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Oper und Schauspiel zugleich: Daniel Pataky (v.l.), Jana Schulz und Hasti Molavian glänzen in der Premiere von „Charlotte Salomon". - © Bettina Stöß
Oper und Schauspiel zugleich: Daniel Pataky (v.l.), Jana Schulz und Hasti Molavian glänzen in der Premiere von „Charlotte Salomon". | © Bettina Stöß

Kultur Publikum feiert deutsche Erstaufführung der Oper „Charlotte Salomon“ in Bielefeld

Die Schauspielerin Jana Schulz ist überragend

Anke Groenewold
16.01.2017 | Stand 15.01.2017, 20:16 Uhr

Bielefeld. Vor die Frage gestellt, „sich das Leben zu nehmen oder etwas ganz verrückt Besonderes zu unternehmen", wählte die jüdische Malerin Charlotte Salomon 1940 im französischen Exil Letzteres. Sie malte um ihr Leben, indem sie ihr Leben malte. Rund 1.300 Gouachen entstanden bis 1942. Knapp 800 bündelte sie zu dem Zyklus „Leben? Oder Theater?" – eine Art Theaterstück aus Bildern, Texten und Musik. Der Komponist Marc-André Dalbavie nahm es als Grundlage für seine Oper „Charlotte Salomon", die 2014 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde. Der 55-jährige Franzose kam bereits zu den Endproben am Bielefelder Theater und staunte über die zweite Inszenierung seines Werks, die so anders ist als die erste von Luc Bondy. Nackt, düster ist der Bühnenraum Das Publikum feiert am Ende alle: Dalbavie für seine farben- und zitatreiche Musik, die quecksilbrig jeder Schublade entwischt; das kreativ entfesselte Team um Regisseurin Mizgin Bilmen für eine fein gearbeitete Inszenierung, bei der man sich schwindelig schauen kann; die mit einer stilisierten und detaillierten Bewegungschoreografie stark geforderten Akteure auf der Bühne; und ganz besonders die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von Alexander Kalajdzic. Spannungsreich „malen" sie Dalbavies zugängliche und sinnliche Musik, die sich nuanciert von zart bis eruptiv auffächert. Das Orchester zaubert Klangschleier, die so eigentümlich klingen und schweben, dass man als Zuhörer „ganz Ohr" ist – und das heißt etwas bei dieser dichten Inszenierung, die das Auge stark in Beschlag nimmt. Wie Charlotte Salomons Werk, so ist auch dieses Werk ein Hybrid: Oper, ja, aber auch Schauspiel. Die Inszenierung setzt noch einen drauf, indem sie das Filmische betont, das bereits in Salomons Malerei steckt. Am Anfang ist Charlotte. Die Schöpferin. Die Schauspielerin Jana Schulz, gebürtige Bielefelderin und soeben hochkarätig preisgekrönt, sitzt auf dem Boden und bemalt Engelsflügel. Charlotte ist 1940 im Exil dem Wahnsinn nah: Ihre Großmutter hat sich aus dem Fenster gestürzt, mit ihren Großvater war Charlotte in einem Lager interniert. Erst jetzt erfährt sie, dass sich auch ihre Mutter und weitere Familienmitglieder das Leben genommen haben. Nackt, düster ist der Bühnenraum (Cleo Niemeyer). Ein begehbares Konstrukt aus schwarzen Brettern lässt an ein Gefängnis denken. „Werde ich die nächste sein, wer bin ich?", fragt Charlotte. Das Singen öffnet ihr die Tür zu ihren Erinnerungen. Genial ist die Idee von Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter, die Sängerinnen und Sänger wie gemalt aussehen zu lassen. So als seien sie direkt aus Salomons Bildern auf die Bühne gesprungen. Das Erinnern als etwas Assoziatives, Nicht-Chronologisches und Bruchstückhaftes ist schon in der Oper angelegt. Mizgin Bilmen spitzt das Chaotische und Kreative des Erinnerns zu. Sie erschafft einen bewegten, mitunter wirbelnden dreidimensionalen Bilderkosmos, in dem sich das Spiel der Akteure auf der Bühne, filmische Projektionen und Charlotte Salomons Malerei überlagern und in Beziehung zueinander treten. In ekstatisches Flirren geraten die Bilder, wenn sich Charlotte in Daberlohn, den Gesangslehrer ihrer Stiefmutter, verliebt: Dann vibrieren seine Augen und sein Mund, wie Salomon sie malte, als Animation. Dann sprühen ihre Pinselstriche wie Funken über die Gaze. Die Videoarbeit von Malte Jehmlich ist außerordentlich. Zwischen Lebenslust und Todessehnsucht Die charismatische Jana Schulz, barfuß und in weißem Malerkittel, lotet anrührend und mit feinem Gespür für Zwischentöne die Zerrissenheit Charlotte Salomons zwischen Lebenslust und Todessehnsucht aus. Sie steht als Erzählerin nicht am Rand, sondern inszeniert energisch die Szenen und Personen ihres Lebens, wirft Schlaglichter auf Nationalsozialismus, Antisemitismus, Exil und Krieg. Und sie legt tröstend den Arm um das zu Kunst gewordene andere Ich, das sie „Charlotte Kann" tauft. Mit dunkel getöntem, flexiblem Mezzosopran glänzt Hasti Molavian in dieser Partie. Intensiv im Spiel schlägt sie überzeugend den Bogen von der jugendlich impulsiven Charlotte bis zur verzweifelten Frau. Einen großen Auftritt gönnt die Malerin Salomon ihrer Stiefmutter, die sie Paulinka Bimbam nennt. Nohad Becker strahlt mit voluminöser Stimme Grandezza aus in der Partie der gefeierten Sängerin. Charlotte himmelt sie an, aber die Beziehung steht auch unter starken Spannungen. Verliebt sich Charlotte doch in den Gesangslehrer Daberlohn, der seinerseits in Paulinka verliebt ist. Daniel Pataky verleiht dieser Figur mit geschmeidigem Tenor etwas dandyhaft Leichtfertiges. Ein beklemmendes Element in dieser traumhaft surrealen und fein ausgearbeiteten „Familienaufstellung" wie Regisseurin Bilmen es nennt, sind die Großeltern (markant: Evelyn Krahe und Olaf Haye), stets mit Sarg im Bild. Bemerkenswert auch Evgueniy Alexiev als Charlottes Vater, Katja Starke als Charlottes Mutter und Caio Monteiro als Professor Klingklang. Am Ende schließt sich der Kreis. Charlottes Werk ist vollendet, sie hat sich gesucht und die Künstlerin gefunden. Was die Oper nicht erzählt, was man aber wissen sollte: Salomon wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

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