Die Fahrt mit einem Landrover über die abgelegenen Straßen Madeiras ist eine gute Gelegenheit, um sich den Schönheiten der Atlantikinsel zu nähern. - © picture alliance / NurPhoto
Die Fahrt mit einem Landrover über die abgelegenen Straßen Madeiras ist eine gute Gelegenheit, um sich den Schönheiten der Atlantikinsel zu nähern. | © picture alliance / NurPhoto

Portugal Steile Kurven, steile Berge

Die Fahrt mit einem Landrover über die abgelegenen Straßen Madeiras ist eine gute Gelegenheit, um sich den Schönheiten der Atlantikinsel zu nähern

Andre kokettiert gerne mit seinen Fahrkünsten: „Steil? Das ist doch nicht steil." Sagt er, schaltet einen Gang zurück und jagt seinen Landrover um die nächste Kurve auf einer unbefestigten schmalen Straße den Hang hoch. Mal verstellt der Urwald den Blick, mal gibt er die Sicht frei auf ein wie senkrecht unter dem Weg liegendes Tal nahe Funchal, das den landschaftlichen Charakter Madeiras offenbart. Zwischen Funchal, der Hauptstadt der Insel, und dem Gipfel des Pico do Arieiro, des dritthöchsten Berges der Atlantik-Insel, haben die Bewohner ihre Häuser und Gärten an steilen Stellen angelegt. Während in Deutschland der tiefste Herbst Einzug gehalten hat, ist es auf Madeira grün und bunt, die Insel des ewigen Frühlings macht ihrem Ruf alle Ehre. Die Tour mit dem Landrover über die versteckten, teils aufgelassenen Straßen der Insel erweist sich schnell als der ideale Einstieg, um nähere Bekanntschaft mit der Schönheit Madeiras zu schließen. Obwohl: So wirklich schön ist es zumindest im Osten der Insel nicht, am Punta do Rosto. Eher rau, karg, braun und trocken. Senkrecht stehen die rostroten und schwarzbraunen Felsen im Meer, bilden einen Halbkreis, der einem eingestürzten Krater ähnlich ist. Der Wind bläst durch die Kleidung, eine Wolkenbank folgt der nächsten. Andre holt eine windfeste Jacke aus dem Wagen. In Funchal, an der Südküste, bei Temperaturen um 25 Grad, war es ihm und seinen Fahrgästen im T-Shirt fast zu warm. In den Bergen kommt von Zeit zu Zeit ein Regenschauer nieder. Das Wetter wechselt schnell. Auf der Weiterfahrt nahe der Küste wird der Blick auf die Desertas-Inseln frei. Anders als das nahe Porto-Santo sind sie unbewohnt und Teil eines Nationalparks, erläutert Andre. Bootstouren führen dorthin, um ihre angestammten Bewohner zu beobachten, die Mönchsrobben. Je weiter Andre den Landrover zur Passhöhe beim Dorf Ribero Frio steuert, desto dichter wird die Vegetation. Vor jeder Spitzkehre hupt er anhaltend, nie kommt ein Auto entgegen. Zum Glück: In den Hohlwegen oder entlang der Hangkante wäre kein Platz, um auszuweichen. Manchmal passt selbst der Landrover gerade so durch zwischen Baumstämmen und Begrenzungsmauern. Als die Passhöhe überquert ist, die vom Osten der Insel in den Norden führt, wird der Blick frei auf den Penha d’Aguia, den 590 Meter hohen Adlerfelsen. Vom Aussichtspunkt bei Portela betrachtet, wirkt der rundliche bewaldete Hügel im unteren Teil eher sanft, überragt von Felsen und im Halbrund umgeben von Bergen. Den Charakter eines Adlerhorstes offenbart er erst zum Meer hin, von Guindaste aus, wo er wie eine schwarze Wand aufzuragen scheint. Bei einem Halt drängen sich Wanderer an dem Wagen vorbei. Sie haben eine Tagestour rund um den Adlerfelsen unternommen. Ihr Wegweiser sind die Levadas, die im Boden eingelassenen Bewässerungskanäle. Sie durchqueren die gesamte Insel und bringen das Wasser aus dem regenreichen Norden in den Süden der Insel, wo es im Sommer Mangelware ist, erläutert Andre. Die flachen Wege neben den Kanälen eignen sich bestens für ausgedehnte Tagestouren, steil wird es nur auf dem Weg dorthin. Kleinbauern haben ihre Häuser direkt an den Kanälen errichtet und leiten das Wasser bei Bedarf ab. Ihre Terrakotta-Kübel quellen über von Blumen und Setzlingen für Kräuter, Früchte und Gemüse. Zwischen doppeltmannshohen Stangen, die Bambus ähneln, geht es entlang der Gärten. Immer wieder strömt ein Rinnsal aus einem Spalt im Felsen, fließt unter den Kanälen entlang, um weiter unten aufgefangen zu werden. Längst hat sich der Landrover von Nordosten her wieder dem Pico do Arieiro genähert. Lässt es das Wetter zu, rumpelt Andre mit dem Offroad-Fahrzeug über die Matschwege in den Wäldern, wo tiefe Schlaglöcher seine Gäste im hinteren, offenen Teil des Wagens durchschütteln. Auf mehreren Metern Länge und bis zu einem halben Meter tief fehlen die kleinen Pflastersteine in den Straßen, über die früher die Wagen Richtung Gipfel rollten. Alles kein Problem für den Landrover. Das Ziel sind die Balcoes, die Balkone inmitten der Bergwelt auf 800 Metern Höhe, ein beliebtes Tagesziel. Durch dichten Wald geht es über feuchte Wurzeln zu Fuß an einem Levada zu den Aussichtspunkten, die mit einem Blick die ganze Schönheit der Bergwelt Madeiras erschließen. Passatwolken haben sich an den Steilhängen festgekrallt. Sekundenweise machen sie den Sonnenstrahlen Platz, die helle Flecken auf den Bergrücken bilden und sie so in Szene setzen. Wie mit einem Lineal gezogen grenzt eine Wolke in der Ferne über dem Meer den Horizont ab. Je höher Andre mit seinem Landrover kommt, desto dichter werden die Wolken. Warum noch weiterfahren, wenn ja doch nichts mehr zu sehen ist? Minutenlang schleicht Andre durch die Wolkenwand, bis plötzlich die riesige Kugel einer Radarstation erscheint und gleich wieder im Wolkendunst verschwindet. Sie markiert den Gipfel des Pico de Arieiro. Hier oben endlich breitet sich ein klarer Himmel über den Bergen aus, der Landrover hat die Wolkenschicht durchstoßen. Nicht jeden Tag ist die Sicht so gut, sagt Andre, der die Wetterstationen abgerufen hat, bevor er nach den Balcoes losgefahren ist. Unter ihm und seinen Gästen rücken die Wolken immer wieder für kurze Zeit zur Seite. In der Ferne schimmert das Meer.

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