Julia Shaw forscht über falsche Erinnerungen. - © dpa
Julia Shaw forscht über falsche Erinnerungen. | © dpa

Kopf der Woche Können wir unserem Gedächtnis trauen? Ein Interview mit Julia Shaw

Wer glaubt, in seinem Erinnerungsvermögen perfekt zu sein, hat noch nicht 
 von der Rechtspsychologin gehört. Sie forscht über falsche Erinnerungen und spricht im 
 Interview über nie geschehene Verbrechen und die Schönheit der Gegenwart

Julian Rüter

Nachdem sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse dieser Frau gehört haben, geht sie einigen Menschen nicht mehr aus dem Kopf. Julia Shaw (30) ist Rechtspsychologin und eine der weltweit führenden Forscherinnen auf dem Gebiet der falschen Erinnerungen. Für eine Studie hat sie Probanden in nur drei Sitzungen die Überzeugung einer selbst begangenen Straftat ins Gehirn gepflanzt, obwohl es diese niemals gab. Auch aufgrund solcher Forschungserfolge der Erinnerungsumformung erfreut sie sich lieber an der Gegenwart als an der Vergangenheit. Frau Shaw, Sie sind Rechtspsychologin und Gedächtnisforscherin. Wie sehr trauen Sie Ihrem eigenen Gehirn? Julia Shaw: (lacht) Nicht besonders. Warum nicht? Shaw: Naja, weil unser Gedächtnis wahnsinnig anfällig für Fehler ist. Mein Gedächtnis ist da keine Ausnahme. Je mehr man über Erinnerungen weiß, desto mehr verliert man das Vertrauen ins eigene Gedächtnis. Und ganz ehrlich: Ich hatte eh schon immer die Befürchtung, dass mein Gedächtnis nicht perfekt ist. Gibt es das perfekte Gedächtnis? Shaw: Nein, gibt es nicht. Also nicht so, wie wir uns das vorstellen. Es gibt natürlich Menschen, die sich besonders gut an ihr Leben oder an bestimmte Fakten erinnern können, aber auch die können Fehler machen. Das haben wir in der Wissenschaft auch mehrfach gezeigt. Aber unser Gehirn ist doch eigentlich wie ein Computer. Shaw: (lacht) Nein, nein. Unser Gedächtnis funktioniert eher wie eine Wikipedia-Seite. Das habe ich von Elizabeth Loftus (eine US-amerikanische Psychologin und Gedächtnisforscherin, d. Red) geklaut. Wir selber können es manipulieren und verändern. Andere können das aber auch. Erinnern ist ein sozialer Prozess und unser Gedächtnis ist viel flexibler als wir uns das oft vorstellen. Das ist nicht einfach wie bei einem Computer, bei dem man etwas speichert und wieder aufruft. Unser Gehirn hat etwas Fließendes, sich ständig Veränderndes. Sie beschäftigen sich unter anderem mit Erinnerungsverfälschungen und haben eine Studie veröffentlicht, in der Sie 70 Prozent der Probanden überzeugt haben, ein Verbrechen in der Vergangenheit begangen zu haben, mit dem sie nie etwas zu tun hatten und sich nun an dieses zu erinnern. Wie funktioniert so etwas? Shaw: Zum einen durch unsere eigene Fantasie. Wenn wir uns mehrfach etwas vorstellen, dann kann es dazu kommen, dass wir meinen, dass wir dieses Vorgestellte wirklich erlebt haben. Damit spiele ich in meinen Studien. Ich benutze Fantasie und Vorstellungsübungen, die die Probanden mit mir zusammen machen, damit sie sich diese Situation vorstellen können und nach drei Sitzungen – also ziemlich schnell – sagen 70 Prozent dieser Leute, dass sie sich an die Straftat erinnern, die nie passiert ist. Und sie können sich auch an bestimmte Details erinnern. Da ist aber nicht nur die Fantasie. Dazu kommt auch das Vertrauen und der Druck in dieser bestimmten Situation. Ich sitze da als Expertin und sage: Ok, du kannst dich an dieses bestimmte