Kopf der Woche Uwe Birnstein: „Die Kirche braucht mehr charismatische Köpfe“

Uwe Birnstein ist Theologe, Autor und langjähriger Berater von  
  Margot Käßmann, über die er eine Biografie geschrieben hat.  
  Im Gespräch erzählt er, warum nicht jeder traurig ist, dass Margot  
  Käßmann in den Ruhestand geht und was der Kirche fehlt

Anne Wunsch

Margot Käßmann ist wohl Deutschlands bekannteste Theologin. Ihre Aussagen haben Gewicht – und polarisieren. Ende Juni geht die 59-Jährige in den Ruhestand. Uwe Birnstein (56) hat als langjähriger Berater viel Zeit mit Margot Käßmann verbracht und nun eine Biografie über sie veröffentlicht. Wir haben mit dem Theologen und Autor darüber gesprochen, was der evangelischen Kirche zukünftig fehlen wird und warum es auch in der Kirche zu wenig Frauen in Führungspositionen gibt. Herr Birnstein, Sie kennen Frau Käßmann schon lange. Sie haben sich Ende der 80er Jahre kennengelernt, nach dem viel beachteteten Rücktritt im Jahr 2010 wurden Sie ihr Berater. Nun sind Sie für die Biografie noch mal tief in das Leben von Margot Käßmann eingetaucht. Was hat Sie beim Recherchieren und Schreiben überrascht? Uwe Birnstein: Ich habe mich oft gefragt, woher diese Frau ihre enorme Energie, Disziplin und Hartnäckigkeit hat, mit der sie auftritt und ihre Standpunkte vertritt. Als ich bei der Recherche für die Biografie in ihre Kindheit schauen durfte, hat sie mir viel erzählt und Fotoalben geöffnet – und ich habe sie besser verstanden. Da gab es die sehr unterschiedlichen Eltern – und die kleine Margot dazwischen. Außerdem waren die Themen Krieg und Vertreibung in der Familie sehr präsent. Es wurde viel über das Flüchtlingsschicksal der Großmutter und mehrerer Verwandter gesprochen. Daher rührt wohl ihr großes Interesse an Friedensthemen und der Flüchtlingsfrage. Das fand ich sehr faszinierend.Als Berater, der die vielen Anfragen bearbeitet, wissen Sie besonders, wie beliebt und gefragt Frau Käßmann ist. Woran liegt das aus Ihrer Sicht? Birnstein: Sie ist ehrlich, mutig, couragiert und noch dazu fest im Glauben verankert. Sie lässt sich nicht den Mund verbieten und macht keine Rückzieher. Die Menschen spüren wohl: Margot Käßmann hat sich von keinem ihrer kirchlichen Ämter so schleifen lassen, dass sie als eigenständige Person dabei untergegangen wäre. In unserer Zeit des Anpassens, Aussitzens und Ellenbogenzeigens ist das selten. Den Titel „Bischöfin der Herzen" kann man sich nicht erarbeiten, der wird erlebt. Ist es heutzutage schwieriger, öffentlich klare Meinungen zu vertreten? Birnstein: Eigentlich nicht. Ich frage mich, warum es heute weniger Querköpfe in Politik, Kirche und Gesellschaft gibt als vor 20, 30 Jahren. Oder anders: Warum mittlerweile die rechten Dumpfbacken und Fake-News-Transporteure querköpfiger wirken als die klugen Konservativen oder Linken. Politikbetrieb und Talkshow-Kultur scheinen da einen unseligen Mainstream erzeugt zu haben. Gar nicht Mainstream war Frau Käßmanns Rücktritt im Jahr 2010, der im Buch natürlich auch thematisiert wird. Die meisten erinnern sich: Sie ist alkoholisiert Auto gefahren. War es das schwerste Kapitel? Birnstein: Schwer nicht, aber bewegend. Sie hatte mir ihre Tagebuchaufzeichnungen dieser dramatischen Tage gegeben. Zu dem Geschehen hat sie ja immer noch die gleiche klare Haltung. Natürlich ärgert sie sich noch wahnsinnig darüber, dass sie Auto gefahren ist. Aber sie hält es noch immer für richtig, wie