Stopps an den schönsten Orten: Eine Mahlzeit mit Blick auf den Wasserfall Urridafoss. - © Willenberg
Stopps an den schönsten Orten: Eine Mahlzeit mit Blick auf den Wasserfall Urridafoss. | © Willenberg

Island Auf schwankendem Boden

Kleine Erdbeben sind auf der Vulkaninsel im Atlantik keine Seltenheit. Und auch sonst zeigt sich das Eiland vielerorts von seiner wilden, ungezähmten Seite. Zeit, Island mit dem mobilen Heim zu erkunden

Ulrich Willenberg

Island begrüßt uns mit einem launischen Wettermix. Heftige Schauer und Sturmböen wechseln sich ab mit leuchtenden Regenbögen und strahlendem Sonnenschein. Typisches Islandwetter eben. Vor dem Flughafen Keflavík wartet bereits Hanna mit einem nagelneuen Wohnmobil, unserem rollenden Ferienhaus für die nächsten Wochen. „Der Wagen hat sechs Gänge. Aber den höchsten Gang werdet ihr nicht brauchen", erklärt die Mitarbeiterin des Autovermieters. Schließlich beträgt die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf Island nur 90 Stundenkilometer. Doch oft geht nur viel weniger. Vor allem bei Sturm. „Bei drohendem Unwetter schicke ich euch eine SMS", verspricht Hanna. Unwetter gibt es in den nächsten Tagen zwar keine, dafür Hunderte kleinerer Erdbeben in der Nähe der Hauptstadt Reykjavík. Die Isländer sind das gewohnt. Sie leben auf schwankendem Boden. Die Insel liegt auf der Nahtstelle der eurasischen und der amerikanischen Kontinentalplatte, die Jahr für Jahr zwei Zentimeter voneinander wegdriften. In den nächsten Tagen fahren meine Frau und ich auf der eurasischen Platte und folgen der Ringstraße 1 in südöstlicher Richtung. Islands wichtigster Verkehrsweg führt durch eine der aufregendsten und abwechslungsreichsten Regionen Europas. Vorbei an riesigen Gletschern, ungebändigten Flüssen, gewaltigen Wasserfällen, heißen Quellen und bizarren Steilküsten. Der „Rundkurs" verläuft durch grüne Täler, über steile Gebirgspässe und unbewohnte Hochplateaus. Viele Campingplätze haben sich auf Wohnmobile eingestellt und bieten Stromanschluss sowie Abwasserentsorgung. Die meisten sind entlang der Ringstraße zu finden. Besonders spektakulär gelegen ist der Platz am Fuße des Wasserfalls Skógafoss im Süden Islands. Einer der wohl schönsten Orte zum Campieren finden wir südlich des Städtchens Höfn. Einige Kilometer abseits der Nr. 1 führt eine holprige Piste zu einem einsamen Toilettenhäuschen mit Spitzengardinen, das direkt an einer Gletscherzunge des Vatnajökull liegt. Wir bleiben die einzigen Gäste in dieser Nacht, abgesehen von den Singschwänen, die an einem nahen Tümpel brüten. In der Ferne leuchten die schneebedeckten Gipfel des Vatnajökull im Sonnenschein. Mit einer Fläche von 8.300 Quadratkilometern ist er der größte Gletscher Europas. In nördlicher Richtung führt die Nr.1 durch eine Landschaft, die mit ihren satten grünen Wiesen voller weidender Kühe an das bayrische Allgäu erinnert. Der Bauernhof „Brunnhóll" wirbt am Straßenrand für selbstgemachtes Gletschereis. Eis vom Gletscher gehört zwar nicht zu den Zutaten, dafür aber Milch von freilaufenden Kühen. Die nächste Nacht verbringen wir auf einem Campingplatz am See Lagarfjót. Das 38 Kilometer lange Gewässer nahe der Stadt Egilsstadir ist umgeben vom größten Wald Islands. Im See zu schwimmen ist nur etwas für abgehärtete Naturen. Doch Gelegenheiten zum Warmbaden gibt es in Island reichlich. Mehr als 70 Orte bieten durch heiße Quellen gespeiste Schwimmbäder. Hinzu kommen unzählige öffentliche und private „Hot pots" (isländisch: Heitur pottur). Diese Sitzbadewannen bieten Platz für mehrere Personen und sind ein wunderbarer Ort zum Klönen und Entspannen. Der „heiße Pott" ersetzt Kneipe und Gruppentherapie und ist vielleicht mit ein Grund für die hohe Lebenserwartung der Insulaner. Islands größte und bekannteste Badewanne ist die Blaue Lagune nahe Reykjavík. Inzwischen hat der überlaufene Touristenmagnet Konkurrenz bekommen. Im Norden direkt an der Ringstraße gelegen, kann man im 40 Grad heißen Wasser planschen, das aus 2.500 Metern Tiefe aufsteigt. Das Thermalbad liegt in einer der vulkanisch aktivsten Zonen des Landes. Brodelnde Schlammtöpfe und zischende Solfatare, die schwefelhaltige Gase ausstoßen, bieten einen kleinen Vorgeschmack auf die Hölle. Lieblich und grün dagegen zeigt sich die Landschaft rund um den einige Kilometer entfernten Myvatn (Mückensee). Das unter Naturschutz stehende Gewässer, an dem Tausende von Enten brüten, ist ein landschaftliches Kleinod. Wenn nur nicht die Mücken wären. „Es ist schrecklich. Sie kriechen in Ohren und Nase", klagt der Besitzer eines Ladens. Neben Moskitonetzen, isländischen Outdoor-Jacken (made in China) verkauft er auch „Geysir-Brot", das 22 Stunden lang mit Erdwärme gebacken wird. Weiter westlich des Sees führt die Ringstraße über lachsreiche Flüsse vorbei am Godafoss, dem Wasserfall der Götter, hin zur hübschen Stadt Akureyri. Von hier sind es rund 400 Kilometer zum Flughafen Keflavík. Wer Zeit hat, sollte einen Umweg fahren über die nördlich gelegene Tröllaskagi. Die gebirgige Halbinsel der Trolle mit ihren einsamen Tälern voller Islandmohn zählt zu den schönsten Regionen der Insel. An der Nordspitze liegt das Fischerdorf Siglufjördur, zu erreichen über eine abenteuerliche Küstenstraße, die sich an einem schroffen Berghang emporwindet, bevor sie das letzte Stück in einen Tunnel eintaucht. Für den abgelegenen Ort ist der ein Segen. Vor allem im Winter. Früher mussten sich die Bewohner über einen gefährlichen Pass quälen. Immer wieder berichteten Reisende, sie hätten dort Gespenster gesehen. Mancher Wanderer soll in dem Gebirge verschollen sein und im Nebel als Wiedergänger herumspuken. Das ließ einen Pfarrer nicht ruhen. Um die Geister zu vertreiben, las er auf dem Pass eine Messe. Unser Abschied von der Insel ist stürmisch. Ein Islandtief macht seinem Namen alle Ehre. Windböen drücken gegen das Fahrzeug. Ich erinnere mich an Hannas Warnung: Bei starkem Wind langsam fahren und nicht abrupt gegenlenken. Bei Sturm anhalten und mit der Nase in Windrichtung parken. Ein ausländisches Ehepaar hat dies nicht beherzigt. Ihr Wohnmobil wurde auf der Halbinsel Snaefellsnes umgeworfen. Die beiden Insassen kamen mit dem Schrecken davon.

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