Herbert Grönemeyer während seines Konzerts am Sonntag im Gerry-Weber-Stadion. - © Sarah Jonek
Herbert Grönemeyer während seines Konzerts am Sonntag im Gerry-Weber-Stadion. | © Sarah Jonek

Musik Herbert Grönemeyer verzaubert 8.200 Zuschauer in Halle

Der Wahlberliner liefert eine vielseitige Show im Gerry-Weber-Stadion ab. Sein Publikum schwelgt in Altem und Neuem.

Heike Krüger
11.03.2019 | Stand 11.03.2019, 22:24 Uhr |

Dicht gedrängt stehen echte Herbert-Fans vor der Bühne, deren breiter Laufsteg weit in die Halle ragt. Ganz nah dran wollen viele sein, an der deutschen Pop-Institution Grönemeyer, die seit mehr als drei Jahrzehnten zuverlässig die Nation bespielt. Mit Texten zum Nachdenken und Amüsieren. Mal mit fast sinfonischer, mal schmissiger Musik dazu und dieser unnachahmlich bölkenden Stimme. Seinem Markenzeichen. Er feiert mit seinen Gästen Die anderen der 8.200 Zuschauer im Gerry-Weber-Stadion, die es am Sonntag durch den Schneeregen in die vergleichsweise Gemütlichkeit der überschaubar großen Halle geschafft hatten, feiern „Hebbert" von der Bestuhlung aus. Lange bleiben sie dort aber nicht sitzen, denn der Wahlberliner versteht es, alle mitzureißen. Vielleicht gelingt das in einer kleineren Konzerthalle sogar besser als in den großen Arenen, in denen Herbert Grönemeyer sonst auf seiner „Tumult"-Tour gastiert. Vielleicht ist es ein Grund dafür, dass er offensichtlich Spaß daran hat, erst drei Stunden und etliche Zugabenblöcke später den verdienten Feierabend anzutreten. Zuerst aber: Scheinwerfer an, Band in Position, Riesenjubel. Im schwarzen Outfit mit weißen Turnschuhen entert der inzwischen 62-Jährige die Bühne. Nahezu alterslos noch immer die eckigen Bewegungen, sein schnelles Flitzen vom Hintergrund, wo die achtköpfige Band steht, nach vorn an den Bühnenrand. Vom „Sekundenglück" der neuen Platte in schneller Folge zum Historien-Medley mit „Bochum" zu Beginn, das vom ersten Hammerschlag an alle mitsingen können. Herbert trägt 
sein Herz 
auf der Zunge Vom versenkbaren Flügel ganz vorne zurück zum Keyboard: Sicher, Herbert ist älter geworden wie alle hier, strahlt aber immer noch Vitalität und unbändige Lebenslust aus. Eine Mischung, die ankommt, die selbst die melancholischen Passagen grundiert. Etwa, wenn das immer noch berührende Requiem auf seine vor 20 Jahren gestorbene Frau Anna erklingt. „Das Leben ist nicht fair", singt er da, auch wenn sie versucht hätten, „auf der Schussfahrt zu wenden" blieb ihm und seinen Kindern der Schicksalsschlag nicht erspart. Herbert trägt sein Herz auf der Zunge, und kaum jemand im deutschen Pop-Universum versteht es, so präzise in Worte zu kleiden, was Menschen in Extremsituationen umtreibt. Politisch ist er auch, allerdings nicht belehrend oder bärbeißig, doch mit deutlichem Statement. Eine Katastrophe sei es, was den im Sturm kenternden Flüchtlingen im Mittelmeer geschehe, ruft er, als die ersten Akkorde von „Roter Mond" erklingen. „Keinen Millimeter nach rechts" mahnt Grönemeyer, und die Band zelebriert den „Fall der Fälle". Acht Musiker unterstützen den Frontmann, allesamt Könner an ihren Instrumenten. Support BRKN, Berliner Multi-Instrumentalist mit HipHop-Soul-Fusion im Gepäck und Migrationshintergrund, intoniert mit Herbert ein warmherziges deutsch-türkisches „Doppelherz" für eine offene Gesellschaft. Ein Mix aus alten und neuen Songs Es sind Sätze wie „Schieb mich durch dein Erfindungsreich" und „Lieb mich leer", die typisch Herbert sind. Die alten Titel wie „Musik nur, wenn sie laut ist", „Mensch" oder „Flugzeuge im Bauch" streut er immer wieder ein, verpasst aber auch musikalisch nicht den Anschluss an neue Instrumentierungen, bietet jazzige Klänge oder einen tanzbaren Bossa Nova. Auch die Fußball-Sommermärchen-Hymne „Zeit, dass sich was dreht" darf nicht fehlen. Noch ein dicker Konfettiregen und das Publikum ist endgültig aus dem Häuschen. Bei Herbert, und vielleicht ist das sein Erfolgsrezept, klingt selbst die Aufforderung, im turbulenten Alltag „die Liebe nicht zu vergessen", kein bisschen kitschig. Ein feiner Kerl.

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