sie die Konsequenzen gezogen hat. Deshalb konnte sie damit abschließen und gut leben. Dennoch bleibt es ein Wendepunkt in ihrem Leben. Der sie kurioserweise noch beliebter gemacht hat . . . Birnstein: Ja, das ist interessant. Sie ist durch den Rücktritt noch populärer geworden. Eben weil er so schnell und ehrlich kam, ohne jedes Rumgeeiere. Die (Boulevard-)Medien kommen in dem Kapitel des Rücktritts nicht gut weg, einige Journalisten belagerten Frau Käßmann. Warum blieb sie den Medien so zugewandt? Birnstein: Sie nutzt diese Möglichkeit, um viele Menschen zu erreichen. Medien und Käßmann – das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Margot Käßmann hat da wenig Berührungsangst. Sie sagt einfach, was sie denkt und wovon sie überzeugt ist, ohne großes taktisches Kalkül. Das schätzen viele Journalisten. Durch diese Spontaneität antwortet sie dann auf die Frage, wie man Terroristen begegnen sollte, einfach ihrer inneren Überzeugung folgend: Wer Jesus ernst nimmt, müsste ihnen mit Liebe begegnen. Während andere Kirchenverantwortliche erst lange hin und her überlegen, was man dazu wohl äußern kann, ohne dass es einen Aufruhr gibt, spricht Margot Käßmann Klartext. Zwar regen sich dann viele Menschen auf. Aber sie hat ja nichts gesagt, was irgendwie theologisch angreifbar wäre. Dass diese Offenheit auch mal unangenehme Wellen schlagen kann, weil Zitate zum Beispiel von Rechten aus dem Zusammenhang gerissen werden, gehört leider dazu. Die offenen Worte kamen in der evangelischen Kirche nicht bei jedem gut an. . . Birnstein: Sie wurde und wird in der Kirche chronisch unterschätzt. Sie ist Professorin und eine Theologin, die eine sehr geerdete und den Menschen zugewandte Theologie vertritt. Einige werfen ihr vor, dass das keine „richtige" Theologie sei. Da bin ich ganz anderer Meinung. Es ist eine Theologie, die nicht im Elfenbeinturm der Universitäten entsteht, sondern im seelsorglichen Kontakt mit Menschen. Vielleicht ist das auch eine spezifisch weibliche Art, Theologie zu betreiben. Eine Theologie, die der evangelischen Kirche nach dem Eintritt in den Ruhestand Margo Käßmanns fehlen wird? Birnstein: Auf jeden Fall. Ihr wird eine wichtige und durch alle Schichten und Konfessionen hindurch respektierte Stimme fehlen. Vielleicht werden sich einige aber auch freuen, dass sie auf keine Provokationen à la Käßmann mehr reagieren müssen. Warum sind so wenige Frauen in leitenden Ämtern? Birnstein: Wie andere gesellschaftliche Institutionen ist auch die evangelische Kirche von Männern geprägt. Auf die Frage nach dem Warum gibt es verschiedenen Antworten. Vielleicht haben einige Frauen gar keine Lust, oben mitzumischen, weil sie lieber an der Basis den Menschen zugewandt arbeiten möchten. Vielleicht verbauen aber auch Männernetzwerke auf mehr oder weniger bewusste Art und Weise Frauen den Weg in machtvolle Positionen. Dennoch: Die EKD hat 1989 schon eine Art Frauenquote beschlossen, die bis heute nicht durchgesetzt wird. Das ist sehr bedauerlich, weil der weibliche Zugang zur Theologie und zum Glauben so wichtig ist. Da war Margot Käßmann eine Galionsfigur. Braucht die Kirche zudem mehr charismatische Köpfe, die sich in öffentlichen Debatten zu Wort melden? Birnstein: In jedem Fall. Es genügt nicht, nur richtige Inhalte oder nach political oder theological correctness formulierte Aussagen in Debatten einzubringen. Kirchenvertreter beziehen ja oft Stellung. Das Traurige