Ereignis nicht erinnern, aber ich kann dir helfen es zu tun. Die Leute müssen natürlich mitmachen und dadurch entsteht eine soziale Situation, in der sich Erinnerungen leichter manipulieren lassen. Wie sind Sie auf diese absurde Idee gekommen, jemandem ein Verbrechen einzureden? Shaw: Das ist gar nicht so absurd (lacht). Wie komme ich auf die Idee? In der Rechtspsychologie geht es oft um Erinnerungen. Vor allem um falsche Erinnerungen. Wir wissen, dass Täter sich falsch erinnern können, dass Opfer sich falsch erinnern können, dass Augenzeugen sich falsch erinnern können. Wenn man fünf Augenzeugen hat, dann hat man fünf verschiedene Gedächtnisse und fünf verschiedene Geschichten. Aber wie kommt es dazu und wie einfach ist es zu manipulieren? Dementsprechend wollte ich im Labor zum ersten Mal erforschen, ob man nicht tatsächlich eine Straftat einpflanzen kann. Emotionale Erlebnisse hatten schon andere Forscher mit ähnlichen Methoden, die ich angewandt habe, eingepflanzt. Ich wollte eine Studie kreieren, die ich mit ins Gericht nehmen und einem Richter vorlegen kann. Eine Studie, in der es um genau das geht, was ein Richter verhandelt: ein Verbrechen. Solche Forschungsergebnisse sind schwer zu ignorieren und das finde ich sehr wichtig. Kann man denn überhaupt noch irgendeiner Zeugenaussage trauen? Shaw: Ich bin immer vorsichtig, wenn das Hauptbeweisstück eine Erinnerung ist. Bei bestimmten privaten Straftaten gibt es häufig aber fast nur dieses Beweisstück. Dann muss man sich darauf verlassen. Was ich allerdings machen kann, ist zu schauen, ob es in dem Befragungsprozess Probleme gab. Sei es mit der Polizei, Therapeuten oder Psychologen. Da kann ich nach akuten Problemen suchen, die eventuell zu falschen Erinnerungen geführt haben. Was bedeutet das? Shaw: Man kann sich keine Erinnerungen anschauen und sagen, die ist falsch und die ist richtig. Man kann allerdings sagen, dass der Prozess bis hin zu einer Aussage problematisch oder unproblematisch war. Das ist meine Aufgabe. Ich mache hier in England in einigen Fällen immer wieder klar, warum es eine falsche Erinnerung gegeben haben könnte. Sie sagen auch jede Erinnerung sei eine kleine Fälschung . . . Shaw: Ich gehe da gerne noch weiter und sage: Alle Erinnerungen sind falsch. Weil unsere Gehirne unsere Erinnerungen nicht komplett abspeichern können, kommt es dabei immer zu kleinen Fehlern. Das ist der Punkt, um den es mir geht. Es ist nicht alles komplett falsch. Aber Teile von Erinnerungen stimmen mit nahezu unfehlbarer Sicherheit nicht. Das hat mit Aufmerksamkeit oder mit Aufnahmefähigkeit zu tun. Auch wenn ich jetzt hier in meinem Büro die Augen schließe, werde ich mich nicht an alles genau erinnern, was in diesem Raum ist. Und perfekter als jetzt wird es nie sein. Die Aufnahmefähigkeit in einem Moment beeinflusst stark, woran wir uns erinnern können. Man könnte sagen, die Aufmerksamkeit ist der Kleber zwischen der Realität und der Erinnerung, denn ohne Aufmerksamkeit nimmt man nicht viel auf und kann sich nicht erinnern. Also ist die erste Erinnerung an meine Kindheit wahrscheinlich nicht so geschehen? Shaw: Das sowieso. Wie alt waren Sie denn? Vielleicht zwischen zwei und drei. Shaw: Vor einem Alter von dreieinhalb Jahren sagt man, lassen sich keine Erinnerungen formen, weil das Gehirn noch nicht genügend ausgeprägt ist. Es ist schlicht nicht fähig, sie zu speichern. Erinnerungen aus einem jüngeren