Viel zu entdecken: Auf dem 7.000 Hektar großen Areal gibt es viel zu sehen. Clough Williams-Ellis erschuf eine Traumwelt aus Echtheit und schönem Schein. - © picture alliance
Viel zu entdecken: Auf dem 7.000 Hektar großen Areal gibt es viel zu sehen. Clough Williams-Ellis erschuf eine Traumwelt aus Echtheit und schönem Schein. | © picture alliance

Großbritannien Kunst oder Kitsch?

Mit dem nach Plänen von Architekt Clough William-Ellis geschaffenen Dorf Portmeirion avanciert eine Mischung aus Toskana und Disneyland zu einer der größten Attraktionen im Norden von Wales

Karsten-Thilo Raab

An Clough William-Ellis scheiden sich auch vier Jahrzehnte nach seinem Tode die Geister. Die einen stufen ihn als exzentrischen Spinner ein, die anderen als Visionär mit besonderer Hingabe und Weitsicht. Fakt ist, Portmeirion, das Lebenswerk und Vermächtnis des selbst ernannten Architekten, hat noch heute magische Anziehungskraft und gilt mit 220.000 Besuchern jährlich als eine der größten Attraktionen im Norden von Wales. Der 1883 geborene Clough William-Ellis schuf hier zwischen 1925 und 1976 seine eigene kleine Welt in einer seltsam anmutenden Kombination aus romanischer, barocker und klassizistischer Bauweise. Portmeirion ist ein verspielter Ort mit bonbonfarbenen Fassaden, Türmchen, Säulengängen, Kirchen, Kuppeln, Statuen und einem liebevoll angelegten Garten. Vieles ist echt, manches aber einfach nur schöner Schein auf dem 7.000 Hektar großen Areal, das von fast 20 Kilometern Wanderwegen durchzogen ist. Aufgemalte Fenster sorgen hier und da für perfekte Sinnestäuschungen. Und überall sind kleine Figuren und Embleme versteckt, die zumeist erst beim zweiten Hinschauen überhaupt bemerkt werden. Portmeirion mutet ein wenig wie eine Mischung aus Toskana und Disneyland an. Und über allem schwebt im wahrsten Sinne des Wortes der Geist des Clough William-Ellis. Denn der ungewöhnliche „Baumeister", der bereits nach wenigen Monaten seine Architekten-Ausbildung abgebrochen hatte und fortan ohne entsprechenden Abschluss eigene Wege ging, sorgte auch posthum für ein Kuriosum. Testamentarisch hatte er verfügt, dass seine Asche über Portmeirion verstreut würde. Dies geschah rund zwei Jahrzehnte nach seinem Tode im Jahre 1978, als in einer Neujahrsnacht seine Asche mit einer Silvesterrakete in den Himmel über seinem Lebenswerk geschossen wurde. Im Alter von 32 Jahren hatte die Vision von Clough Williams-Ellis allmählich Formen angenommen. Nach langer Suche stieß er auf das verlassene Stück Erde an der Tremadog Bay, wo einst eine Burganlage das Ufer sicherte. Er gründete einen Trust, um den Grund und Boden im Jahre 1925 für 5.000 Pfund, was in der damaligen Zeit eine gigantische Summe war, zu erwerben. Knapp fünf Jahrzehnte – unterbrochen von den Wirren zweier Weltkriege – sollten ins Land gehen, ehe die Traumwelt von Portmeirion 1976 endgültig fertiggestellt war. Clough Williams-Ellis hatte da bereits das Alter von 90 Jahren weit überschritten. Lange vermochte er seinen Wirklichkeit gewordenen Traum dann auch nicht zu genießen. Denn am 9. April 1978 verstarb Clough Williams-Ellis im stolzen Alter von 94 Jahren. „William-Ellis wollte beweisen, dass er an einem der schönsten Flecken dieser Erde etwas ebenso Schönes schaffen konnte, ohne diesen Ort zu zerstören”, berichtet Meurig Jones, Standortleiter von Portmeirion, voller Ehrfurcht über die Entstehung dieses ehrgeizigen Projektes, das ein bisschen an eine Filmkulisse erinnert. Und in der Tat wurde am Ufer der Tremadog Bay ab 1966 die britische TV-Kultserie „The Prisoner”, die in Deutschland unter dem Titel „Nummer 6” über den Bildschirm flimmerte, abgedreht. Seither wird Portmeirion mit seinen hoch aufragenden Palmen und anderen exotischen Pflanzen immer wieder für Filmproduktionen und Fotoshootings in Szene gesetzt. Zu den vielen Blickfänge gehören der italienische Glockenturm, die Buddha-Statue aus Ingrid Bergmanns Film „Die Herberge zur 6. Glückseligkeit” von 1958, der Pantheon, die klassische Kolonnade, die William Reeve 1760 für den Arnos Court in Bristol errichtet hatte, ein falscher Leuchtturm und ein viktorianischer Hundefriedhof, der noch immer genutzt wird. Aus den dicht bewachsenen Hängen ist in den fünf Jahrzehnten ein faszinierendes botanisches Paradies geworden, das von Klippen und Sandbuchten gesäumt wird. Ungeachtet des Puppenstubenflairs fungiert das Dörfchen heute gleichermaßen als Museum und Urlaubsquartier. Die Häuser, die nicht als Ausstellungsfläche, Geschäfte oder Restaurants dienen, werden als Hotelzimmer oder Ferienwohnungen genutzt. Auf die Frage, warum er diesen ungewöhnlichen Mix aus Baustilen und Epochen im Norden von Wales errichten ließ, soll Clough Williams-Ellis Zeit seines Lebens immer wieder gebetsmühlenartig geantwortet haben: „Weil es mein Traum war!” Einen eben solchen verwirklichte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Portmeirion Village im Jahre 1850 auch der Abgeordnete David Williams. Er ließ sich mit Castell Deudraeth ein viktorianisches Schloss errichten, das heute als Luxushotel und Nobelrestaurant dient. Clough Williams-Ellis war eben nicht der einzige, der auf der Llyn-Halbinsel seine Träume verwirklichte und bis zum heutigen Tag zum Träumen einlädt.

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