Felder und kleine Hügel mit einzelnen Bäumen prägen das Bild des Landkreises Uckermark nahe dem kleinen Dorf Mürow (Brandenburg). - © picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB
Felder und kleine Hügel mit einzelnen Bäumen prägen das Bild des Landkreises Uckermark nahe dem kleinen Dorf Mürow (Brandenburg). | © picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

Deutschland Keine Angst vor Ruhe

Als Großstädterin in der Uckermark: Hier hat man Zeit für sich. Künstlern und Kreativen gefällt das schon länger. Aber wie fühlt sich Urlaub in einer der verlassensten Gegenden Deutschlands an?

Wer in Berlin wohnt, vergisst oft, dass außerhalb der Stadt auch noch etwas ist. Brandenburg zum Beispiel. Und dort: die Uckermark. Rund 80 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt erstreckt sich der Landkreis mit seinen rund 121.000 Einwohnern auf einer Fläche von mehr als 3.000 Qua-dratkilometern – eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Absolute Provinz. Doch mehr als 500 Seen, Moore und Flussläufe gibt es in der Uckermark, dazu ausgedehnte Wiesen und Wälder. Fernsehköchin Sarah Wiener lebt hier, Model Eva Padberg, sogar Liedermacher Rainald Grebe, der Brandenburg eigentlich immer verspottete. Selbst Angela Merkel hat hier ihren Garten. Die Uckermark, ein Sehnsuchtsort? Bus, S-Bahn, Regionalzug: Fast drei Stunden dauert es, bis ich von Berlin aus in Lychen in der nordwestlichen Uckermark bin. Das Städtchen hat 3.600 Einwohner und ist – natürlich – umgeben von mehreren Seen. Schon in der Regionalbahn haben die Menschen Fahrräder dabei, und zwar richtige Fahrräder mit Gepäcktaschen und funktionierenden Klingeln. Hipster-Rennräder fährt hier keiner. Dass ohne Auto oder Fahrrad in der Uckermark alles ziemlich lange dauert, wird in Lychen klar. Noch sieben Kilometer sind es von hier bis in den Ortsteil Rutenberg. Dort liegt meine Ferienwohnung. Im Café „Kunstpause", idyllisch an einem Hang gelegen mit Sitzplätzen in einem weitläufigen Garten, frage ich nach dem Weg. Hier gibt es glutenfreien Kuchen und Cappuccino mit Sojamilch, die Gewohnheiten der Großstädter sind längst auf dem Land angekommen. Mit Laptop oder Smartphone sitzt allerdings niemand am Tisch. Im Garten bin ich ganz alleine. Vogelgezwitscher statt WLAN-Netz. Nach Rutenberg laufe man am besten durch den Wald, sagt die Frau hinterm Tresen. Als ich den Waldweg suche, hält plötzlich ein sehr alter VW-Bus neben mir. „Soll ich Sie mitnehmen bis Rutenberg?", ruft mir ein Mann mit schwarzer Hornbrille und breiten Koteletten zu. Conny Wimmer erzählt, er habe im Café mitbekommen, wo ich hinwolle. Er komme aus München und habe mit seiner Frau vor fünf Jahren ein Haus in Lychen gekauft. „Hier gibt’s noch Freiraum, keine Zäune", sagt er. Inzwischen hätten sich die Preise verdreifacht. Finden würde man auch nichts mehr. „Es gibt ja kaum was, man muss warten, bis einer wegstirbt", sagt der 64-Jährige. Als ich aussteige, um die letzten zwei Kilometer zu Fuß zu laufen, bittet Wimmer mich, „den Martin" schön zu grüßen, ich wolle ja sicher zum „Rehof". Man hilft sich nicht nur in der Uckermark. Man kennt sich auch. Martin Hansen, 58, und Marieken Verheyen, 62, haben das Pfarrhaus in Rutenberg und die dazugehörigen Gebäude zu Ferienwohnungen und einer Sauna umgebaut. Der Filmemacher und die Künstlerin lebten lange in Amsterdam, 2015 eröffneten sie den „Rehof". „Man weiß, ob man hier leben kann, wenn man den ersten Winter übersteht", sagt Hansen. Über die Sommermonate sind die Wohnungen fast alle ausgebucht. Man spreche da wohl etwas an in den Leuten. „Ich lasse die Stadt hinter mir und fange etwas Neues an, mit diesem Gedanken laufen viele rum." Hansen und Verheyen verkörpern ihn. Die Wohnungen sehen aus wie aus einem Lifestyle-Magazin. Ausgewählte Möbel, Designerlampen, weiße Wände zwischen Holzbalken. Auf dem Wohnzimmertisch stehen getrocknete Blumen in einer Vase, die die meisten Menschen als Sahnekännchen benutzen würden. Hinter der Couch liegt ein Stapel alter Ausgaben der