Nie ohne Brusthaartoupet: Der Schlagerbarde Dieter Thomas Kuhn ist Kult. - © Andreas Frücht
Nie ohne Brusthaartoupet: Der Schlagerbarde Dieter Thomas Kuhn ist Kult. | © Andreas Frücht

Kultur Dieter Thomas Kuhn im Auftrag der Liebe unterwegs

Der Schlagerbarde lud im ausverkauften Ringlokschuppen einmal mehr zur ultimativen Schlagerparty

Bielefeld. Oh-là-là Ostwestfalen. So psychedelisch-polyesterfaserig, kunterbunt und knallvergnügt geht es in der Region selten zu. Da muss schon einer wie Dieter Thomas Kuhn kommen und in fast schon Woodstock-artiger Manier zur schlagertrunkenen Liebesparty aufrufen, um Hiesige dazu zu verführen, sich in gewagte Fummel und getigerte Anzüge zu zwängen. Es war auch bei diesem, vor 2.500 Fans zelebrierten Konzert im heißen, stickigen Ringlokschuppen wie immer, wenn der schräge Schlagervogel in der Stadt weilt. Und für diese eine Frühsommernacht galt: Wenn du nach Bielefeld kommst, sei sicher, Sonnenblumen im Haar zu tragen. Fast alle, die gekommen waren, um mit Kuhn dem Kult um Schlager von Carpendale, Maffay, Jürgens und Co. zu huldigen, hatten sich an diese einfache Regel gehalten. Waren mehr oder weniger verkleidet und gewillt, Spaß zu haben auf Teufel komm raus. Denn der kriegt uns ja bekanntlich früh genug. Wie es in der einst, dank Dieter Thomas Kuhn wiederbelebten gleichnamigen „Dschinghis Khan"-Ballade der populären Ralph-Siegel-Combo heißt. Und natürlich fehlte dieser Grand-Prix-Hit nicht beim Auftritt Kuhns und seiner wackeren Sieben-Mann-Kapelle. Deren Polka-, Samba- und Rumba-Arrangements, die auch eher simplen Liedchen wie „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben", „Sag mir quando, sag mir wann" oder „Schön ist es, auf der Welt zu sein" zu frischem Schwung verhalfen, waren alle Achtung wert. Dass der brusthaartoupierte Barde wenig Neues im Gepäck hatte bei diesem nachgeholten Konzert – den ursprünglich früher geplanten Auftritt hatte er krankheitsbedingt absagen müssen – kümmerte die Fans herzlich wenig. Auch schienen die Feierlustigen auffallend desinteressiert an allem, was Kuhn in seinen kurzen Ansprachen zu sagen hatte. Man dachte staunend, Kuhn würde sich entmaterialisieren Das mag daran gelegen haben, dass es eh immer die gleichen Pointen sind, die er zündet. So konnte man die, die zum ersten Mal bei einem Konzert von ihm waren, leicht erkennen an ihrem lauten Auflachen bei der Anekdote, die Dieter Thomas Kuhn obligatorisch erzählte, bevor er Peter Maffays Hymne „Und es war Sommer" anstimmte. Mit 16, so sprach er unverdrossen gegen das laute Publikumsgeschnatter an, hätte er davon geträumt, einer Frau zu begegnen, die doppelt so alt wäre wie er (und das bestimmt nicht, um mit ihr über Hegels „Phänomenologie des Geistes" zu philosophieren). Nun, da er im letzten Jahr seinen 50. Geburtstag gefeiert hätte – an dieser Stelle eben das Gelächter der Novizen. Aber es war ja gar nicht schlimm, dass Dieter Thomas Kuhn so war, wie er immer war. Einer, der es wie kein anderer versteht, die mit ihm in die Jahre gekommenen Schlager und Chansons in tanzbare Partyhits zu verwandeln. Howard Carpendales „Fremde oder Freunde" funktionierte zum Beispiel unter seiner Bearbeitung erstaunlich gut. Auch dessen Schmachtfetzen „Ti Amo", den Kuhn als Zugabe sang. Um sich danach in einen derartigen Funkenregen und Bühnenebel tauchen zu lassen, dass man schon staunend dachte, er würde sich gewissermaßen entmaterialisieren. Aber nein, plötzlich stand dieser liebenswürdige Schlagerverrückte bei gefühlten 40 Grad Innentemperatur im Zottelfellmantel da und stimmte am Klavier still Rio Reisers „Für immer und dich" an. Wunder gibt es immer wieder. Auch der anhaltende Riesenerfolg, der Dieter Thomas Kuhn mit seinen semi-ironischen Schlager-Revival-Konzerten seit Jahren vergönnt ist, gehört dazu.

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