Am Toronto University Campus: Viele dieser Gebäude waren beim Hollywood-Filmdreh die Kulisse für die englische Elite-Universität Harvard. - © Stephan Brünjes
Am Toronto University Campus: Viele dieser Gebäude waren beim Hollywood-Filmdreh die Kulisse für die englische Elite-Universität Harvard. | © Stephan Brünjes

Kanada Ein Oscar fürs beste Städte-Double

Toronto ist mal Chicago, mal New York. Die Stadt zeigt den Look der Zwanziger oder des Jahres 2364 – im Kino. „Hollywood North“ wird Kanadas größte Stadt genannt, weil Filmregisseure sie als preiswerte Kulisse nutzen. Der Streifzug zu ihren Drehorten ist eine spannende City-Schnitzeljagd

Stephan Brünjes
15.12.2018 | Stand 13.12.2018, 18:42 Uhr

Irgendwann wird auch der beste Doppelgänger enttarnt. Toronto passierte das zuletzt im Jahre 2008: Im Science-Fiction-Streifen „Der unglaubliche Hulk" kämpft der Titelheld im actionreichen Film-Finale gegen eine ganze Armada – angeblich in New Yorks Stadtteil Harlem, vorm legendären „Apollo"-Theatre. Doch hinter dessen Leuchtreklame erstrahlt im Film die des „Zanzibar", eines berühmt-berüchtigten Stripclubs in Toronto und zwei Häuser weiter lugt die Fassade von „Sam, the Record Man" hervor, einst Kanadas führender Plattenladen mit zwei riesigen, blinkenden Neon-LPs überm Eingang. Wird schon keiner merken, mögen sich die Film-Ausstatter beim Anbringen des falschen Apollo-Schriftzuges in der Yonge Street gedacht haben – froh darüber, dass Toronto eine seiner Hauptverkehrsachsen so unkompliziert und preiswert als New York-Double zur Verfügung stellt, sie gleich drei Tage lang für die Filmcrew sperrte. Derart aufwendige Drehs kann man als Toronto-Besucher beinahe täglich erleben. Mit Flatterband abgesperrte Hauseingänge, Filmscheinwerfer und Kameras auf Bürgersteigen, „Action"-Rufe von Regisseuren – Filmleute nennen die 2,6-Millionen-Metropole am Ontariosee schon lange „Hollywood North". Und zwar nicht nur, weil die Straßenschluchten in Torontos zentralem Finanzdistrikt mit ihren stählern glitzernden Wolkenkratzern als Kopie einer aktuellen US-City-Kulisse so täuschend echt wirken. Chicago-Ambiente der Zwanziger Jahre gesucht? Auf dem Höhepunkt von Jazz und Prohibition? Kein Problem in Toronto! Für den 2003 mit sechs Oscars ausgezeichneten Musical-Film „Chicago" wurde das klotzige Grand-Hotel „Fairmont Royal" in der City kurzerhand zum „Chicago-Hotel" umdekoriert, damit Richard Gere, Renee Zellweger und Catherine Zeta-Jones hier ihr verruchtes Spiel rund um Mord und Show-Karriere filmen konnten. Wer sich also ins Chicago der Roaring Twenties hineinträumen möchte – einfach mal für eine halbe Stunde in die kathedralig-plüschige Marmor-Lobbyhalle des „Fairmont" „einchecken" – zum Leute-Gucken oder – mit Glück – zum „Promi-Kiebitzen" bei einem neuen Dreh: Bruce Willis, Morgan Freeman und Helen Mirren waren 2010 da für die Agentenkomödie „R.E.D", Katie Holmes 2011 als Präsidentengattin Jackie in der TV-Serie „Die Kennedys". Etwa 20 mal pro Jahr wird ein Kino-Set aufgebaut im Luxus-Hotel von 1929. Von hier aus ins 24. Jahrhundert muss man sich nicht beamen lassen, ein kurzer Fußmarsch sechs Querstraßen Richtung Norden reicht, und schon steht man vor zwei ineinander gestellten