Elmar Wepper. - © picture alliance / Photopress Müller Ralf Müller
Elmar Wepper. | © picture alliance / Photopress Müller Ralf Müller

Kopf der Woche Elmar Wepper: „Ich habe unerfüllte Sehnsüchte“

Der 74-jährige Bayer gehört nicht nur zu Deutschlands erster Schauspielergarde, er ist auch passionierter Bergsteiger.
Und: Er plädiert dafür, sich Träume zu bewahren

Rüdiger Sturm

Eigentlich sollte dieses Interview in einem Garten stattfinden. Dann auf der Dachterrasse des Hotels Bayerischer Hof – die wegen eines akuten Regengusses gegen eine trockene Suite getauscht wird. Der 74-Jährige nimmt dieses Hin und Her mit tiefer Gelassenheit: Er hat für sich längst Prioritäten gesetzt, die von so Oberflächlichem nicht berührt werden – er fand sie auf einem Lebensweg, der vom Kohlenkeller bis auf 4.000 Meter hohe Berggipfel führte. Herr Wepper, Ihre Figur in „Grüner wird’s nicht" ist von Beruf Gärtner, aber seine wahre Leidenschaft ist das Fliegen. Können Sie diese Passion nachvollziehen? Elmar Wepper: Fliegen ist interessanterweise eine Sehnsucht, die die meisten Menschen haben – vielleicht wegen des Gefühls von Leichtigkeit und Freiheit. Ich war oft in Kanada, da ist das Fliegen selbstverständlich. Buschpiloten sind wie Taxifahrer. Damals hatte ich mir überlegt, einen Flugschein zu machen. Aber es gibt eben viele Dinge, die man sich wünscht und dann noch nicht macht. Du sagst nicht einfach so: Jetzt mache ich den Pilotenschein und fliege einmal im Monat nach Verona. 