Alter können nicht die eigenen sein. Vielleicht kommen sie von einer Familiengeschichte, von einem Foto oder aus der eigenen Fantasie. Bekommen Sie bei so viel Wissen rund um unsere Erinnerung selbst nicht manchmal Angst, was wahr ist und was nicht? Shaw: Man verändert, glaube ich, das Verhältnis zur Wahrheit. Oder besser zur Realität. Falsche Erinnerungen sind keine Lügen, sie sind ja nicht absichtlich. Aber, wenn man Erinnerungen studiert, wird klar, dass sie durch die eigenen Filter kreiert werden. Jeder hat eine eigene Realität. Das wird einem immer mehr bewusst, je weiter und tiefer man forscht. Ich persönlich finde das aufregend. Man lernt, achtsamer mit der eigenen Realität umzugehen. Aber wenn Ihre beste Freundin Ihnen von diesem wundervollen Strand aus dem Urlaub erzählt, denken Sie dann: Naja, ganz so schön war er garantiert nicht? Shaw: Nicht unbedingt. Ich glaube, das ist ihre Wahrheit und das ist toll. Aber wenn sie mir beweisen will, wie es genau war, dann muss sie mir mehr geben als ihre eigene Erinnerung. Ein Foto reicht dafür aber schon. Können Sie dieses ständige Hinterfragen im Alltag überhaupt noch abschalten? Shaw: Ich mag das ja . . . Ich mag es, an Sachen zu zweifeln. Das Einzige, über das wir uns sicher sein können ist, dass wir in diesem Moment unsere eigene Realität haben und das ist auch alles, was wirklich zählt. Ich glaube, man verliert dadurch die Idee, dass es eine objektive Realität gibt, die wichtig ist. In anderen Kulturen gibt es das schon lange. In Teilen von Afrika setzen sich alle Mitglieder eines Stammes unter einen Baum und sagen: Wir entscheiden jetzt, was unsere Geschichte ist. Dadurch kommt man nicht näher an die objektive Realität heran, aber man einigt sich darauf, was aus einer Situation behalten und weiter erzählt wird. Man bildet diese Erinnerungen ganz bewusst zusammen. Das ist, denke ich, ein schöner Prozess. Zweifeln Sie manchmal an Dingen, die Sie Ihrer Familie erzählen? Shaw: Ich bin eher dazu geneigt zu sagen: Ich kann mich nicht erinnern. Ich bin also vorsichtiger in meinen Erzählungen. Wenn jemand zweifelt oder sagt: „Ich kann nicht glauben, dass das so passiert ist." Dann sage ich meist: „Ja, das kann sein" (lacht). Ich übe mich in Skepsis. Sobald jemand ein Beweisstück gegen meine Erinnerung hat, dann nehme ich das auch an. Also müssten wir unsere Gegenwart eigentlich viel, viel mehr genießen, weil sie das einzig Reale ist? Shaw: Richtig. Es ist das Einzige, wovon wir sicher sein können, dass es wahr ist. Wir haben in diesem Moment diese Erfahrung. Alles andere könnte trügerisch sein. Ist das manchmal nicht deprimierend? Shaw: Für mich ist die Vergangenheit einfach gar nicht so wichtig. Ich weiß, dass meine Realität und die Wahrnehmung meines Lebens so und so aussieht. Aber, ob das jetzt alles stimmt – das kann ich nicht hundertprozentig sagen. Mit dieser Unsicherheit lebe ich gern. Aber ist die Vergangenheit nicht all das, was uns Menschen ausmacht? Shaw: Sie kann unsere Identität sehr stark beeinflussen. Aber es kann auch befreiend sein, wenn man den Gedanken zulässt, dass unser trügerisches Gedächtnis nicht bestimmt, wie das Hier und Jetzt aussieht. Dementsprechend fokussiere ich mich auf die Gegenwart und auf meine Zukunft. Allein dieser Versuch ist für viele Menschen sehr schön und ich 
freue mich, wenn wir das alle viel mehr machen.

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