Paradies für Radler: Die Einwohner von Ootmarsum und Dinkelland sagen über ihre Heimat, dass sie das schönste Stückchen von Twente sei. - © Flora Jaedicke
Paradies für Radler: Die Einwohner von Ootmarsum und Dinkelland sagen über ihre Heimat, dass sie das schönste Stückchen von Twente sei. | © Flora Jaedicke

Niederlande Auf dem Weg nach Ootmarsum

Künstler Ton Schulten ist der berühmteste Sohn des kleinen Künstlerstädtchens in der Nähe der deutschen Grenze. Doch nicht nur für Kunstfans lohnt sich der Besuch

Flora Jädicke

Der Zug bringt mich nach Bad Bentheim. Von hier werde ich abgeholt. Rainier Veldboer ist Hotelmanager im Parkhotel de Wiemsel und er ist so ungezwungen freundlich, wie man es selten erlebt. Dort werde ich die nächsten Tage verbringen. Umgeben von einer stillen Parkanlage am nordöstlichen Rand von Ootmarsum. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Twenter Landschaft. Rainier spricht gut deutsch. Im Grenzland der Provinz Overijssel, zu der Region Twente gehört und der Grafschaft Bentheim auf deutscher Seite spricht man seit dem 19. Jahrhundert hüben wie drüben auch ein wenig die Sprache des Nachbarn. Und so kann ich ihn löchern mit all den Fragen über Ton Schulten und diesen ungewöhnlichen Teil von Holland. Hier im Dinkelland im äußersten Nordwesten von Twente wellt sich das Land in sanften Erhebungen zwischen Deutschland im Osten und Ijsselmeer im Westen. Das also ist es: Das andere Holland. Wo die Landschaft einfach nicht so will wie im Rest des gnadenlos flachen Landes zwischen Belgien, Deutschland, Nordsee- und Atlantikküste. Gut dreißig Minuten fahren wir landeinwärts. Hier liegt das Land ruhig zwischen weiten Feldern und Weidelandschaft. Hier und da erheben sich imposante Bauernhöfe und schmucke Landgüter. Früher lebten hier Mammut, Wollnaßhorn und Riesenhirsch. Heute ist die Region ein Mekka für Freizeitsportler, Künstler, Kunst- und Naturliebhaber. Was mich aber nach Ootmarsum bringt, ist der Maler Ton Schulten. Jeden Tag am Nachmittag, so heißt es, sitze er auf der Terrasse seines Cafés in der Stadt. Trinke ein Glas Wein, rauche eine Zigarre und beobachte das Treiben in der kleinen, 700 Jahre alten Künstlerstadt. Sie wirkt vollends aus der Zeit gefallen mit ihren rausgeputzten Patrizier-Häusern und Fachwerkfassaden, den engen Gassen und den gefühlt hundert Galerien. 18 sind es tatsächlich. Ton Schulten ist der berühmteste Sohn des Städtchens. Und manch einer sagt: Ohne den Ootmarsumer Bäckersohn wäre das einst bedeutende Handelsstädtchen ein verschlafenes Nest in den „Dutch Mountains". Es hätte seine knapp 4.500 Einwohner, ein paar prächtige Kirchen, ein altes Kloster, das Haus des Droste und die jüdische Geschichte, ein schönes Freilichtmuseum und ein paar hübsche kleine Geschäfte. Die Touristen aber und vor allem die Künstler, glauben einige, würden andere Orte aufsuchen. Es kommen jedoch allein Ende August, seit 36 Jahren jedes Jahr, mehr als 200 international erfolgreiche Künstler zum großen Kunstmarkt in die Stadt. Ootmarsum, das ist Kunst und Kultur auf hohem Niveau. Jetzt aber schwinge ich mich erstmal auf mein Hollandrad und fahre aus der Stadt hinaus ins Dinkelland. Kurz hinter dem Stadtrand geht es ganz und gar unholländisch bergan. Da ist es wieder, das andere Holland, das, wie auch der Rest des