Kopf der Woche Sebastian Fitzek: „Die meisten Täter waren früher Opfer“

Seine Psycho-Thriller sind Bestseller. Kein deutscher Autor  hat in den vergangenen Jahren mehr Bücher verkauft.  Aber was ist eigentlich das Geheimnis des Erfolges von     Sebastian Fitzek? Wir haben ihn gefragt

Wenn man Sebastian Fitzek mit seinem charmanten Lächeln so anschaut, mag man gar nicht glauben, dass er Deutschlands aktuell erfolgreichster Autor von Psycho-Thrillern ist, in denen die detaillierte Beschreibung körperlicher und seelischer Gewalt keine Seltenheit ist. Wie aber tickt der 46-jährige Bestseller-Autor eigentlich privat? Wie lange braucht der gelernte Jurist, um eine neue Geschichte zu erfinden und auf Papier zu bringen? Und vor allem: wie kommt er auf seine Ideen? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt er hier im Interview. Herr Fitzek, Sie sind einer der erfolgreichsten, wenn nicht der erfolgreichste deutsche Autor von Psycho-Thrillern. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg? 
 Sebastian Fitzek: Mein Debüt-Roman war trotz eines Null-Euro-Marketings ein Riesenerfolg. Da rätselt der Verlag heute noch – wenn er wüsste, wie das geklappt hat, könnte er viel Geld sparen. Ich hatte einfach eine Riesenportion Glück, mit dem richtigen Buch zum richtigen Zeitpunkt den Nerv zu treffen. Ich weiß nicht, warum es so gut läuft, zumal ich ja nicht nach Schema F vorgehe. Meine Bücher sind ja auch nicht ausnahmslos Psycho-Thriller. Auf jeden Fall schreibe ich nur Bücher, hinter denen ich stehe – auch wenn sie keiner lesen wollte. Haben Sie vor Ihrer Zeit als Autor selbst Krimis gelesen und im Fernsehen oder Kino angeguckt? 
 Fitzek: Zunächst einmal gibt es für mich einen Unterschied zwischen Kriminalromanen und Thrillern. Im Krimi steht der Ermittler im Vordergrund, der den Täter sucht. Im Thriller dagegen gibt es Hauptpersonen, die keine Profis sind. Und es geht nicht in erster Linie darum, wer etwas getan hat, sondern um die Motivation. Meine ersten Kontakte zur Spannungs-Literatur gab es durch Enid Blytons „Fünf Freunde". Außerdem habe ich gern Steven King, John Grisham, Michael Crichton sowie in jungen Jahren Michael Ende gelesen. Und Edgar Allan Poe hat mich das Gruseln gelehrt. Natürlich haben mich einige Filme auch maßgeblich mit beeinflusst, durch sie ist die Liebe zur Spannung entstanden. Ich denke da an John Carpenters „Klapperschlange", an „Angel Heart" oder „Das Schweigen der Lämmer". 

Gibt es für Sie als Autor ein Vorbild – oder zumindest andere Lieblings-Autoren? Und was lesen Sie selbst jetzt? 
 Fitzek: Literarisch hat mich besonders Michael Ende geprägt, von der Vielseitigkeit her habe ich großen Respekt vor Michael Crichton, der Wissenschaft und Philosophie miteinander in Verbindung gebracht hat. Er ist mein Vorbild in Sachen Recherche und Spannungsaufbau. Im Moment lese ich gerade Michael Robothams „Die Rivalen", „Das Meer" von Wolfram Fleischhauer folgt danach. Lesen ist immer noch mein Lieblings-Hobby. Als ich selbst Autor wurde, hatte ich Angst, dass ich danach nur noch analytisch lese – das ist aber glücklicherweise nicht so. 

Ihr Start als Autor war durchaus holprig – kein Verlag wollte Sie zunächst. Wie vielen anderen Autoren mag es wohl noch so gehen? 
 Fitzek: Es geht allen so, wobei das erste Manuskript immer mit Mängeln behaftet sein wird. Anfänger, die ihr erstes Buch geschrieben haben, legen nichts Perfektes vor. Die Lektoren können, wenn es gut läuft, bestenfalls auf Roh-Diamanten stoßen, mit denen sie dann arbeiten können. Auch bei mir gab es Anfängerfehler. 

 Verraten Sie, welche das waren? 
 Fitzek: Ich habe die Handlung meines Romans an der Ostküste der USA spielen lassen – dabei kannte ich mich da gar nicht so gut aus. Das hat mir mein Lektor klar gemacht, und nun spielen meine Romane da, wo ich mich auskenne, in Deutschland. Ich habe auch die Perspektive gewechselt, weil ich festgestellt habe, dass die Ich-Perspektive gar nicht so gut ist. Die Lektoren haben außerdem das Problem, dass sie rund zehn Manuskripte am Tag bekommen – wann soll das alles gelesen werden? Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Romane? Angeblich soll ja ein Postbote der Anstoß für „Das Paket" gewesen sein . . . Fitzek: Meine Ideen stammen aus dem Alltag, wobei das auch ein Artikel aus einer Zeitschrift sein kann. Die Sache mit „Das Paket" stimmt: Der Postbote stand vor der Tür und wollte ein Paket für einen Nachbarn abgeben, den ich gar nicht kannte. Daraus ist dann ein Roman geworden. Wenn die Grund-Idee entwickelt ist, ähnelt das einem Domino-Spiel: Eine Antwort sorgt immer für die nächste Frage. Ich habe beispielsweise mal eine Stunde bei einem Arzt darauf gewartet, dass meine Freundin aus dem Sprechzimmer zurückkommt. Ich weiß bis heute nicht, was sie da so lange gemacht hat. Aber dann habe ich mich gefragt, was wäre, wenn sie gar nicht mehr herauskommt – und das war die Idee zu „Die Therapie". 

