Paul Maar: Er gehört zu den erfolgreichsten Kinderbuchautoren in Deutschland. - © Joerg Schwalfenber
Paul Maar: Er gehört zu den erfolgreichsten Kinderbuchautoren in Deutschland. | © Joerg Schwalfenber

Kopf der Woche Paul Maar: „Kinderbriefe sind wichtiger als jeder Preis“

Das Sams mit seinen Wunschpunkten ist wieder da! Sein Schöpfer Paul Maar 
 hat ein neues Kinderbuch geschrieben. Im Interview spricht der 79-Jährige 
 über Wünsche, seine eigene Kindheit und seine Arbeit

Julian Rüter

Wenn man an Paul Maar denkt, dann denkt man auch an Wunschpunkte. Mit den Büchern über das Sams hat er Generationen von Kindern geprägt. Noch heute beantwortet der Autor jeden Kinderbrief handschriftlich. Ein Gespräch über die wenig fröhliche eigene Kindheit, sein neues Sams-Buch und die Fitness mit fast 80. Herr Maar, Sie haben so viel über das Sams geschrieben. Haben Sie sich manchmal gewünscht, dass dieses Fantasiewesen plötzlich an Ihrer Tür klingelt und hereinspaziert? Paul Maar: Da bin ich sehr zwiegespalten. Auf der einen Seite wäre es natürlich schön, wenn man ein Sams mit Wunschpunkten hätte. Auf der anderen Seite ist das Sams ein sehr forderndes und nerviges Wesen. Manchmal beneide ich den Herrn Taschenbier gar nicht, und wenn ich mich an seiner Stelle sehen würde, weiß ich nicht, ob ich unbedingt ein Sams haben möchte, weil ich eigentlich auch gar nicht so viele offene Wünsche habe. Warum ist das Sams nervig und doch so liebenswürdig? Maar: Vielleicht gerade deswegen. Ich habe versucht, ein Wesen zu schaffen, was auch Zwischentöne hat und ambivalent ist. Auf der einen Seite ist es sehr liebenswürdig, auf der anderen Seite frisst es alles an, ist manchmal sehr frech und gibt Widerworte. Ich versuchte eine Fantasiefigur zu erfinden, die nicht nur schwarz oder weiß ist, sondern grau. Wissen Sie noch, wie Sie auf das Sams als Figur gekommen sind? Maar: Sehr genau sogar. Die Hauptfigur in meinem ersten Band war gar nicht das Sams, sondern der Herr Taschenbier, und für den hatte ich ein genaues Vorbild. Mein Vater hatte einen kleinen Handwerksbetrieb und einen Angestellten im Büro – den Herrn Taschenbier, der im wahren Leben anders hieß. Das Büro befand sich in unserem Wohnhaus, und ich sah diesen Herrn jeden Tag. Er war genauso wie Herr Taschenbier im Buch: Sehr angepasst, hat nie widersprochen, auch nicht, wenn er im Recht war und mein Vater ihn zu unrecht angeschnauzt hatte. Er war kontaktgestört und hat von sich aus nie jemanden angesprochen. Nur zu Kindern, also auch zu mir, hat er sich öffnen können, und wir haben oft gesprochen. Ich habe ihn als Kind immer betrachtet und gedacht: Ach, wenn ich dem doch ein bisschen mehr Lebensfreude geben könnte, wenn er mal lachen würde – das wäre doch so schön. Und dann? Maar: Das ist schwer als Kind, aber als Autor habe ich ihn wieder zum Leben erweckt und ihm ein Gegenwesen gegeben, dass all die Eigenschaften besitzt, die er zwar in sich trägt, aber nicht zulässt. Er ist schüchtern, dieses Wesen ist frech. Er ist ängstlich, also ist es mutig. Er ist kontaktgestört, also quatscht es jeden an. Ich habe bei meinem Entwurf einen senkrechten Strich auf der Seite gemacht und alles gegenübergestellt. So entstand die Figur des Sams. Dann musste ich nur noch einen Namen für das Wesen finden und bin auf diese Formel mit den Wochentagen gekommen, was einerseits sehr einleuchtend ist. Andererseits habe ich mir da auch ein bisschen ein Bein gestellt. Warum das? Maar: Meine Bücher sind in