Feuer und Flamme: Mit Fackeln ziehen die „Wikinger“ beim Festival Up Helly Aa durch die Straßen von Lerwick. Foto: Jane Barlow/PA Wire/dpa - © Verfügbar für Kunden mit Rechnungsadresse in Deutschland.
Feuer und Flamme: Mit Fackeln ziehen die „Wikinger“ beim Festival Up Helly Aa durch die Straßen von Lerwick. Foto: Jane Barlow/PA Wire/dpa | © Verfügbar für Kunden mit Rechnungsadresse in Deutschland.

SCHOTTLAND Feiern wie die Wikinger

19.02.2017 | Stand 19.02.2017, 13:03 Uhr

Den Briten wird nachgesagt, dass sie etwas exzentrisch sind. Und die Schotten sind ohnehin ein ganz besonderes Völkchen, und dann gibt es als ultimative Steigerung noch die Menschen auf den Shetland-Inseln. Aber das sind eigentlich keine Briten. Jedenfalls nicht so richtig. Die Inseln gehören zwar geografisch zu Schottland, aber die Bewohner fühlen sich mehr als Skandinavier und legen viel Wert auf ihre Wikinger-Vergangenheit. Deswegen feiern sie „Up Helly Aa" – eines der ungewöhnlichsten Festivals in Europa. Alles dreht sich um Wikinger, um Feuer, um Musik und natürlich ums Feiern. Dass es beim Up Helly Aa jeweils am letzten Dienstag im Januar kalt, regnerisch und windig ist, spielt keine Rolle. Wikinger lebten schließlich schon immer mit derartigem Wetter. Lerwick, die Hauptstadt der Inselgruppe zwischen Nordsee und Atlantik mit insgesamt rund 24.000 Einwohnern, ist Schauplatz dieses Treibens. Die Bewohner der Shetlands feiern das nahe Ende des Winters, der kurzen Tage, sie feiern den kommenden Frühling – und sie feiern ihre eigenen Inseln. Zwölf Monate dauert die Vorbereitung auf diesen besonderen Tag. So wird in jedem Jahr aufs Neue stets mit viel Akribie ein Wikingerlangboot gebaut, das dann am letzten Dienstag im Januar für kurze Zeit Heimat der Wikinger wird. Die werden vom Guizer Jarl angeführt, so etwas wie ihrem Häuptling. Natürlich ist es eine besondere Ehre, in dieses Amt berufen zu werden – einige Männer der Inseln warten viele Jahre darauf. Sie stehen an diesem Tag im Mittelpunkt des Geschehens und haben mit ihrem rund 60-köpfigen Gefolge Schwerstarbeit zu verrichten, denn ein Termin jagt den nächsten. Lyall Gair, der 2017 als 37-Jähriger einer der jüngsten Wikinger-Anführer aller Zeiten wurde, erlebte als Fünfjähriger erstmals das Up Helly Aa. Und schon damals stand für ihn fest, dass er einmal Guizer Jarl sein wollte. 32 Jahre lang musste er darauf warten. Dass er nun als besondere Belohnung im April mit seinem Gefolge an einer Parade in New York teilnehmen darf, ist zweitrangig. Was zählt, ist dieser eine Tag auf seiner Heimatinsel. So richtig los geht es am Abend, wenn es dunkel ist. Der Guizer Jarl und sein Gefolge versammeln sich in der Nähe des Rathauses von Lerwick – und mit ihnen über 900 weitere Männer in Fantasiekostümen. Der Zuschauer sieht nach dem Ausschalten der Straßenbeleuchtung der Dunkelheit wegen zunächst einmal gar nichts. Und dann wird es plötzlich hell, denn fast jeder der Männer trägt eine brennende Fackel. Zu Folkloremusik setzt sich die Prozession, die vom Langboot und den dazu gehörenden Wikingern angeführt wird, in Gang. Sie kennt nur ein Ziel: Den Feuerplatz. Und dann geht alles ganz schnell. Am Himmel wird ein Feuerwerk abgebrannt, am Boden werfen die Männer ihre Fackeln in das einst so mühsam gebaute Boot, von dem später nicht mehr übrig bleibt als ein paar rostige Nägel. Dabei wird musiziert, gesungen und gejubelt, denn die Helligkeit des brennenden Boots macht deutlich, dass der dunkelste Teil des Jahres Vergangenheit ist. Danach verstreuen sich Teilnehmer und Zuschauer der Prozession in alle Richtungen. Das Up Helly Aa hat zwar seinen spektakulärsten Teil hinter sich, ist damit aber längst noch nicht beendet, denn jetzt geht es in die Hallen, wo gefeiert wird. Insgesamt elf davon gibt es, sie alle sind lange im Voraus ausverkauft. Geöffnet haben sie von 21 Uhr am Abend bis ganz genau 8 Uhr am nächsten Morgen. Der Besucher staunt beim Betreten einer der Hallen etwas, denn es sind fast nur Frauen als Gäste vor Ort. Kein Wunder: Die Männer marschieren nicht nur mit ihren Fackeln, sondern besuchen im Laufe der Nacht auch noch alle elf Hallen, um dort mit Tanzvorführungen und Sketchen die Damen zu begeistern. Zwischendurch gibt es schottische Folklore und dann wird getanzt. Wer nicht tanzt, der isst, denn im Eintrittspreis von 25 bis 30 Pfund sind Kaffee und Tee, Suppe, belegte Brote und Gebäck inkludiert. Alkohol indes ist in der Halle verboten. Aber: Den hat jeder Gast selbst mitgebracht und verzehrt ihn nebenan – zum Beispiel in der Turnhalle, die offiziell zum „Trink-Raum" umgewandelt wurde. Die Nacht ist lang. Und nicht nur Wikinger können feiern. Die Inselbewohner beweisen das. Und irgendwie macht das Up Helly Aa süchtig, denn dem ersten Besuch auf den landschaftlich reizvollen Inseln folgen oft weitere – obwohl Gästebetten rar sind und die Anreise nicht leicht fällt.

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