Malerischer Ausblick: Die Kitzbüheler Alpen locken nicht nur im Winter auf die Pisten, sondern eignen sich zu anderen Jahreszeiten als exzellente Wandergebiete. - © Magnus Horn
Malerischer Ausblick: Die Kitzbüheler Alpen locken nicht nur im Winter auf die Pisten, sondern eignen sich zu anderen Jahreszeiten als exzellente Wandergebiete. | © Magnus Horn

Österreich Griaß di’ Kitzbühel

"Griaß di" heißt es gleich bei der Ankunft und nahezu überall, wo man auftaucht. Mit einem freundlichen Gruß wird einem in Kitzbühel begegnet. Man ist schnell per Du. Erst recht mit Pepi Treichl, ein echtes Kitzbüheler Urgestein, der mit uns die ersten Schritte durch die Stadt macht. Den Erklärungen zu Architektur, Stadtbild und Co. im tiefstem Österreichisch ist nicht immer leicht zu folgen. Eins hat es in jedem Fall: Charme. Genau wie die engen Straßen und alte, mit prächtigen Farben und Verzierungen versehenen Häuser. Dazu zahlreiche Cafés, Restaurants und Bekleidungsgeschäfte. Ja, Lifestyle wird hier großgeschrieben. Ausgiebiges Shoppen ist bei der großen Auswahl an internationalen Designern und lokalen Manufakturen auf jeden Fall möglich. Casinos und Clubs sind prädestiniert für Nachteulen. Und auch gutes Essen gibt es reichlich. Der erste Abend führt uns in den Hallerwirt ins benachbarte Aurach. Ein uriges Wirtshaus. „Griaß di" werden wir von hartgesottenen Stammgästen empfangen, die, als wir am Ende des Abends wieder aufbrechen, immer noch vor dem Eingang für gute Stimmung sorgen. Die Tiroler Gastlichkeit, die uns schon am Nachmittag aufgefallen war, schlägt sich auch hier nieder. Die Mischung aus Gästen in Hemd oder Bluse mit anderen, die traditionelle Trachten tragen, fällt auf, beschreibt aber gut das Leben in Kitzbühel und Umgebung. Ein hervorragendes Ziel für Wanderer  Die nächsten zwei Tage haben es dann in sich. Beziehungsweise in den Beinen. Wir gehen wandern. Zunächst die Streif bergauf. Dort, wo das berühmte Hahnenkammrennen stattfindet, das seinen Namen dem gleichnamigen Berg verdankt. Dort lässt sich im Sommer hervorragend wandern. Unser Bergführer ist an diesem Tag ausnahmsweise der ehemalige Skistar Benni Raich. Er erklärt Besonderheiten der Piste, die wir gerade hinaufkraxeln. Es fällt schwer zu glauben, wie diese grünen Wiesen sich in ein „Winter-Wunderland" verwandeln, mit einem der berühmtesten Skirennen der Welt. Doch es ist möglich und die ganze Region ist stolz auf seinen Skisport und die Stars, die er hervorgebracht hat. Sie finden sich in vielen Anekdoten wieder. 1902 etwa wurde bereits der erste Kitzbüheler Skiclub gegründet. Man kann beim Blick hinunter ins Tal nur erahnen, was für ein Höllenlärm entsteht, wenn 40.000 Menschen im Zieleinlauf jubeln und grölen. Fast oben angekommen passieren wir auch die berühmte Mausefalle. Sie ist das steilste Stück der Streif – mit einem Gefälle von 85 Prozent. Je nach Präparierung springt der Rennläufer bis zu 60 Meter weit. Unfassbar. Auf die Frage, ob er Angst hätte vor der Abfahrt, sagt Raich: „Angst nicht, aber Respekt." In das gleiche Horn stoßen auch Ernst Hinterseer und Mathias „Hias" Leitner, die uns oben empfangen. Ihrerzeit Olympiasieger und – zweiter 1960 im Slalom. Respekt. Sie sind 86 und 82 Jahre alt. Hinterseer ist das Hahnenkammrennen zum ersten Mal 1948 gefahren. „Ich bin stolz und glücklich, dass ich in Kitzbühel zu Hause bin", sagt er. Es ist gelebte Ski-Geschichte, die uns umgibt. Wir genießen den Abgang ins Tal. Der Blick auf den Wilden Kaiser und das Kitzbüheler Horn machen die ungewohnte Anstrengung vergessen. 