Beeindruckende Steilküsten: Nur 15 Kilometer Strand gibt es auf der Insel. Diese wirken, eingehüllt von den Steilküsten, allerdings besonders schön und laden zum Verweilen ein. Das Wasser rund um die Insel ist besonders klar. - © Michaela Strassmeier
Beeindruckende Steilküsten: Nur 15 Kilometer Strand gibt es auf der Insel. Diese wirken, eingehüllt von den Steilküsten, allerdings besonders schön und laden zum Verweilen ein. Das Wasser rund um die Insel ist besonders klar. | © Michaela Strassmeier

Spanien Die Wilde im Atlantik

Meeressäuger, Märchenwälder, schwarze Strände und das Schulfach Pfeifen: La Gomera ist die wildeste und ursprünglichste der kanarischen Inseln

Michaela Strassmair

Sie ist so klein und gebirgig, dass es nicht einmal einen internationalen Flughafen gibt. Wer nach La Gomera will, muss erst nach Teneriffa fliegen und dann eine gute Stunde mit der Fähre übers Meer schippern. Der große Vorteil dieser etwas umständlichen Anreise ist, dass die Vulkaninsel vom Massentourismus verschont bleibt. Wanderer, Naturfans und Fahrradfahrer finden hier ein grünes Bergparadies mitten im Atlantik vor. Der letzte Vulkanausbruch fand vor bald zwei Millionen Jahren statt. Heute stehen 30 Prozent der Fläche unter Naturschutz. Und die gesamte Insel ist von der UNESCO als Biosphärenreservat ausgezeichnet. Auszeichnungen Und wenn wir schon bei den Auszeichnungen sind: Schon vor mehr als 20 Jahren war die UNESCO so von den 1.000 Jahre alten Lorbeerwälder im Garajonay Nationalpark fasziniert, dass sie die Inselmitte zum Weltnaturerbe erklärte. Wie ein Urwald aus einem Märchenbuch wirkt der immergrüne Nebelwald mit seinen bis zu zwei Meter hohen Farnen. Von den Bäumen hängen Bartflechten bis zum Boden, die knorrigen Äste sind mit Moos bewachsen. Der Park, der nach dem höchsten Inselberg Garajonay (1.487 Meter) benannt ist, ist ein ideales Wandergebiet. Ganzjährige Durchschnittstemperaturen von 22 Grad Celsius machen Touren auf dem 650 Kilometer langen Netz an Wanderwegen so angenehm. Bananen am roten Felsen Als landschaftliches Highlight gilt auch das Tal Vallehermoso im Nordwesten. Der Vulkankegel Roque Cano ragt 400 Meter über den gleichnamigen Ort Vallehermoso. Das Tal bezaubert mit seinen Kontrasten aus Bananenplantagen, Weinbergen und Kartoffeläckern zwischen steilen Felshängen. Grüner Bewuchs zwischen roten Felsen. Hier startet eine fünfstündige Tour über die Hochebene Cumbre de Chijeré zum Strand Playa de Vallehermoso, einem der wenigen Badestrände auf La Gomera. Schwarze Strandperlen Die Küste ist zwar 98 Kilometer lang, doch meist so steil und ausgewaschen, dass nur 15 Kilometer an Stränden übrigbleiben. Die meisten bestehen aus grobem Kies und Steinen, nur 500 Meter Sandstrand gibt es – meist mit schwarzem Sand. Diese ungewöhnliche Sandfarbe sorgt für eine bizarre Optik und heizt sich in den Wintermonaten wunderbar auf. Zu den schönsten schwarzen Stränden zählen die in San Sebastian de la Gomera, bei Alojera, im Valle Gran Rey und östlich von Hermigua. Wale und Delfine Einen wilden Wal in der Natur zu sehen, ist für viele Menschen ein Lebenstraum. Dieses Abenteuer ist jedoch nur an wenigen Plätzen in Europa möglich. Rund um La Gomera ist das Meerwasser besonders klar – ideale Voraussetzungen für Walbeobachtungen. Vor allem im Frühjahr sollen sich hier an die 20 Walarten aufhalten: Pottwale, die größten Raubtiere der Welt, bis zu acht Meter lange Grindwale, Schnabelwale mit ihrer langgezogenen Schnauze, Finnwale, Pilotwale und 150 Kilogramm schwere Rauzahndelfine. Die Wahrscheinlichkeit, einen Wal auf einer Beobachtungstour zu sehen, liegt nach Angaben der Veranstalter bei fast 100 Prozent. Da viele Wal- und Delfinarten vor der kanarischen Insel ihren festen Lebensraum haben, sind Whalewatching-Touren das ganze Jahr über möglich. Noch ein Pluspunkt: Alle Veranstalter von Meeressäuger-Exkursionen fahren unter der blauen Flagge, die als Umweltzeichen für sanfte und nachhaltige Wal- und Delfinbeobachtung steht. Schwimmen mit den wilden Tieren oder sie gar zu füttern ist deshalb nicht erlaubt. Verrückte Sprache Das war es noch nicht mit den Besonderheiten. Außergewöhnlich geht es auch an Land unter der einheimischen Bevölkerung zu. Guanchen heißen die Ureinwohner der Insel, die eine besondere Art der Kommunikation erfunden haben: Sie können sich pfeifend unterhalten. El Silbo heißt die Pfeifsprache, mit der die Menschen seit Jahrhunderten über tiefe Schluchten und Entfernungen bis zu drei Kilometern hinweg kommunizieren. Und das tun sie heute noch, denn die Pfeifsprache ist ein Pflichtfach in der Schule. El Silbo setzt sich aus bestimmten Tonhöhen, Tonlängen und Lautstärken sowie zwei Vokalen und vier Konsonanten zusammen und wird ausschließlich auf La Gomera gepflegt. Die UNESCO erkannte die Pfeifsprache vor gut zehn Jahren als schützenswertes Weltkulturgut an. Denn weltweit gibt es nur noch wenige Orte, die Pfeifsprachen kennen. In Mexiko, in der Türkei und auf der ostgriechischen Insel Evia fungieren ebenfalls die Finger als Mobiltelefon.

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