ist, dass sie wenig gehört werden, was an der ängstlich-ausgewogenen Formulierung vieler Stellungnahmen liegt. Nur deshalb kann ja ein eigentlich banaler, aber klarer Satz von Frau Käßmann wie „Nichts ist gut in Afghanistan" solch riesige Wirkung entfalten. Was sind die großen Herausforderungen für die evangelische Kirche derzeit? Birnstein: Die Kirche hat eine wertvolle Botschaft zu verkünden: Gott liebt jeden Menschen, ohne Ansehen seiner Leistung. Weniger fromm gesprochen: Jeder Mensch hat eine eigene Würde, unabhängig von sozialem Status, von Geschlecht oder Volkszugehörigkeit. Diese Botschaft ist nicht nur für die Kirche und ihre Mitglieder da, sondern für die ganze Menschheit und die ganze Welt. Leider verhindern Selbstgefälligkeit und Bürokratismus oft, dass der Schatz, den die Kirche da zu bieten hat, gehoben wird. Und als Konsequenz wenden sich mehr Menschen von der Kirche ab. Was sollte das primäre Ziel für die Kirche sein? Birnstein: Kirche ist dazu da, die Liebe Gottes zu verkündigen. Offensichtlich gelingt ihr das nur sehr eingeschränkt. Kirchenvertreter erliegen leicht der Gefahr zu denken: Wir Berufs-Christen haben die Wahrheit für uns gepachtet. Jesus hat aber nicht PR für die Kirche gemacht, sondern die Liebe Gottes verkündigt. Also: Beseelt raus aus den Kirchen und hin zu den Menschen. Und Gottesdienste feiern, in denen verständlich, nicht belehrend und auf Augenhöhe gesprochen und gebetet wird. Sie haben sich in Büchern stark mit den Figuren aus der Bibel auseinandergesetzt. Woher kommt Ihr besonderes Interesse daran? Birnstein: Da wimmelt es nur so von Menschen, die ihre Freuden, Nöte und Sorgen leben. Was das Spannende ist und die Bibel von Märchenbüchern oder auch vom Großteil der Literatur unterscheidet: Die Menschen der Bibel reflektieren ihr Schicksal vor dem Hintergrund ihres festen Glaubens, dass es Gott gibt und dass er ein Auge auf sie wirft. Sie machen die Erfahrung: In Nöten und Sorgen steht Gott mir bei. Aber auch in Situationen, in denen sie über die Stränge geschlagen haben, ist er nahe und weist den Weg zum Frieden mit den Nächsten, sich selbst und Gott. Fantastisch. Gott steht uns Menschen bei wie eine Mutter und wie ein Vater, wie eine Ärztin, ein Heiler oder Hirte. „Nähme ich Flügel der Morgenröte, so bist Du schon da", heißt es in einem Psalm. Das ist keine Überwachung, sondern eine wunderschöne Zusage ewigen Trostes. Welche Figuren faszinieren Sie besonders? Birnstein: Ach, da gibt es so viele. Elia ist mir ans Herz gewachsen, der Gott im Donner vermutet und eines Besseren belehrt wird: Gott zeigt sich im sanften Säuseln des Windes. Hiob, der trotz übergroßen Leids an Gott festhält. Maria Magdalena und die vielen anderen Frauen und Männer, die sich Jesus anschlossen. Mein ganz spezieller Freund: Tobias, der seinen Sohn in die Ferne schickt und schließlich von ihm sehend gemacht wird. Mit ihrer Sprache und ihren Geschichten macht es die Bibel gerade gelegentlichen Kirchengängern aber nicht leicht. Was haben die Bibel und die Figuren mit unserem Leben heute zu tun? Birnstein: Leider verbauen viele Predigten den Zugang zur Bibel mehr als ihn zu öffnen. Die Menschen der Bibel sind keine Heiligen, sondern sie sind geplagt von denselben Grundfragen, die uns auch heute noch beschäftigen: Wie kann ich ein guter Mensch sein, wie kann ich glücklich werden, wie gehe ich mit Schuld um...

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