Im Herzen der Stadt: Chebs Wahrzeichen ist das „Stöckl", ein aus Krämerbuden und Fleischläden gewachsenes Fachwerk-Ensemble. - © Manfred Lädtke
Im Herzen der Stadt: Chebs Wahrzeichen ist das „Stöckl", ein aus Krämerbuden und Fleischläden gewachsenes Fachwerk-Ensemble. | © Manfred Lädtke

Tschechien Zwischen gestern und heute

Die Stadt Cheb in Westböhmen zählt zu den ältesten tschechischen Städten. Hier wartet eine große Anzahl an gut erhaltenen Denkmälern und eine mittelalterlichen Atmosphäre

Manfred Lädtke

Morgenstund’ hat Gold im Mund, ist eine Lebensregel, die im tschechischen Cheb (früher Eger) gerne als Zugeständnis für ein frühes Bier interpretiert wird. In der ehemaligen freien Reichsstadt spricht man deutsch und weiß das flüssige Gold den ganzen Tag über zu würdigen. Nichttrinker werden mitleidig belächelt, gelten als nicht gesellschaftsfähig und „komische Käuze". Im schummrig-gemütlichen Altstadt-Pub „Deravý Kotel" (Lochkessel) in der Zidovská 18 wischt sich Michael den Schaum vom Mund. Während am Thresen Arbeiter und Studenten nach dem zweiten „Frühstück" im Halbliterkrug verlangen, schiebt der Kunstmaler aus dem benachbarten Franken den rustikalen Holztisch beiseite und macht sich auf den Weg in seine Atelierstube. In Eger habe schon sein Großvater gearbeitet, erzählt er auf dem langgestreckten Marktplatz mit den sanierten, bunt gestrichenen Häusern. Cheb als Wohn- und Arbeitsort ziehe er vor, weil Miete, Essen und Trinken fast 50 Prozent billiger seien als in Deutschland. Auf dem von zwei Brunnen geschmückten Markplatz zeigt er hinüber zum „Stöckl": „Ein Geschichten erzählendes Juwel der Egerer Architektur", beschreibt Michael das freistehende Konglomerat kleiner Fachwerkhäuser auf dem buckeligen Pflaster. Mittlerweile scheint die Sonne auf die früher jüdischen Kaufmannshäuser, die 1270 einen Stadtbrand überstanden. Das nur 160 Zentimeter breite Krämergässchen teilt den wundersamen Komplex aus elf eng ineinander verschachtelten Gebäuden in zwei Blöcke. Chebs beschauliches Stadtbild, mehr jedoch ein geschichtliches Ereignis machen die Stadt nach Jahren des Verfalls zum Ziel für Kurzurlauber und Flaneure. Als Goethe 1821 nach Eger reiste, soll er dem gastgebenden Bürgermeister enttäuscht vorgehalten haben, dass es keine wegweisenden Informationen zu Wallenstein gäbe, der doch in der tragischen Stadtgeschichte eine herausragende Rolle spielte. Unrecht hatte der Herr Geheimrat nicht. Immerhin kamen seit Schillers 1799 vollendeter Trilogie „Wallensteins Tod" etliche Geistesgrößen an die Eger. Aber erst, als sich der Pulverdampf der Geschichte gelegt hatte, richteten die Stadtväter in jenem Haus, in dem der Generalissimus 1634 auf Befehl von Kaiser Ferdinand II. ermordet wurde, ein Museum ein. Im Pachelbelhaus hinter dem „Stöckl" widmet sich eine Ausstellung Geschehnissen aus dem Dreißigjährigen Krieg. Das Bezirksmuseum zeigt Habseligkeiten von Wallenstein, dessen rekonstruierten Todesraum sowie die Partisane, mit der ein kaisertreuer Hauptmann den tödlichen Stoß geführt haben soll. Begehrtes Schauobjekt ist das in der Schlacht bei Lützen getötete Pferd des böhmischen Herzogs. Wallenstein ließ „Amore mio" 1632 nach Prag schaffen und präparieren. 350 Jahre später wirbt Chebs Museum damit, das vermutlich älteste ausgestopfte Pferd Mitteleuropas erworben zu haben. Seit 2005 taugt die Historie des legendären Heerführers zum Spektakel regelmäßiger Wallenstein-Festspiele. Einer von vielen Schauplätzen ist dann die beim Flusslauf der Eger gelegene Burg. Wer es nun schafft, dem duftenden kulinarischen Erbe aus der k.u.k-Monarchie wie bayerisch-österreichischem Schweinebraten oder böhmischen Apfelstrudel in den Straßenrestaurants (vorerst) zu widerstehen – Vegetarier haben hier ohnehin keine große Auswahl – erreicht mit strammen Schritten in 15 Minuten den schwarzen, kantigen Gefängnisturm der Festung. Gut möglich, dass plötzlich zwei mittelalterlich gewandete Söldner mit gekreuzten Lanzen den Weg versperren: Der Auftritt ist Blickfang für gelegentliche Heerlager und Turnierspiele, welche dem finsteren Mittelalter ein folkloristisch-harmloses Gesicht verleihen. Bei der Suche nach schattigen Plätzchen und einem kühlen Umtrunk leitet auf dem Altstadt-Boulevard eine „Zeitachse" Schritt für Schritt durch gute und schlechte Zeiten in Cheb/Eger. Wie ein kleines Geschichtsbuch ist die Fußgängerzone „gepflastert" mit Geschehnissen aus 950 Jahren. Am Schlusspunkt der Chronik nahe dem Bahnhof, fahren Busse ins fünf Kilometer entfernte Franzensbad. Dieser Archetyp eines biedermeierlichen Heilbades gehörte anfänglich zum Stadtgebiet von Eger und ist das bei weitem anmutigste der drei westböhmischen Weltbäder. Gesäumt von Parkanlagen sind Ruhe und Erholung jenseits vom Schaulaufen neureicher Wendeprofiteure das Maß aller Dinge. Wenn die Schriftstellerin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach Mitte des 19. Jahrhunderts giftete, dass hier die Damenwelt ungeniert Mode vorführe „gleichgültig, was drinnen steckt, ob wattiertes Gerippe oder formloser Koloss", trifft diese Beobachtung auf das heutige Mittelklassepublikum reiferen Alters kaum mehr zu. Damals bummelten vor den gelben Kolonnaden Herrschaften des Hochadels, Bürger, Bauern und Heilungssuchende aus Armenspitälern. In Nachthemd und Morgenrock begegnete man sich morgens an den Brunnen zur kollektiven Trinkkur. Das Lindern von Wehwehchen hob Standesschranken auf, wie es im Alltagsleben unvorstellbar war. Schwefeleisenhaltiges Moor und Heilgase ergänzen heute die 24 Quellwasser des nach Kaiser Franz I. benannten Kurortes. Bei dessen Pavillon mit der Hauptquelle steht die „vielversprechende" Statue des „Franzel". Der Knabe mit Fisch ist das Wahrzeichen des Kurortes und Symbol für Fruchtbarkeit. Frauen, die das „beste Stück" des Nackedeis anfassen, verspricht Franzel, bald in guter Hoffnung zu sein. Also Finger weg! Oder auch nicht. Der „Zugriff" ist immerhin die preiswerteste, wenn auch nicht die erfolgversprechendste Kuranwendung in „Kaiser-Franzdorf".

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