Hochhaus-Beton-Halbkreisen, außen fensterlos mit einem scheinbar plattgedrückten, weißen Riesen-Ei in der Mitte – im Science-Fiction-Klassiker „Star Trek – Next Generation" ein bedrohliches Alien-Portal, in Wirklichkeit aber Torontos futuristisch gestaltetes Rathaus von 1965. Manch einer in der Stadt möchte es als grauen Schandfleck lieber heute als morgen abreißen lassen. Nein, wirklich schön ist Torontos laute, geschäftige City drum herum nicht, Ruhezonen und architektonische Hingucker fehlen zumeist. Umso mehr überrascht die Stadt an ihren Rändern, wo die Häuser Normalhöhe haben und meist deutlich älter sind als 50 Jahre. Hier macht es daher noch mehr Spaß, im Schnitzeljagd-Modus Filmschauplätze aufzustöbern. Etwa am Queens Park, wo das respekteinflößende, rotbraune „Legislative Building" beim „Chicago"-Dreh kurzerhand vom Parlaments- zum Gerichtssitz mutierte. Gleich nebenan in der grünen Park-Oase: Torontos Uni. Viele ihrer efeuberankten Gebäude stammen noch aus dem 19. Jahrhundert und sehen aus wie kleine Schlösser oder Landhäuser. Ideal, um Harvard zu doubeln, Bostons Elite-Uni. So geschehen 1997 im Drama „Good Will Hunting" mit Matt Damon, Ben Affleck, die für ihr Drehbuch ebenso einen Oscar bekamen wie Robin Williams als bester Nebendarsteller. Beim Schlendern über den luftigen, grünen Campus kann man Eichhörnchen zuschauen und kickenden Studenten auf dem Rasen. Wissen die eigentlich, dass sie ihre Freistöße quasi in Hollywood schießen? „Klar", sagt Gary aus dem US-Bundesstaat Wisconsin und lacht, „diese Hochschule hab ich mir doch ausgesucht, als ich vor Jahren den „Hulk" schaute – so wie der im Film wollte ich auch an der altehrwürdigen Culver-Uni in Virginia studieren und war überrascht, dass es in Wirklichkeit die von Toronto ist." Etwa 70 große Kinofilme werden hier pro Jahr gedreht, gut 3.000 Drehgenehmigungen erteilt die Stadt insgesamt pro Jahr und kann umgerechnet mehr als 130 Millionen Euro Ausgaben der Produktionsfirmen verzeichnen. Die kommen auch nach Jahrzehnten immer noch gern – vor allem, weil in Toronto steuerliche Vorteile winken und die Drehkosten etwa 30 Prozent unter denen in New York City liegen. Hinter dem „Big Apple" und Los Angeles ist Toronto die Nummer 3 der Film-Städte Nordamerikas, beschäftigt inzwischen 25.000 Menschen im Kino- und TV-Business. Und hätte längst einen neu zu schaffenden Oscar verdient: Den für’s beste Allzweck-Location-Double. Besonders gerne buchen Filmcrews das „Casa Loma" ein mittelalterlich anmutendes Schloss, inmitten eines gepflegten, britisch anmutenden Villenviertels, auf einem 17.000 Quadratmeter großen Hügelgrundstück im Viertel Davenport Hill gelegen. Mit Springbrunnen im Terrassengarten, 98 Zimmern, drei Bowlingbahnen und einem Ofen, groß genug, um darin einen Ochsen zu braten. Der kanadische Unternehmer Sir Henry Pellatt, reich geworden mit Minen, Versicherungen und Elektrizitätswerken, hatte dieses noch heute größte Wohnhaus Kanadas bis 1914 bauen lassen, verlor aber während des Ersten Weltkriegs fast sein ganzes Vermögen und musste 1924 ausziehen. Heute ist das „Haus auf dem Hügel" – so die deutsche Übersetzung des spanischen Namens ein Museum.

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