Peter Brugger ist Sänger und Gitarrist der Sportfreunde Stiller. Mit seiner Band ist er beim Campus Festival an der Uni Bielefeld zu Gast. - © DPA
Peter Brugger ist Sänger und Gitarrist der Sportfreunde Stiller. Mit seiner Band ist er beim Campus Festival an der Uni Bielefeld zu Gast. | © DPA

Kultur Peter Brugger von den Sportfreunden Stiller im großen Interview vor dem Campus Festival

Am 23. Juni spielt die Band an der Uni Bielefeld

Johannes Hülstrung
21.06.2016 | Stand 22.06.2016, 20:35 Uhr |

Bielefeld. Spätestens seit „’54, ’74, ’90, 2006" sind sie deutschlandweit bekannt: die Sportfreunde Stiller. Nicht nur aufgrund ihres Konzeptalbums „You Have to Win Zweikampf" werden sie häufig noch als Fußball-Band bezeichnet. Sänger Peter Brugger hat damit überhaupt kein Problem, wie er im Interview verrät. Außerdem spricht der Frontmann der „Sportis" unter anderem über das Älterwerden, randalierende Nazis bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich und die Arbeit am neuen Album. Ihr spielt am 23. Juni als Headliner beim Campus Festival in Bielefeld. Wie ist es für euch, auf den Festivalplakaten ganz oben zu stehen? Peter Brugger: Das ist auf jeden Fall was Besonderes, weil wir anfangs niemals dachten, dass wir 20 Jahre später immer noch Musik machen. Dass wir da ganz oben auf den Plakaten stehen, ist eine tolle Ehre. Die Sportfreunde Stiller feiern dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Gehen Ihnen Ihre Bandkollegen Flo und Rüde langsam auf die Nerven? Brugger: Die gehen mir schon seit 17 Jahren auf die Nerven (lacht). Aber es läuft trotzdem gut. Wir haben einfach eine sehr enge Beziehung. Dass man sich mit unterschiedlichen Meinungen zwischendurch auf den Sack geht, ist ganz normal. Also war in den ersten drei Jahren noch alles gut? Brugger: Na ja, am Anfang war die Euphorie einfach noch so groß (lacht). Nee, Schmarrn. Wenn du in engem Kontakt mit Leuten bist und ihr viel Zeit miteinander verbringt, dann gibt es Punkte, an denen man aneinander gerät. Das Geheimnis ist, dass man sich im richtigen Moment aus dem Weg geht, die Konflikte anspricht und klärt. Das schaffen wir immer gut. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Studienzeit? Brugger: Da gibt es viele Erinnerungen. Das Bleibende ist der Flo, den ich im Sportstudium kennengelernt habe. Ich habe die Unizeit sehr entspannt in Erinnerung, weil wir viel Sport gemacht haben. Es sind mir auch noch viele Freunde aus der Zeit geblieben. Ich freue mich, auf einen Campus zurückzukehren. Was verbinden Sie mit Bielefeld? Vermutlich Fußball? Brugger: Die Arminia ist mir natürlich schon seit langer Zeit ein Begriff. Ansonsten soll Bielefeld ja die Stadt sein, die gar nicht existiert. Was aber nicht stimmt, wie wir uns schon oft vergewissert haben. Im Ringlokschuppen haben wir häufig gespielt. Die Konzerte habe ich in sehr guter Erinnerung. Wahrscheinlich auch, weil viele Studenten in der Stadt sind und die Stimmung entsprechend gut ist. Studenten verstehen es durchaus zu feiern. Einige der Studenten beim Campus Festival waren noch gar nicht geboren, als ihr euch gegründet habt. Macht Ihnen das Angst? Brugger: Das ist tatsächlich krass (lacht). Wir sind mittlerweile wohl so was wie die Rock-Opis. Wobei ich mich selber nicht alt fühle. Aber der Gedanke, dass Leute da sind, die noch nicht auf der Welt waren, als wir begonnen haben, ist schon krass. Umso mehr freue ich mich, dass wir immer noch so ein Leben führen