mehr als 40 Sprachen übersetzt, aber es ist nicht so, dass das Sams da an erster Stelle steht. Viele Übersetzer lassen sich die Bücher zusenden, wenn sie hören, wie oft sie verkauft werden. Beispielsweise hat sich der spanische Verlag „Eine Woche voller Samstage" zusenden lassen und dann gesagt: „Das kann man ja gar nicht machen, am Sonntag die Sonne, am Montag Herr Mon und so weiter. Wie sollen wir das im Spanischen machen? Da heißen die Wochentage ja ganz anders. Was hat der denn noch geschrieben?" Und dann bekommen sie zum Beispiel „Herr Bello und das blaue Wunder" und haben alle drei Herr-Bello-Bücher ins Spanische übersetzt, aber nicht „Eine Woche voller Samstage". Das finden die Übersetzer oft zu schwierig. Erstaunlicherweise hat es aber mein arabischer Übersetzer geschafft, eine ähnliche Formel zu finden. Also gibt es das Buch sowohl auf Arabisch als auch auf Türkisch, aber nicht auf Spanisch. Hatten Sie jemals Selbstzweifel, ob Sie vom Job als Autor leben können? Maar: Eigentlich nicht. Ich bin ein optimistischer Typ und war immer überzeugt, dass ich schöne Bücher schreibe. Zu meiner Verblüffung war es bei meinem ersten Buch „Der tätowierte Hund" so, dass die Kinder besonders bei den Stellen gelacht haben, an denen ich mich gefragt habe, ob das bei ihnen gut ankommt. Das waren Stellen mit meiner Liebe zur Sprachspielerei. Also dachte ich: Gut, so kann ich weitermachen, da bin ich auf dem richtigen Weg. Sie arbeiten sehr viel mit Wortspielen, mit Reimen. Wieso ist das für Kinder so wichtig und einprägsam? Maar: Kinder haben eine Affinität zu Reimen. Nicht umsonst gibt es Fingerspiele und Einschlaflieder. Kinder lieben Reime. Wahrscheinlich ist es die allererste Form, um mit Literatur und Sprache in Verbindung zu kommen. Später wird den Jugendlichen die Liebe zum Gedicht manchmal etwas vermiest, weil es dann in der Schule zum Unterrichtsstoff wird. Wenn man dann Gedichte analysieren muss, empfindet man nicht mehr diese ursprüngliche Lust am Reimen und am Gedicht. Das ist sehr schade. Letztendlich haben Ihre Bücher Ihnen viel Ruhm und auch Geld eingebracht. Wie wichtig sind Ihnen diese Dinge? Maar: Ich schreibe mehr um des Schreibens willen. Ich denke nie: Vielleicht bekomme ich dafür jetzt einen Preis. Aber noch wichtiger als die Preise sind die Tausenden Kinderbriefe, die ich bereits bekommen habe, weil ich denke: Wenn ein Kind so unmittelbar von meinen Büchern berührt ist, dass es versucht, die Adresse herauszubekommen, oder an den Verlag mit der Bitte um Weiterleitung schreibt und mir seine ganz persönlichen Gedanken zu meinen Büchern schreibt, dann empfinde ich das als eine ganz große Auszeichnung. Fast wichtiger als der Deutsche Jugendliteraturpreis. Deswegen beantworte ich auch jeden Kinderbrief handschriftlich und gehe auf ihn ein. Seit dem 25. September gibt es ein neues Sams-Buch. Wie kommt es, dass Sie noch mal eine neue Geschichte über Ihre berühmteste Figur geschrieben haben, obwohl Sie das eigentlich gar nicht wollten? Maar: Da hat der Verlag mich ein bisschen an meiner Ehre gepackt und meinen Ehrgeiz gekitzelt. Das Argument war: „Schauen Sie, Herr Maar – Andreas Steinhöfel hat ein Weihnachtsbuch geschrieben. Kirsten Boie hat ein Weihnachtsbuch geschrieben, Margret Rettich, Erhard Dietl, Christine Nöstlinger sowieso, Erich Kästner auch, und Astrid Lindgren hat zwei geschrieben. Nur von Ihnen gibt es kein Weihnachtsbuch. Trauen Sie sich nicht? Fürchten Sie, dass Sie zu sentimental werden?" Dann