Aber ist das nicht auch traurig, wenn man seine Sehnsüchte aufgibt? Ihr Protagonist lebt sie ja aus und geht auf große Flugtour. 
 Wepper: Manchmal ist es sogar gut, wenn man Wünsche und Träume hat, die sich nicht erfüllen. Man kann ja auch eine Sehnsucht mit sich tragen. Ich wollte immer mal nach Neuseeland. Es hat nie geklappt. Na und!? Sehnsüchte, unerfüllte Träume haben eine ganz eigene Qualität. Im Mittelalter etwa war die höchste Art der Liebe die Minne, und das Besondere daran war, dass sie sich nicht erfüllt hat. Sie haben doch sicher auch Sehnsüchte, die Sie sich erfüllt haben? 
 Wepper: Das schon. Eine Radtour von München nach Venedig zum Beispiel. Werde ich nie vergessen. Und einmal bin ich mit einem Freund im Camper drei Monate durch Mexiko und die USA getourt. Das war Abenteuer pur. Oder ganz einfach: Mit dem Auto über das Stilfser Joch und den Gaviapass über die Alpen. Das würde ich jedem empfehlen. Bis vor ein paar Jahren war der Gavia auf der Südrampe noch Schotterstraße und in großen Bereichen einspurig. Das war mit meiner Harley schon eine Herausforderung. Man kann nicht immer nur über den Brenner fahren, da stirbst du ja vor Langeweile. Steckt in Ihnen grundsätzlich eine Abenteurerseele?
 Wepper: In meinen jungen Jahren im Alpenverein habe ich viele Kletter- und Hochtouren gemacht – etliche Drei- und Viertausender. Dabei war’s mir immer wichtig, zu wissen, wo meine Grenzen sind, was ich mir zutrauen kann und was nicht. „Augen zu und durch", das war nie mein Motto. Bei der Kletterei hatte ich das Problem, nie wirklich ganz schwindelfrei zu sein. Ist es nie passiert, dass Sie sich zu viel zugemutet haben? 
 Wepper: Es gab mal eine Tour in den Tannheimer Bergen, „Rote Flüh-Südwestverschneidung." Da wäre mir das fast passiert. Wir mussten einen sehr steilen Schrofenhang zu Einstieg hoch – vielleicht 200 Höhenmeter – bei dem man sich nicht anseilen konnte. Denn wenn einer weggerutscht wäre, wären alle weggerutscht. Ich hatte schlecht geschlafen, fühlte mich deshalb konditionell nicht gut und war nervlich sehr angespannt. Deshalb habe ich gesagt: Ich gehe diese Tour nicht durch. Also bin ich zu einer kleinen Scharte gestiegen, habe mich dort hingesetzt und gewartet, bis die anderen zurückgekommen sind. Wenn Sie nicht schwindelfrei sind, wie kamen Sie dann überhaupt zur Bergsteigerei? Wepper: Das lag sicher an der Faszination Berge und der Liebe zur Natur. Deshalb bin ich auch zum Alpenverein. Dazu gehörten auch zwei, drei Freunde. Alleine hätte ich den Impetus nicht gehabt. Selbst wenn Ihnen zum Glück nichts passiert ist, wären Sie für Notfälle gerüstet gewesen? Wepper: Na ja, mit der Ausrüstung von damals würde ich heute nicht mehr rausgehen. Klar, man hatte alles Notwendige dabei: Klettergürtel, Seil, Haken, Karabiner, und wurde im Kletterkurs mit gewissen Gefahrensituationen vertraut gemacht. Da gab es zum Beispiel die sogenannte „Prusiktechnik". Da werden am Hauptseil zwei Reepschnüre mit Fußschlaufen befestigt. Über die kann man sich mit eine bestimmten Technik langsam, Stück für Stück hochziehen, wenn man mal ins Seil gefallen ist. Bei den Übungen im Klettergarten hat das auch funktioniert. Aber ich bin heilfroh, dass mir das nie beim Bergsteigen passiert ist. Man stelle sich vor, du hängst da im Seil und hast 100 Meter Luft unterm Hintern – das möchte ich mir gar nicht ausmalen. Gab es denn Situationen im Leben, die Ihnen Angst gemacht haben? 
 Wepper: In unserer Münchner Wohnung hatten wir nach dem Krieg nur in zwei Zimmern Licht. Aber eben nicht auf dem Weg zum Klo. Im Winter, wenn es um fünf Uhr dunkel war, aufs Klo zu gehen, das hat mich jedes Mal eine große Überwindung gekostet. Noch schlimmer war es, die Kohlen aus dem Keller zu holen. Da war immer die Frage: Wer macht das – der Fritz oder ich? Um zu unserem Kellergitter zu kommen, musste man um zwei Ecken, und da gab es nur eine düstere kleine Lampe. Das war mit großen Ängsten verbunden. Das kam vielleicht auch dadurch, dass ich noch die Bombardierung von München erlebt habe – ich bin ja Jahrgang 44. Wie prägt einen das, wenn man unter solchen Umständen aufwächst? 
 Wepper: Das hinterfragt man nicht als Kind. Es war so, wie es war, man kannte es nicht anders. Eine Zeitlang hatten wir in den Fenstern keine Glasscheiben, sondern Holzbretter. Das hat mir zumindest meine Mutter erzählt. Der Sonntagsbraten hieß nicht umsonst so. Es gab einfach nicht jeden Tag Fleisch. Spielsachen waren Mangelware. Als Kinder waren wir im Sommer immer draußen, haben Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer gespielt. Es gab einen großen Sandkasten, das war schon was Besonderes. Mein ganzer Stolz war ein Holzroller, mit Hartgummireifen. Ich fand es toll, dass er vorne einen kleinen roten Pfeil hatte, den ich als Blinker heraus- und zurückstellen konnte. Sie haben einen Enkelsohn. Haben Sie jemals versucht, auch ihm solche Bescheidenheit zu vermitteln? 
 Wepper: Mein Enkel lebt mit meinem Sohn in Kopenhagen. Ich sehe ihn zwar regelmäßig, aber wenn er nach München kommt oder ich ihn für drei, vier Tage besuche, dann habe ich keine pä-
dagogischen Anwandlungen. Das überlasse ich meinem Sohn und meiner Schwiegertochter. Welche materiellen Dinge machen Sie selbst denn glücklich? Wepper: Wenn man einen Garten als etwas „Materielles" ansieht, dann der Garten. Den haben wir seit rund 25 Jahren. Da sind wir immer draußen, auch im Winter, wenn es nichts so richtig zu tun gibt. Aber er erfordert auch viel Arbeit.
 Wepper: Natürlich, das gehört dazu. Es ist ja nicht so, dass da schön was wächst und das dann so bleibt. Ein Garten ist von Menschenhand geprägte Natur. Unser Garten ist sehr natürlich, aber trotzdem, oder gerade deswegen braucht er viel Pflege. Sie werden aber daran nicht die Lust verlieren? Anders als der Gärtner, den Sie im Film spielen? Wepper: Das lässt sich nicht vergleichen. Die Gärtnerei ist sein Geschäft, da kann er nicht wie er will, da muss er. Und im Lauf der Jahre laufen die Dinge eben schlechter. Er hat Schulden, und er merkt, dass er das Ganze nicht mehr auf Vordermann bringen kann. Für mich ist der Garten dagegen ein Ort der Ruhe und Entspannung. Oder es kommen Freunde zum Grillen, dann kanns auch mal rund gehen. Sie haben ja Ihre Kochkünste auch im Fernsehen unter Beweis gestellt. Ist das Ihr zweites Talent neben der Schauspielerei? Wepper: Ich koche gern und gut, aber ein begnadeter Koch bin ich nicht. Und was ist das Rezept für einen guten Film? 
 Wepper: Dass er Herz hat. Dass er berührt. Und das trifft auf „Grüner wird’s nicht" zu. Da kann ein Film noch so gescheit tun, da kann er noch so ästhetisch schön sein, wenn er einen emotional kalt lässt, fehlt das Entscheidende. Du musst mit den Protagonisten Mitleid haben, mit ihnen Angst und Freude empfinden. Das war schon das Prinzip des griechischen Theaters. Und was sagen Ihre Emotionen, wenn Sie rückblickend an die Sehnsüchte denken, die Sie sich nicht erfüllt haben? 
 Wepper: Es kommt doch nicht darauf an, dass sich im Leben alles erfüllt. Das wäre ja schrecklich.

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