Sie spielen in ihren Büchern gerne mit menschlichen Ur-Ängsten. Ist da vielleicht ein Psychiater an Ihnen verloren gegangen? 
 Fitzek: Ich weiß es nicht – wenn, dann aber eher ein Psychologe, weil ich die entsprechende medizinische Ausbildung nicht habe. Mich interessieren einfach Menschen. Diese Eigenschaft braucht aber jeder Autor – genau wie ein gewisses Maß an Empathie. Ich mag also Menschen, und ich höre gern ihre Geschichte. 

Immer wieder stehen familiäre Verbindungen im Vordergrund Ihrer Geschichten. Wie kommt das? Ist Familie für Sie das höchste Gut im Leben? 
 Fitzek: Wenn Sie mich fragen, ist jede gute Geschichte eine Familiengeschichte. Aus der Familie stammt auch immer die Motivation von Täter und Opfer, da nimmt alles seinen Anfang. Psychologische Konflikte haben ihren Ursprung in der Kindheit – niemand wird nach einem erfüllten Leben mit 65 Jahren plötzlich sagen: Ich werde jetzt Axtmörder. Die meisten Täter waren früher Opfer. Und ich bearbeite meine eigenen Ängste. 
Wovor haben Sie selbst die größe Angst?
 Fitzek: Als Zwölfjähriger habe ich mal Aktenzeichen XY im Fernsehen geguckt – vielleicht war ich etwas zu jung dafür. Und dann ein paar Tage später auf dem Heimweg vom Tennis habe ich diese sonore Stimme gehört: „Zum letzten Mal wurde er lebend gesehen". Da hatte ich schon richtig Angst. Jetzt habe ich in erster Linie Angst vor meinen Mit-Reisenden und Freunden, die gern Fettnäpfchen für mich vorbereiten, in die ich prompt auch trete. Angst vorm Fliegen haben Sie, wenn ich richtig schlussfolgere, also nicht. Dabei könnte man das glauben, schließlich ist das das Thema Ihres jüngsten Werks, „Flugangst 7A" . . . Fitzek: Nein, richtige Flugangst habe ich nicht – eher Flugsorge. Mir ist noch nie etwas Gravierendes passiert, aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass wir Menschen da oben in 10.000 Meter Höhe einfach nicht hingehören. Beim Thema Angst haben Sie es bislang vermieden, politische Themen aufzugreifen. Wäre es bei all den Geschehnissen auf der Welt jetzt nicht genau die richtige Zeit dafür? 
 Fitzek: Das ist so nicht richtig. Die wichtigste Politik für mich ist Familienpolitik. Und ich habe im Joshua-Profil klar Stellung zum Umgang mit Pädophilen bezogen und habe mehrere umweltpolitische Themen aufgegriffen. Massentierhaltung und die Überbevölkerung waren Themen – und die sind alle gesellschaftspolitisch relevant. Ihr Lesepublikum ist überwiegend weiblich – haben Sie eine Erklärung, woran das liegen könnte? Und hatten Sie deshalb schon mal Problem im Privatleben? 
 Fitzek: Frauen kaufen ohnehin mehr Bücher und interessieren sich überdurchschnittlich häufig für Spannungsliteratur. Daraus könnte gefolgert werden, dass die Frauen Romane um so mehr lieben, je grausamer und blutiger die Handlung ist. Aber ich glaube, dass sich die Mehrheit nicht für Psychopathen interessiert, sondern für ihre Motivation, sie wollen etwas eigentlich Unerklärliches erklärt bekommen. Männer sind wahrscheinlich mehr auf Filme gepolt. Ein Problem ist die größtenteils weibliche Leserschaft überhaupt nicht, ich freue mich eher, wenn ich Autogramme geben und Bücher signieren kann. Und negative Erfahrungen etwa mit Stalking habe ich auch noch nicht gemacht. Wie plausibel muss die Handlung eines Thrillers sein? Fitzek: Die Plausibilität ist wirklich problematisch, weil die Realität kaum eins zu eins dargestellt werden kann – das glaubt dann niemand. Ich habe zum Beispiel einmal haargenau die Gedanken meiner schwangeren Frau beim Blasensprung wiedergegeben – und habe einen Brief bekommen, dass das völlig unrealistisch sei. Später habe ich meiner Frau gesagt, dass sie sich beim nächsten Blasensprung doch bitte etwas realistischer benehmen soll… Kurzum: Ich muss Lügen einbauen, meine Romane sind ja schließlich Fiktion. Sie haben bereits die Recherche für Buch-Projekte angesprochen. Wie sieht die im Normalfall aus? 
 Fitzek: Manchmal merkt man gar nicht, dass man recherchiert. Es ist einfach das Leben – und plötzlich merke ich, dass ich das, was ich gerade erlebe oder erfahre, in einem Buch umsetzen kann. Und manchmal recherchiere ich auch in einem bestimmten Milieu, um dann festzustellen, dass ich das gar nicht verwerten kann. Rein handwerklich gesehen – wie lange brauchen Sie für einen Roman von der Idee bis Fertigstellung? Und wie oft lesen Sie ihn dann noch einmal selbst, bevor er an den Verlag geht? 
 Fitzek: Ich brauche rund vier Monate für den ersten Entwurf, insgesamt dauert es bis zur Fertigstellung bei mir neun bis zwölf Monate, realistisch ist also ein Buch pro Jahr. Und wenn das Manuskript so weit steht, lese ich es mir selbst mindestens dreimal laut vor. Können Sie uns zum Abschluss schon etwas über den Inhalt Ihres nächstes Projekts verraten? 
 Fitzek: Da muss ich mich natürlich zurückhalten. Aber es wird ein klassischer Psycho-Thriller...

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