Chefdirigent Yves Abel spornte seine Musiker und die Solisten Grigory Chernetsov und Asmik Grigorian  zu Höchstleistungen an. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Chefdirigent Yves Abel spornte seine Musiker und die Solisten Grigory Chernetsov und Asmik Grigorian  zu Höchstleistungen an. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Umjubeltes Landluft-Konzert auf dem Hof von Laer

Weit über 1.000 Zuschauer erlebten an einem schönen Sommerabend ein fulminantes Konzert der Nordwestdeutschen Philharmonie

Anna Mönks

Herford. Als die ersten Takte der schmissigen Ouvertüre zu "Ruslan und Ludmilla" von der Bühne wehen, suchen die letzten Zuhörer mit konzertbegleitendem Getränk rasch ihre Plätze auf. Was im Konzertsaal ein Faux-pas sondergleichen wäre - Sie trinken bei Brahms? - ist beim Landluft-Konzert Teil der entspannten Atmosphäre. Und bevor es zu Protest kommt: "Ruslan und Ludmilla" ist natürlich von Michail Glinka und das Brahms-Zitat frei nach Loriot. Zum sechsten Mal hat der Verein "Landluftkonzerte" und dessen großartiger Vorsitzender Werner Seeger gemeinsam mit der Neuen Westfälischen zum Open-Air-Konzert mit der Nordwestdeutschen Philharmonie unter Chef Yves Abel eingeladen. Über 1.000 Zuhörer sind am Donnerstagabend auf den Erdbeer- und Spargelhof von Laer gekommen, teils mit Picknickdecke und leckeren Speisen, allesamt in bester Konzertlaune. "Wie herrlich!", begrüßt Moderator Hartmut Brandtmann das Publikum, und obgleich er damit Schiller zitiert, spricht er doch allen aus der Seele, die dort im Schein der Abendsonne sitzen und der Sängerin Asmik Grigorian lauschen, die Rusalkas "Lied an den Mond" singt. Mit ihrem warm-weichen Sopran rührt sie auch den gestählten Konzertgänger in der Seele, und ein bewegtes Seufzen geht durch das Publikum. Der unfassbar junge Bariton Grigory Chernetsov bringt die Zuhörer mit einer Prise Schmelz und großer Stimme zum Schwärmen. Denn das ist das wirklich Gute an diesem Abend: Trotz der entspannten Atmosphäre wird hier Musik auf ganz hohem Niveau präsentiert. Das empfinden auch die NWD-Musiker so: "Die beiden Sänger sind großartig, das ist auch für uns inspirierend", beschreibt Cellist Klaus Viëtor. Die NWD Philharmonie spielt Dvoráks Slawischen Tanz Nr. 2 mit zartem Herzschmerz und verspielter Zierlichkeit. Die Klänge verbinden sich auf zauberhafte Weise mit dem obligaten Gezwitscher der Vögel, das diesen Abend ohne Unterlass begleiten wird. Die Zuhörer reichen derweil eine Tube Sonnencreme durch die Reihen. Wem sie gehört, spielt an diesem Abend gar keine Rolle. Musik verbindet. Viele picknicken und genießen dabei die Musik Die Pause nutzen Zuhörer wie Musiker, um sich mit Getränken und leckeren Speisen zu versorgen und über das traumhafte Gelände zu flanieren. "Es ist eine nette Art, mit klassischer Musik in Berührung zu kommen, wenn man das sonst nicht so hat", fasst Christian Röttger seinen Eindruck in Worte. Er ist gemeinsam mit sieben Freunden bereits zum zweiten Mal dabei und picknickt bei Kaffee und Quiche auf der Wiese am Teich. Der Herforder erzählt: "Ich würde mir ein Konzert im großen Saal eher seltener anhören. Aber ich mag klassische Musik. Darum ist das hier eine tolle Gelegenheit für mich." Als Trompeterin Anne Heinemann nach einer dreiviertel Stunde mit dem Trompetensignal aus "Fidelio" zum zweiten Konzertteil ruft, wundert sich ein älterer Herr: "Mensch, erst dachten wir, die Pause sei viel zu lang angesetzt, und jetzt ist sie schon vorbei." In Dvoráks Karneval-Ouvertüre geben sich die Holzbläser und Konzertmeisterin Sabrina Vivian Höpcker ein zauberhaftes Stelldichein, und auf einmal wird das gut gelaunte Publikum ganz leise und andächtig. Lächelnde Gesichter auf der Bühne zeigen, dass auch die Musiker der Nordwestdeutschen Philharmonie dieses Konzert genießen können. Ein großes Ende mit Duett Die Polonaise aus "Eugen Onegin" wird von den Zuhörern mit tippenden Füßen und dirigierenden Händen begleitet. Eindeutig, die Musik ist hier, bei aller Schönheit des Ambientes, Hauptsache und nicht Dreingabe. Das Konzert endet mit dem Duett zwischen Onegin und Tatjana, und das Publikum feiert Philharmonie und Sänger mit enthusiastischem Applaus, mit Standing Ovations, Bravorufen und anerkennenden Pfiffen. Denn für Fußgetrappel, das ist klar, hat es hier draußen auf der Wiese nun wirklich nicht die richtige Akustik.

realisiert durch evolver group