sagte ich: „Ich sehe eine Möglichkeit, damit es nicht ein sentimentaler Weihnachtskitsch wird. Ich feiere Weihnachten mit dem Sams. Dann wird es sicherlich eine turbulente Weihnachtsfeier." Und schon hat mich die Idee gepackt und ich habe „Das Sams feiert Weihnachten" geschrieben. Das wird dann für Herrn Taschenbier mit Sicherheit ein ereignisreiches Fest. Maar: Ja, das Sams mag keine Lichterketten am Weihnachtsbaum. Es mag lieber Würstchenketten und vieles mehr. Sind Sie ein Typ wie Karl Lagerfeld und so umtriebig wie noch nie oder lassen Sie es etwas ruhiger angehen? Maar: Wenn ich ehrlich bin, als ich 40 war, sind mir die Ideen nur so zugeflogen und ich musste mich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden, die ich schreiben könnte. Wenn man nahezu 80 ist, dann ist man über eine neue Idee sehr, sehr dankbar und ich schreibe nicht mehr zehn Seiten, sondern maximal fünf und korrigiere die dann auch noch zweimal. Es geht langsamer, aber mir fällt immer wieder etwas ein. Es gibt zwei neue Bücher im Herbst, ich schreibe nicht mehr so schnell, sondern etwas gemütlicher. Gibt es ein Buch oder Gedichte von Ihnen, die niemals die Aufmerksamkeit bekommen haben, die Sie sich erwünscht hätten, weil es Ihnen so am Herzen lag? Maar: Ein Buch ist bei der Kritik relativ unbeachtet geblieben. Ich kenne keine eigene Rezension. Das ist „Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern". Eigentlich ist das eine Autobiografie, da erzähle ich meine Kindheit. Auch wenn man eigentlich nicht über das Alter spricht – Sie werden im Dezember 80 Jahre alt, Herr Maar. Sie sind 1937 geboren, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg: Waren Sie ein fröhliches Kind? Maar: Vielleicht ist es so, dass ich in meinen Büchern mit den fröhlichen Figuren ein Stück weit die Kindheit nachhole, die ich nicht hatte. Ich bin in Schweinfurt aufgewachsen, das als Industriestadt eine der meistbombardierten Städte war. Mein Alltag mit fünf hat so ausgesehen, dass ich meist angezogen in meinem Kinderbett lag und wenn der Fliegeralarm kam, stürzte meine Stiefmutter, meine Mutter war ja gestorben, ins Zimmer und sagte: Schnell Schuhe anziehen, wir müssen in den Luftschutzkeller. Der war ungefähr 300 Meter weiter in einem Brauhaus. Dort haben sich die Bewohner des Viertels zusammengefunden. Wir mussten also bei finsterer Nacht dahin, hatten die Mutter meines Vaters noch bei uns im Hause, die war ein bisschen gehbehindert und sehr starrköpfig. Sie hat sich gewehrt, schnell zu gehen. Meine Stiefmutter zerrte also an der einen Hand, ich an der anderen, und ich hatte auch noch ein Köfferchen dabei, in dem alle wichtigen Unterlagen waren, falls unser Haus zerstört wird. Wir zerrten die Oma mit uns durch die dunklen Straßen, es brannte kein Licht hinter den Fenstern, keine Laterne auf der Straße, wir sind oft gestolpert und kamen doch wieder zu spät an. Dann fielen schon die ersten Bomben, alles hat vibriert und wir klopften stürmisch an die eiserne Tür, irgendein mürrischer Mann machte auf und sagte: „Wieder mal zu spät. Ihr gefährdet hier die ganzen Leute im Luftschutzkeller. Schnell rein." Dann fiel die Tür zu und meist ging das Licht auch schon direkt aus, weil mal wieder eine Stromleitung getroffen war. Der Putz fiel von der Decke und ich sah meine Stiefmutter, wie sie versuchte, eine Kerze anzuzünden, und vor lauter Angst und zitternden Händen den Docht nicht gefunden hat...

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