Weiss Ein Boykott trifft die Falschen

Wo soll man seine Ferien verbringen? Diese Frage stellen sich jedes Jahr die meisten Deutschen. Doch eine Antwort zu finden ist nicht mehr ganz einfach. Viele scheuen sich vor einem Urlaub in Ländern wie der Türkei, Ägypten oder den USA, in denen schwierige politische Verhältnisse herrschen. Auch unsere Autoren sind sich nicht einig

Jessica Weiser

Ich lasse mir doch nicht von ein paar Möchtegern-Diktatoren vorschreiben, wo ich meinen Urlaub verbringen kann und wo nicht. Das wäre ja noch schöner! Was kommt denn dann als nächstes? Nicht mehr nach Großbritannien reisen, weil die aus der EU rauswollen? Nicht mehr nach Bayern fahren, weil ich das unsägliche Gerede von Söder und Seehofer nicht mehr ertrage? Nein, nicht mit mir! Ich lasse mir die schönsten Wochen im Jahr nicht von Politikern kaputt machen. Dazu ist mir meine Ferienzeit zu kostbar. Außerdem bestrafe ich mit diesem Verhalten gar nicht die, die es wirklich verdient hätten. Erdogan, Trump und Co. ist es herzlich egal, ob ich in ihrem Land Urlaub mache. Stattdessen bestrafe ich mich selbst und die Menschen vor Ort – vor allem die, die vom Tourismus leben. Ein ganzes Land kollektiv zu bestrafen wäre der komplett falsche Weg, schließlich haben nicht alle ihre Stimme dem jeweiligen Möchtegern-Diktator gegeben. Wer glaubt, dass es hilft, Hoteliers, Souvenierverkäufern und Imbissbudenbetreibern ihre Existenzen zu nehmen, um einem Despoten einen Denkzettel zu verpassen, der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Als ob jemals ein Politiker sagen würde: „Huch, keine Touristen mehr. Ich glaube, ich muss mal meine Einstellung überdenken." Klar, das klingt total vernünftig. Ja, das was da derzeit in manchen Ländern passiert, ist großer Mist, keine Frage. Aber ich als stinknormaler Urlauber ändere daran nichts. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein und genau so effektiv wie eine Olympiade oder eine Fußball-WM zu boykottieren. Die finden nämlich auch nach wie vor statt – egal ob ich den Fernseher einschalte oder nicht. Wer hier Verantwortung übernehmen muss, sind nicht die Touristen, sondern die deutschen Politiker. Nur sie können tatsächlich Druck ausüben. Leider stehlen sie sich mit leeren Drohungen allzu oft aus ihrer Verantwortung.

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