Landes, immer ein wenig anders erscheint, freier, entspannter und liebenswürdiger als der Rest der Welt. Ich fahre auf bestens beschilderten Radwegen. Links am Wegrand taucht ein Wasserturm auf. Zu seinen Füßen liegt der alte jüdische Friedhof. Hier oben auf de Kuiperberg findet sich auch das erste Zeichen des im 19. Jahrhundert aufkommenden Tourismus. Seit 1922 steht hier eine Informationstafel. Das ist wohl der höchste Punkt. Hoffe ich und bin dankbar für den elektrischen Assistenten am Rad. Vor mir breitet sich malerisch das Dinkelland aus. Jetzt am Nachmittag sind die Straßen kaum befahren. Hin und wieder ein Traktor, ein Motorroller oder Fahrradfahrer. Auf einer Erhebung an de Kuiperberg zwischen Grot Agelo und Nute thront ein schwarzes Holzhaus mit mächtiger Fensterfront. Es ist das Refugium von Ton Schulten. Im kleinen Schuppen arbeitet er nachts zwischen Farben und Leinwänden an seinen Bildern. Wenn das erste Vogelgezwitscher ihn zum Frühstück mit Frau Ank und den Hunden ruft, beginnt für ihn die Zeit der Muße. Das Atelier steht am Waldrand malerisch umspült von einem Bachlauf unter mächtigen Bäumen. Diese kleinteilige Twenter Parklandschaft hat dem Künstler ihren Stempel aufgedrückt. Und er hat ihr dafür ein Denkmal gesetzt. In kraftvollen Farben, die leuchten als seien sie im Himmel entstanden. „Diese Landschaft ist wie ein grafisches Gemälde", sagt Ton Schulten. „Das hat mich inspiriert." In großen und kleinen Formaten findet man seine bunten Mosaiklandschaften mittlerweile auf Taschen, Büchern, Postkarten und Buchkalendern verewigt. Die Galerie „Chez moi" ist ein Treffpunkt der Gegenwartskunst geworden wie das Museum Ton Schulten am Ton Schulten Plein. Schulten ist einer der wenigen Künstler, die zu Lebzeiten ein eigenes Museum betreiben. Ich treffe ihn und seine Frau in einem nüchternen Raum im Obergeschoss. Er will schnell dort weg. Runter auf die Terrasse. Die „Luft spüren". Bei einem Glas Wein plaudern. Da-
rüber warum er malt. Wie er die Welt sieht und was sie im Innern zusammenhält. Und dass Elton John drei Gemälde von ihm hat. Ton Schulten ist ein kreativer Unruhepol im besten Sinne. Seine Bilder aber sind voll Harmonie. Und für das künstlerische Ootmarsum ist er ein wenig das, was er als junger Mann einmal sein wollte: Eine Art fürsorglicher Pastor. Tags darauf fahre ich in eine kleine deutsche Grenzstadt. Was ein Fehler war. Niemals habe ich mich schneller auf den Rückweg gemacht. Über das Dorf Denekamp zum Landgoed Singraven. Wieder hinein in diese sanft gebändigte Natur, in der man in eine geradezu lebhafte Einsamkeit eintaucht. In eine Ruhe, die einen binnen Minuten ganz und gar aus der Zeit fallen lässt. Das Huis Singraven ruht still in einem Park, nahe der Dinkel. An der alten Watermolen gibt es ein kleines Restaurant, zwei Ferienwohnungen und einen Hofladen. Der Kaffee ist großartig und das Rauschen der Dinkel am kleinen Wehr übertönt das Knattern der Motorroller, die mit Touristen beladen vorbeifahren. Nicht jede Tourismusidee ist eine gute Idee. Die Dinkel scheint das wenig zu stören. Sie schlängelt sich gemächlich durch die alte Kulturlandschaft in diesem so anderen Holland. Ihre Ruhe senkt sich tief die Seele – wie die Landschaften in den Bildern von Ton Schulten.

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