können. Panik vorm Älterwerden gibt es nicht? Brugger: Panik habe ich keine. Ich merke natürlich, dass die Haare langsam weniger werden. Und manchmal schaffe ich bei einem Fußballspiel nicht mehr die vollen 90 Minuten mit höchster Power. Aber ansonsten schätze ich das Älterwerden auch. Ich kann auf viel Erfahrung zurückgreifen. Es gibt viele Momente, die ich schon ähnlich erlebt habe. Und wenn ich mal eine Flaute beim Liederschreiben habe, weiß ich, dass die Kreativität irgendwann zurückkommt. Ich bin jetzt beruhigter. Früher hatte ich Angst, ob mir jemals wieder etwas einfällt. Kreativ sein mussten Sie auch bei der Arbeit am neuen Album, das im Herbst erscheint. Brugger: Die Aufnahmen von 15 Liedern sind abgeschlossen, gerade wird gemischt. Jeden Tag flattern neue Mixe rein, was sehr spannend ist. Es ist immer ein toller Moment, wenn man eine Platte fertig hat. Mit den Liedern sind wir zufrieden. Wir haben es irgendwie geschafft, dass es nach Sportfreunde klingt und trotzdem anders als davor. Das ist immer eine große Herausforderung. Was ist denn anders als noch auf dem Vorgänger „New York, Rio, Rosenheim"? Brugger: Das ist für mich schwer zu sagen. Ich erkenne da Nuancen. Ein Lied zum Beispiel ist ein bisschen discolastig, also wirklich tanzbar, was bei uns noch nicht so oft der Fall war. Wir wollen jedem Lied das geben, was es braucht. Wo wir früher einfach rausgerumpelt sind mit unserem Sound, was für die Zeit auch gut war, arbeiten wir jetzt detailverliebter. Bis zu den Aufnahmen hattet ihr eine Auszeit seit Ende August 2014. Wie haben Sie die genutzt? Brugger: Für uns war die Auszeit gar nicht so lang. Wir haben uns nur ein paar Monate Pause voneinander genommen. Da ging es für mich darum, ein bisschen Abstand zu gewinnen und die ganzen Eindrücke wirken zu lassen. Es ist echt immer heftig, der Kontakt zu ganz vielen Menschen, die krassen Erlebnisse auf Festivals oder großen Konzerten. Ich brauche Zeit, um das sacken zu lassen. Der Versuch, ein normales, alltägliches Leben zu führen, ist aber auch nicht immer so leicht. Dann schaue ich, wann wieder Bock aufkommt, Lieder zu machen. Der Start war für uns im Frühjahr 2015 auf einer Hütte in den Bergen. Da habt ihr zusammen Songs geschrieben? Brugger: Genau. Jeder kam schon mit ein paar Ideen an, die wir uns gegenseitig vorgespielt haben. Wir haben gejammt, sind Skifahren gegangen, haben den ein oder anderen Jagertee getrunken und geschaut, wo es hingehen kann. Hat es euch überrascht, dass die Pause so kurz war? Euer letztes Studioalbum hatte sechs Jahre Vorlauf. Brugger: Da war es mal wichtig, eine richtig lange Pause zu machen. Ohne konkret zu sagen, wann es für uns weitergeht. Dieses Mal war klar, dass wir uns nach ein paar Monaten wieder treffen. Da ist bei uns der Flo mit seinen Hummeln im Hintern die treibende Kraft. Er ist so wahnsinnig kreativ, pfeffert dauernd irgendetwas raus und reißt uns immer mit. Seid ihr beim Schreiben gleichberechtigt? Brugger: Ja, und wir debattieren auch alles demokratisch. Jeder bringt Ideen ein und wir entscheiden uns dann, welche wir annehmen wollen. Wir schauen, dass keiner zu kurz kommt, suchen aber das, was wir alle gut finden. Ihr platzt mit eurer Rückkehr mitten hinein ins Fußball-Fieber. Wer wird eigentlich Europameister? Brugger: Vor ein paar Tagen hätte ich noch Österreich gesagt. Jetzt bin ich wieder anderer Meinung. Ich hoffe natürlich, dass Deutschland Europameister wird. Sind Sie da guter