Schwarz Auf keinen Fall

Wenn Vater Beimer an diesem Wochenende stirbt, stirbt ein Teil der Lindenstraße. Oder ist es etwa an der Zeit, dass sich endlich mal etwas verändert in der großen Fernseh-WG, die seit fast 33 Jahren bis auf wenige Ausnahmen zuverlässig sonntags um 18.50 Uhr über die Bildschirme flimmert? Unsere Autoren sind sich nicht einig

Tina Gallach

Da haben wir den Hitzesommer überstanden, die deutsche Fußballpleite verkraftet und uns an das andauernde Gestotter der Großen Koalition gewöhnt – und nun das: Hans Beimer wird sterben. Hans Beimer – der Sozialarbeiter der ersten Stunde. Erst vor wenigen Jahren als 70-Jähriger noch zum achten Mal Vater geworden. Was soll nun der Nachwuchs tun? Ohne ihn durch die Lindenstraße toben? Hans Beimer IST die Lindenstraße. So sehr er auch immer der Biedermann der Nation war; der, der sich stets aufrecht und von Werten getragen durch die familiären und sozialen Verstrickungen gekämpft hat, optisch nie ein Highlight, nie der Mann der ersten Reihe – so sehr ist er aber auch seit fast 33 Jahren eine der tragenden Figuren der Serie. Einer, dem man alles verzeiht, wenn er mit langweiligem Hemd und beigefarbener Hose auf dem Sofa sitzt. Und das, obwohl er schon vor 27 Jahren einmal für einen Skandal sorgte: Damals betrog er seine Frau Helga mit der jüngeren Nachbarin Anna. Die wurde prompt schwanger, woraufhin Helga ihn rausschmiss. Damals ging die Fernsehnation auf die Barrikaden. Es wurde gedroht, die Lindenstraße zu boykottieren, wenn Helga und ihr Hans sich trennen. Die Lindenstraßenmacher blieben hart, Hans heiratete Anna und zeugte nach seinen drei Kindern aus erster Ehe noch fünf weitere. Er bekam Parkinson und fing an zu kiffen, um die Krankheit erträglicher zu machen. Später dealte er mit Cannabis, um auch anderen Betroffenen zu helfen. Auch, dass er sich im Laufe der Zeit mit Jobs wie Taxifahren oder als Nachtportier durchschlug, konnte man akzeptieren. Man hatte nie das Gefühl, er könne auf die schiefe Bahn geraten. Er war doch Hans Beimer. Einer, dem man blind vertraut. Und nun steigt Schauspieler Joachim H. Luger aus, weil er mit 75 noch mal jemand anderer sein möchte als Hans Beimer. Kann ich verstehen. Fehlen wird er trotzdem.

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