Kulturzeitschrift „Lettre International", im Badezimmer steht biologische Rosmarinseife. Nur die Geräusche des Traktors, die durch die offenen Dachfenster zu hören sind, machen klar, dass dies keine Wohnung in Berlin-Mitte ist. Auf einem Spaziergang durch das 220-Seelen-Dorf fühle ich mich erst wie ein Eindringling. Außer mir ist niemand auf der Straße, in den Gärten sitzen alte Männer in weißen Unterhemden, fast alle haben einen Hund im Vorgarten. An einem Eingangstor hängt ein Schild, auf dem steht: „Unsere Kühe sind schöner als unsere Frauen". Doch die wenigen Bewohner, mit denen ich Blickkontakt habe, lächeln mich an. In Rutenberg seien die Leute Touristen und Zugezogene gewohnt, sagt Martina Busch, die Handweberin ist und einen eigenen Laden in Lychen hat. Sie stammt aus der Uckermark und kam nach ein paar Jahren in Aachen zurück. „Es ist noch nicht zu Ende entwickelt hier, noch nicht alles umgegraben", sagt sie. Die Region werde aber oft verklärt. „Die Landschaft ist so schön, aber die Leute hier haben kein einfaches Leben." Viele müssten pendeln, um Geld zu verdienen, die Einkommen seien niedrig, die Infrastruktur schlecht. Gerade erst sei der Busfahrplan wieder gestutzt worden. Trotzdem kämen immer wieder neue Leute in die Gegend, um etwas zu starten. Leicht sei es nicht. „Für die Uckermark braucht man einen langen Atem", sagt Busch. Das Paradoxe ist: Die Besucherzahlen nehmen seit Jahren zu, während die Anwohner seit der Wende stetig wegzogen. Damals lebten noch knapp 170.000 Menschen in dem Landkreis – fast 50.000 haben die Region seit 1990 verlassen. Erst seit 2014 steigen die Einwohnerzahlen wieder leicht. Von einem Boom kann man aber nicht sprechen. Das weiß auch Künstler Jens Nagel, 53. „Man tritt sich hier nicht auf die Füße", sagt der Maler. Von April bis Oktober öffnet er in Retzow bei Lychen seinen 8.000 Quadratmeter großen Garten für Besucher. Dort sind exotische Pflanzen zu sehen, außerdem Schildkröten, Meerschweinchen, Emus, Nandus, Hühner und ein Pfau. In einem Atelier stellt Nagel seine Bilder aus. Zwischen 1.000 und 1.500 Menschen kämen im Jahr. Wenn das Wetter schlecht ist, laufe es schleppender. „Es müsste mehr drum rum sein." Tatsächlich ist im Umkreis des Exotik-Kunst-Gartens vor allem eins: Natur. Was unternimmt man in der Uckermark? Intuitives Bogenschießen, Kanutouren, ein Ausflug auf einen Straußenhof oder zu einem Lyrikhaus zum Beispiel. In Rutenberg wirbt eine Frau mit Kräuterspaziergängen. Dazu kommen unzählige Strecken für Fahrradtouren. Die Wege habe ich fast immer für mich allein. Einmal ertappe ich mich dabei, wie ich in Slalomlinien fahre. Als ich es merke, drehe ich mich um, ob es vielleicht jemand gesehen hat. Da ist niemand. Wer schwimmen will, findet fast überall einen See – und immer Platz. Selbst im Hochsommer sei es nie überfüllt, sagen die Betreiber des „Rehofs" mit Blick auf den Kronsee, der von der Unterkunft fünf Minuten zu Fuß entfernt liegt. Bei einem morgendlichen Spaziergang um den See rechne ich mit Frühjoggern und Hundebesitzern. Stattdessen kreuzen drei Schnecken und eine schwarze Katze meinen Weg. Die Region wirkt verlassen, die einzelnen kleinen Orte liegen oft mehrere Kilometer auseinander. Es gibt Felder und Wälder, dann mal ein Dorf, und dann wieder lange nichts. Alles ist weit, alles ist still. Die meisten Gegenden sind Naturschutzgebiete. Vermutlich ist genau das der Reiz der Uckermark: Nichts will einen betören. Das Handynetz ist ein Witz, das Kino hat zwei Tage pro Woche geschlossen, viele Busse muss man einen Tag vor der Abfahrt bestellen. Außer sich zu bewegen, bleibt einem: kochen, schlafen, lesen. Es sind genau jene Dinge, die in einer Großstadt als Allererstes zu kurz kommen. Maler Jens Nagel sagt: „Wer Angst vor der Ruhe hat, ist hier falsch." Vermutlich hat er Recht. Die Geräusche in der Uckermark kommen jedenfalls öfter von Tieren als von anderen Menschen. Das Quaken eines Froschs ist das Einzige, was ich vor dem Schlafengehen höre.

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