Dinge? Brugger: Eigentlich schon. Aber man weiß ja nie, was während des Turniers noch passiert. Dann kommt die Hodensack-Affäre dazu und es geht dahin (lacht). Aber ich wünsche den Jungs, dass es klappt. Gerade Basti Schweinsteiger soll wieder ein grandioses Finale spielen. Das war ein so geiler Moment im ersten Spiel, als er seine fünf Minuten hatte. Dafür liebe ich den Fußball. Ärgert es euch, noch immer als Fußball-Band wahrgenommen zu werden? Brugger: Mich ärgert es gar nicht. Zumindest Flo und ich sind wahnsinnig fußballverrückt. Nach der WM 2006 war es schwierig, weil wir total darauf reduziert wurden, noch dazu auf ein einziges Lied. Aber wer sich wirklich für uns interessiert, weiß, dass wir viele Themen haben, die das ganze Leben betreffen. Und was wir sonst für ein Image haben, ist eh schwer zu beeinflussen. Da finde ich es wichtiger, dass die Leute unsere Musik gut finden. Ob wir dann die Fußball-Band sind oder nicht, ist mir eigentlich egal. Dass bei der EM wieder viele Deutschlandfahnen herausgeholt werden, wird oft kritisiert. Wie steht ihr dazu? Brugger: Da haben wir 2006 viel drüber gesprochen. Mit den vielen Deutschlandfahnen hatte ich tatsächlich ein Problem. Bis ich gesehen habe, dass das einfach „normale" Menschen sind, die feiern wollen. Dagegen kotzt es mich wahnsinnig an, wenn ich Bilder sehe von 50 deutschen Nazis, die nach Frankreich fahren und sich mit der Reichsflagge fotografieren. Das finde ich furchtbar und wahnsinnig dumm. Diese Idioten sollen sich ruhig irgendwo auf einer Wiese treffen und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, aber die prügeln sich mitten in der Stadt, wo Kinder und Familien unterwegs sind. Der Rechtsruck in Deutschland ist krass. Dieses Bild von dem Land, in dem ich wohne, möchte ich nicht haben. Dass die Menschen Angst haben, kann ich irgendwo verstehen, man hat Angst vor vielen Sachen. Aber das zu projizieren auf Flüchtlinge, die die ärmsten Schweine der Welt sind, weil sie alles verlassen, was sie haben, und hoffen, irgendwo anders ein okayes Leben zu führen, ist einfach schlimm. Es bringt keine Lösung, sich national abzuschotten und niemanden hereinzulassen. Wie reagiert ihr, wenn euch selbst „Deutschtümelei" vorgeworfen wird, etwa für euer „Heimatlied"? Brugger: Das ist natürlich enttäuschend. Man fragt sich: Waren wir da so missverständlich? Wir sind ziemlich klar in unserer Haltung. Im „Heimatlied" ist umschrieben, was für uns Heimat bedeutet. Das ist nicht ein Land und seine Grenzen, sondern das Zusammensein mit Freunden, mit den Liebsten, an einem Ort, an dem man sich wohlfühlt. Ich bin froh, dass ich in Deutschland geboren bin, weil man hier gut und friedlich leben kann. Es ist ein wertvolles Gut, in einer Demokratie zu leben, die funktioniert. Dafür lohnt es sich, zu kämpfen. Zum Schluss eine Klugscheißer-Frage aus persönlichem Interesse: Habt ihr in der lateinischen Zeile „Asinus humanum est" aus eurem Lied „Alles Roger" den Grammatikfehler eigentlich absichtlich eingebaut? Brugger: Ja, natürlich. Da ich auch Latein studiert habe, ist mir das alles total klar (lacht). Nein, in Wirklichkeit ist mir das alles doch nicht mehr so firm, 15 Jahre nach meinem abgebrochenen Latein-Studium. Der Fehler war nicht so geplant, aber er passt natürlich super in dieses Lied. Es geht ja darum, dass Kommunikation manchmal total aneinander vorbeigeht. Die „Sportis" unplugged:

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