3,4 Kilometer sind geschafft. Ein guter Start. Der Muskelkater hält sich in Grenzen, als es am nächsten Morgen in die Südberge geht. Dennoch bin ich froh, dass wir zunächst mit dem Lift zur auf circa 1.500 Meter hoch gelegenen Bichlalm fahren. Von dort aus geht es zum ersten Gipfel des heutigen Tages: dem Stuckkogel (1.888 Meter). Der erste Streckenabschnitt verlangt noch nicht alles ab. Immer wieder gibt es steile Passagen, doch man kann den Blick schweifen lassen – ins Tal und auf die Berge – die Natur auf sich wirken lassen und einfach abschalten. Auch in diesen Höhen sind die typischen Grasberge mit Almen bedeckt. Wechselhaft und wunderschön  Nachdem wir den Stuckkogel erreicht haben, geht es über geröllige Wege hoch hinauf zum Gaisberg. Durch aufsteigende Nebelschwaden setzen wir unseren Weg fort. Immer wieder bricht die Sonne durch. Mal muss ich die Ärmel herunterziehen, dann wieder bin ich froh, doch noch Sonnencreme aufgetragen zu haben. Es ist wechselhaft. Und wunderschön. Der Höhenweg führt uns vom Gaisberg weiter in Richtung Gebra, entlang an Abhängen, die an den Bergbau zurückliegender Jahrhunderte erinnern. Aus dem Abbau von Silber und Kupfer zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert lässt sich ein früher Wohlstand der Kitzbüheler Bevölkerung erklären. Nun sind aber wieder die Waden gefragt. Enge, steile Wege geht es weiter bergauf. Bis wir – umgeben von einigen Eisplatten – das nächste Ziel erreichen. Beim anschließenden Abgang merke ich dann die Oberschenkel, die jeden Schritt hinunter stark abfedern müssen. So blau wie der Enzian hier oben blüht, so erschöpft bin ich mittlerweile. Aber zufrieden. Nach einer wohlverdienten Stärkung auf der Hochwildalm geht’s Richtung Hotel. Circa neun Wander-Kilometer sind geschafft. Insgesamt lädt Kitzbühel mit über 1.000 Kilometern beschilderten Wanderwegen zum Erleben ein. Ein weiterer Gang wird uns am Abend erspart, als wir mit der Kutsche zum s’Pfandl nach Reith fahren. Moderne Küche in traditionellem Ambiente. Der perfekte kulinarische Abschluss der Reise. Dorthin gezogen werden wir von Shire Horses, der größten Pferderasse der Welt. Den knapp 1,90 Meter Hünen macht das Gewicht der Kutsche nichts aus, sagt Kutscherin Maren fröhlich. „Es sind Arbeitstiere. Die wollen bewegt werden."Auf gerader Strecke können die 800 bis 1.000 Kilogramm schweren Pferde das dreifache ihres Körpergewichts ziehen. Galopp gehöre allerdings nicht zu ihren Spezialitäten, wie Maren sagt. Beliebt sind die zu mietenden Kutschfahrten nicht nur im Sommer für Stadtführungen und mehr. Auch im Winter ist es möglich, die Kutschfahrten zu buchen und, begleitet vom Klackern der Hufe, die möglicherweise verschneiten Ortschaften zu erkunden. Doch nach diesen Eindrücken am Abend steht am letzten Tag ein letztes Highlight an: Bevor es wieder gen Heimat geht, werden wir noch das Kitzbüheler Horn heraufgeführt beziehungsweise per Lift gefahren. Im Winter ist es ein sehr beliebtestes Familienskigebiet. Es herrscht stets Vollbetrieb am Berg, der eben auch im Sommer zum Verweilen einlädt. Auf fast 2.000 Metern Höhe verzückt der Alpenblumengarten auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern. Hier gibt es mehr als 300 Pflanzenarten aus aller Welt zu bestaunen. Interessant für Kinder sind auch kleine angelegte Kletterparks. Hier können sie die ersten Wander- und Kletterschritte machen und Trittsicherheit lernen. Wie wichtig das ist, beweisen diese Tage, die für einen ungeübten Wanderer eine Herausforderung sind angesichts der wechselnden Untergründe, auf die man reagieren muss. Um die Menschen in die Berge – im Sommer und Winter – zu locken, sind viele Angebote nötig. Eingriffe in die Natur sollen dennoch so gering wie möglich gehalten werden, erklärt unsere heutige Führerin Nina. Deshalb würden zum Beispiel Liftstützen reduziert werden. Eine Gefahr für die Sicherheit der Lifte sei dies aber nicht. Damit die Naturlandschaft auch sonst gut erhalten bleibt, wird die Landwirtschaft benötigt. Ohne die circa 20.000 Kühe, die in der gesamten Region als natürliche Rasenmäher fungieren und die Almen beweiden, wäre vieles nicht möglich. Eine Symbiose, die sich auch in Zukunft gut ergänzen muss. Wie wir feststellen können an diesem herrlichen Morgen, gelingt das zurzeit sehr gut. Abseits der Ausführungen von Expertin Nina, setzen wir unseren Weg zum Ziel fort: Yoga am Berg. Bei strahlendem Sonnenschein breiten wir unsere Matten auf der grünen Wiese auf der Erhöhung aus und folgen den Anweisungen unserer Lehrerin. Wie von den umgebenden Bergen behütet kommen wir zur Ruhe. Lassen die Seele baumeln. Vergessen alles drumherum. Die perfekte Entspannung zum Abschluss unserer Reise. „Pfiat di."

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