremeweiß-blaue Waggons mit eleganten Salon-, Restaurant- und Schlafwagen geben Reisenden den Eindruck, ein rollendes Nostalgiehotel zu betreten. Im Salon füllen Kellner die Sektgläser. Plüschige Vorhänge, dicke Teppiche und Art Déco-Leuchten vermitteln einen Hauch von anno dazumal. Ruckelnd setzt sich der Zug in Bewegung. Vor den Fenstern ziehen Galiziens Eukalyptuswälder, sattgrüne mit Ginster und Raps betupfte Wiesen, zauberhafte Buchten und Flusslandschaften vorbei. Den meisten Gästen entgeht allerdings diese erste Sinfonie in Grün. Die Schultern zur Seite gewendet tapsen sie suchend durch die schmalen Gänge der Waggons. „Wagen 5, Suite Nr. 20?" Aha, hier! Die holzgetäfelten Abteile passen sich den Maßen einer Schmalspurbahn an. Die Einrichtung auf sechs Quadratmetern besteht aus einem Schlafraum mit Kleiderschrank, Gepäckplatz, Telefon, Safe, einer Minibar, Klima- und Musikanlage sowie aus einem separaten Badezimmer mit Massagedusche und Dampfdüsen. Ein Glöckchen bimmelt am nächsten Morgen die Passagiere aus dem Schlaf. Klinge-linge-ling: Das heißt übersetzt „Buenos días", raus aus den Federn. Mit aufgehender Sonne und bei einem Frühstück im Speisewagen zuckelt der Zug von seinem Nachtquartier auf einem Abstellgleis zurück in die Erlebnisspur. Gegen Mittag erreicht der Hotelexpress Galiziens „Kathedralenstrand". Auf feinem weißen Sand erheben sich bizarr ausgehöhlte Felsformationen wie Strebebögen einer gotischen Kathedrale. Ein Spaziergang zwischen den Kolossen auf dem 400 Meter langen Strand ist aber nur bei Ebbe möglich. Rauscht die Flut heran, ist „Land unter" und die bis zu 30 Meter hohen, von Brandung und Wind geschichteten Sandsteinriesen gehen auf Tauchstation. Auf der Fahrt bis Avilés blinzelt die Sonne in den Salonwagen mit Bar und Bibliothek. Selten schneller als mit 50 Kilometern pro Stunde kurvt der Zug vorbei an stillen Dörfchen sowie durch Buchen- und Eschenwälder, in denen sogar noch Braunbären leben. Auf dem Tisch stehen Snacks, Obst und Schaumwein – entspannter kann Eisenbahnfahren nicht sein. Genießen dürfen Reisende die Kreuzfahrt seit 1984. Damals stellte die Ferrocarilles Espanoles de Vía Estrecha (FEVE) den Touristenzug mit zunächst bescheidenem Komfort, ab 2001 mit Luxusambiente auf die Gleise. Avilés ließen Reisende bisher allerdings links liegen. Dem Städtchen mit seinen Industriebrachen haftet ein Imageproblem an, das Oscar Niemeyer lösen sollte. Auf einer künstlichen Insel zwischen Industrieschrott und Altstadt ließ der brasilianische Stararchitekt 2011 ein Kultur-Ufo landen. Von der futuristischen Architektur des Kulturzentrums erhofften sich die Stadtväter einen Bilbao-Guggenheim-Effekt. Der lässt aber immer noch auf sich warten. Allzu provinzielle Konzerte und Ausstellungen sowie das Fehlen von Weltstars machen das blendend weiße, extravagante Architekturensemble zur beliebigen Spielwiese und letztendlich doch grauen Kulturmaus. Mehr Flair verspricht die hübsche Altstadt, in der ein Rosado oder Sidra auf einem der arkadengesäumten Plätze am besten schmeckt. Zu Hause ist der Apfelwein Sidra unter den „Picos de Europa", wo sich Asturien von seiner wilden schroffen Seite zeigt. Über 2.000 Meter hoch ragen in dem Nationalpark die „Gipfel Europas" in das Reich der Nebel. Tobender Wind pfeift den Ausflüglern entgegen, als sie den Hügel zu einer Alphütte emporsteigen, in deren Regalen ein Dutzend grüner Flaschen mit Apfelwein stehen. Einschenken und trinken? Bloß nicht! Zunächst legt der Wirt Hand für ein Prozedere an, ohne das eine Verkostung des asturischen Nationalgetränks nicht stilgerecht wäre: Mit einem Arm die Flasche möglichst hoch über den Kopf und mit dem anderen das Glas tief unter die Hüfte halten. Durch den Aufprall des meterlangen Strahls entwickelt der perlige Durstlöscher sein mildes süßes Aroma. Auf der Strecke bei Llanes zwängt sich El Transcántabrico zwischen harschen Gebirgsklippen hindurch Richtung Santander. Bevor die ersten Passagiere in dem Seebad mit eleganten Promenaden, mondänen Belle Epoque-Bauten und weiten Stränden den Zug vor seiner Weiterfahrt bis León verlassen, spazieren sie durch Santillana del Mar mit seinen steilen Gassen und stattlichen Herrenhäusern. Santillana del Mar liegt weder am Meer (el Mar), noch ist es flach (llana). Für Jean Paul Sartre war das hügelige Bilderbuchdörfchen dennoch kein Ort im Irgendwo. Er feierte das mittelalterliche Gesamtkunstwerk als „das schönste Dorf Spaniens".

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