Musikalisch wie textlich gut aufgestellt: Wolfgang Niedecken mit BAP auf der Stadthallen-Bühne. Foto: Sarah Jonek - © Sarah Jonek
Musikalisch wie textlich gut aufgestellt: Wolfgang Niedecken mit BAP auf der Stadthallen-Bühne. Foto: Sarah Jonek | © Sarah Jonek

Musik Konzert in Bielefeld: Wenn Wolfgang Niedecken in sich geht

Aufrüttelnd: Das Bielefelder BAP-Konzert verblüffte mit einer Symbiose aus Kölner Südstadt der Nachkriegszeit, Louisiana und dem Mississippi-Strom

Johannes Vetter

Bielefeld. Was passiert, wenn Männer in sich gehen? Ein Fußballreporter hatte das einmal an einem ehemaligen Bundestrainer beobachtet und die etwas hämische Frage gestellt, ob der Insichgeher da überhaupt jemanden antreffe. Wen Wolfgang Niedecken antrifft, wenn er in sich geht, wissen wir nicht, aber das Ergebnis dieses Ausflugs nach innen war am Freitag in der voll besetzten Stadthalle zu bestaunen. „Reinrassije Strooßenkööter", so der Untertitel seiner neuen CD „Familienalbum", ist ein höchst doppelbödiges Motto. Während „reinrassig" nicht nur an unselige Zeiten, sondern auch an aktuelle unselige Machenschaften – nicht zuletzt im Bundestag – denken lässt, ist der Straßenköter nun wirklich der Inbegriff einer höchst kreativen Wundertütenpromenadenmischung, die jedem Rassisten den Schweiß auf die Stirn treibt und ihn auf Gewalttätigkeit sinnen lässt. „Mir sinn reinrassije Strooßenkööter" heißt es im Opener, das Lied „für ming Ahne, minge Stamm", ein melancholischer Blues mit Südstaatenflair – aufgenommen in New Orleans. Eine verblüffende Symbiose zwischen der Kölner Südstadt der Nachkriegszeit und Louisiana und dem Mississippi-Strom. Eingeblendet werden Fotos des elterlichen Lebensmittelladens, und alle, die Anfang der 1950er geboren sind, finden sich in ihrer eigenen Vergangenheit wieder, in jenem schwer zu beschreibenden Niemandsland zwischen den materiellen und seelischen Trümmern des „tausendjährigen Reiches" und dem „Wirtschaftswunder", währenddessen das trügerische Gefühl, alles sei wieder gut, narkotisierend um sich griff. Vielsagende „Lieder ohne Worte" Niedecken ist ein Meister darin, aus einer intim privaten Atmosphäre große politische Zusammenhänge aufscheinen zu lassen, ohne zu belehren. „Kristallnacht", einer seiner musikalisch und poetisch ambitioniertesten Songs, fügt sich nahtlos in die private Erinnerungskultur ein. Textverweise auf Kafka, Anspielung auf den Katastrophen-Maler Hieronymos Bosch, eine Musik mit streng kalkulierten Akkordstrukturen, inhaltlich profiliertes Schlagzeug. Hier, wie auch in vielen anderen Kompositionen, fällt auf, dass Niedecken der Musik mindestens so vertraut wie seinen Texten. Er riskiert lange Instrumentalpassagen, die zu einer intensiven emotionalen Verdichtung führen und tiefe Spuren hinterlassen. Vielsagende „Lieder ohne Worte". Das aber funktioniert nur mit hervorragenden Musikern, die Niedecken mitgebracht hatte. Aufrüttelnde Gitarrenriffs, ein mit allen Wassern gewaschener Keyboarder, eine Cellistin, die auch Violine, Ukulele, Waschbrett und Posaune spielte, ein Schlagzeuger, der groovte, aufpeitschte, meditierte; eine Bläsertrio, bestehend aus Trompete, Saxophon und Posaune, die mit passgenauen Arrangements den typischen BAP-Sound wissend profilierten. Eine Kaskade von BAP-Evergreens boten die Zugaben, als schließlich mit „Jraaduss" ein dreieinhalbstündiges Rockkonzert erster Güte zu Ende ging. „Bliev do, wo de bess / Halt dich irjendwo fess / un bliev su wie du woors / jraaduss." Nostalgie, Vergewisserung und Mobilisierung fallen in eins. Das kann nicht jeder.

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