Stadtidylle mit Urlaubswert: An der Thorbecke-Gracht stehen Reste der alten Stadtmauer ebenso wie modernisierte Wohnhäuser. Boote laden zu einer Rundfahrt ein. - © Thomas Gerstner
Stadtidylle mit Urlaubswert: An der Thorbecke-Gracht stehen Reste der alten Stadtmauer ebenso wie modernisierte Wohnhäuser. Boote laden zu einer Rundfahrt ein. | © Thomas Gerstner

Niederlande Einfach anziehend

In der Stadt Zwolle begegnen sich Traditionen der Hansezeit und moderner Lifestyle. Gegensätze sind das aber nicht. Eine Reise durch die Kunstszene, das grüne Umland und idyllische Gassen

Matthias Bungeroth

Dieser Blick ist wunderbar. Das Panorama der historischen Altstadt mit wuchtigen Kirchen und verwinkelten Gassen breitet sich wie eine Filmkulisse zu unseren Füßen aus. Hier könnte ein Filmdreh über die Hanse des Mittelalters stattfinden. Kein Wunder, denn wir sind mitten in Zwolle, einer holländischen Stadt, die stolz auf ihre lange Geschichte in diesem Handelsbund ist. Wir sitzen in einer Art überdimensionaler Raumkapsel, ganz in Weiß gehalten, mit einem riesigen gewölbten Fenster, das uns diesen Ausblick ermöglicht. Diese Architektur ist wie ein Symbol: Zwolle hat gelernt, nach vorne zu gehen und neue Wege zu suchen, so wie einst die Hanse immer neue Wege erschlossen hat, um Waren aus aller Welt den Menschen näherzubringen. Ein Ergebnis dieser Dynamik erleben wir gerade. Das berühmte Kunstmuseum „De Fundatie" ist ein echter Hotspot für viele Besucher Zwolles und natürlich Einheimische geworden. Vor dem Umbau ab 2004 hatte das Haus der bildenden Künste noch etwa 15.000 Besucher im Jahr. „So viele haben wir heute in einem schlechten Monat", erzählt Museumsdirektor Ralph Keuning lächelnd. Heute zählt das Haus gut 200.000 Besucher pro Jahr. Die Zukunft in Zwolle hat begonnen, und sie wird begeistert gefeiert. Dafür sorgt nicht zuletzt die überdimensionale Kuppel mit dem besagten Panoramafenster, das auf das Dach des klassizistischen Gebäudes gesetzt wurde, das früher einmal ein Justizpalast war. Außen spiegeln rund 55.000 helle Kacheln das Sonnenlicht in alle Himmelsrichtungen. Die Altstadt mit dem großen Markt, ihren Grachten und der ausgedehnten Fußgängerzone präsentiert sich als eine Symbiose aus Historie und moderner Lebenswelt des 21. Jahrhunderts. 1230 vom Bischof von Utrecht mit den Stadtrechten versehen, ist Zwolle heute das aufstrebende Zentrum der Provinz Overijssel und damit geistiges und wirtschaftliches Zentrum für eine Region mit mehr als 1,1 Millionen Einwohnern. Entsprechend quirlig geht es hier in der City zu, die von zackenförmig angelegten Kanälen umschlossen wird. Sie erinnern daran, dass Zwolle einst als Festungsstadt gegründet wurde. „Viele deutsche Künstler und Baumeister haben hier gewirkt", erzählt Stadtführer Bert Dijkink beim Rundgang durch die teils sehr verwinkelten Gassen mit beschaulichen Innenhöfen, die unbedingt Aufmerksamkeit verdient haben. Die Verbindungen und Kontakte zu Deutschland sind eng; viele Bürger Zwolles verstehen Deutsch und sprechen dies gerne. So fällt es leicht, sich in der tollen Gastronomieszene und der Einkaufsstadt zurechtzufinden. Das Angebot ist breit aufgestellt, individuell und kann mit den deutscher Metropolen problemlos mithalten, ja übertrifft diese sogar. Ein Höhepunkt ist der Besuch des Ortes, an dem sich Musikstars wie Johnny Cash, David Bowie oder die Band Pink Floyd ein Stelldichein geben. Zwar nicht persönlich, aber doch in hochwertig produzierten, gebundenen Hochglanz-Bildbänden. Schauplatz dieser Szenerie ist der beeindruckende Innenraum der „schönsten Buchhandlung der Niederlande", wie die Zwoller nicht ohne Stolz sagen. Der Besucher ist geneigt, diese Aussage sofort zu unterschreiben. Die Buchhandlung „Waanders in de Broeren" war dereinst eine Kirche, die zu einer Klosteranlage gehörte, die ab 1465 errichtet worden war, wie wir erfahren. 1982 fand hier der letzte Gottesdienst statt. Sie wurde danach zu einem Denkmal umgewidmet, das nicht verändert werden darf, wie die Orgel im Kirchenschiff belegt, die bis heute immer wieder zu Konzerten erklingt. Freitragend wurden Bücherregale auf begehbaren Plattformen eingebaut, damit alles irgendwann einmal entfernt werden kann, ohne die Bausubstanz zu beschädigen. Wer sich einen Kaffee und einen Snack gönnt, um dabei zu schmökern, der kann dabei auch die alten Fresken bewundern, die bei den Restaurierungsmaßnahmen freigelegt wurden. Ein Ort der Ruhe, Besinnung und zum Nachdenken über gesellschaftlichen Wandel in einer Stadtgesellschaft, die für ihre Liberalität berühmt ist. Doch was wäre ein Besuch in einer niederländischen Stadt ohne Radtour? Nur halb so schön. So lässt sich Zwolle auch per Rad prächtig erobern. Hollandräder – eine wunderbare, rückenschonende Erfindung – gibt es überall zu mieten. Die Radwege in Zwolle sind großzügig angelegt und verschaffen ein absolutes Gefühl der Sicherheit. Ein Geheimtipp ist ein Ausflug zum wenige Kilometer vom Zentrum entfernt gelegenen Schafsbauernhof „De Vreugdehoeve". Dorthin gelangt man über Deiche entlang der Ijssel durch eine wunderbare, grüne Landschaft, die zu großen Teilen unter Naturschutz steht. Unbedingt eine Pause einplanen und die Ruhe genießen! Bei unserem Eintreffen auf dem Hof sind wir überrascht: Eine Armada alter Kreidler- und Zündapp-Mopeds steht, frisch poliert, auf dem großen Parkplatz. Ein holländischer Fanclub dieser kultigen Zweiräder ist Stammgast hier, wie wir erfahren. Wer hierher kommt, kann Schafe in den Ställen und auf der Weide aus nächster Nähe erleben, zu bestimmten Uhrzeiten das Melken beobachten und aus der Küche frisch zubereitete Speisen genießen, die Schafsprodukte in den Mittelpunkt stellen. Einfach lecker! „Wir haben etwa 350 Schafe im Betrieb und eine Käseproduktion für ganz Holland", berichtet Seniorchef Herman van Assen. Er geht in seinem Beruf komplett auf, auch wenn das ein Sieben-Tage-Job ist. Vielleicht liegt das an einer auf den ersten Blick sehr erstaunlichen Beobachtung. „Ein Schaf ist genau wie ein Mensch", hat van Assen herausgefunden. „Bei gutem Wetter haben sie gute Laune", löst er das Rätsel auf. So kann an diesem strahlenden Tag in Zwolle nichts die Stimmung trüben. Und sollte es mal regnen: Das Museum „De Fundatie" ist ja auch noch da.

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