Roger Waters - © dpa
Roger Waters | © dpa

Kopf der Woche Pink-Floyd-Mitbegründer Roger Waters: „Trumps Weltbild ist widerlich“

Roger Waters, einst Frontmann der Band Pink Floyd, im Interview

Steffen Rüth

Sänger, Bassist, Komponist, Mitbegründer von Pink Floyd und wegen seinen Äußerungen gefürchtet und respektiert. Im Interview spricht Roger Waters über sein neues Album, die Gefühlslage während einer On/Off-Beziehung und nimmt bei seiner Meinung zu Trump und Clinton kein Blatt vor den Mund. Mr. Waters, wann haben Sie beschlossen, ein weiteres Rockalbum aufzunehmen?
 Roger Waters: Es begann, als ich vor einigen Jahren während der „The Wall"-Tour den Song „Déjà Vu" schrieb. Wir nahmen gleich eine Demoversion mit meiner Band auf, und ich war der Ansicht, dass der Song richtig gut ist und auf ein Album gehört. So schrieben wir weitere Stücke, die ich dann in einer Art Hörspiel zusammenfasste. Wie kam der Produzent des Albums, Nigel Godrich, an Bord? Waters: Der Schauspieler Shaun Evans hat uns bekannt gemacht und Nigel dazu überredet, den Soundtrack für unseren gemeinsamen Film zu „The Wall" aufzunehmen. So fingen wir an zu reden, Nigel guckte sich meine Hörspiel-Demos an und reagierte recht trocken. Er sagte sowas wie „Ich mag diese drei Akkorde, und dort ist die Melodie nicht schlecht, diese eine Stelle finde ich auch gut". Und zum Rest verzog er das Gesicht. Ich merkte, ich kann entweder sagen: „Dann verpiss dich", oder ich reagiere wie ein Erwachsener und fragte ihn, was er denn stattdessen vorschlagen würde. Wie sind Sie mit Godrich ausgekommen? Sie gelten ja nicht als besonders kooperativ.
 Waters: Nigel ist wie ich: Sehr autokratisch. Um mit ihm arbeiten zu können, musste ich den typischen Kopf-durch-die-Wand-Roger in die Kiste packen und Nigel machen lassen. Jemand anderem so viel Verantwortung und Spielraum zu geben war ungewohnt für mich, ich hatte das vorher nie in diesem Ausmaß gemacht. Aber jetzt bin ich froh, dass ich mich zurückgenommen habe. War es hart für Sie, sich unter Kontrolle zu halten? 
Waters: Sehr. Das war was Neues. Es fiel mir nicht leicht, loszulassen. Aber man ist nie zu alt, um die Dinge auf eine andere Weise anzugehen. Wie ging es Ihnen privat zu der Zeit?
 Waters: Oje. Ich war in einer dieser On/Off-Beziehungen. Meine Herren. Das war eine sehr leidenschaftliche Liebesaffäre, was bisweilen sehr schmerzhaft und heftig für mich war. Das ging also parallel vor sich und wahrscheinlich war das für die Platte sogar ein Vorteil, weil es mich verletzlicher gemacht hat. Was nehmen Sie aus der beendeten Beziehung mit der palästinensischen Schriftstellerin und Journalistin Rula Jebreal mit?
 Waters: Dass Leidenschaft geil ist. Und dass Leidenschaft ein knappes Gut ist im Leben. Wenn du die Chance hast, Leidenschaft zu erfahren, in welcher Form auch immer, dann nimm diese Chance wahr. Gesellt sich dann der Schmerz zur Freude hinzu, dann tut er das eben. Denn die Leidenschaft ist jeden Tiefschlag wert. Sie waren bislang viermal verheiratet und sind viermal geschieden. Leidenschaft scheint kein knappes Gut im Leben des Roger Waters zu sein.
 Waters (grinst): Nun ja, eher nicht. Wer ist denn das besungene schönste Mädchen der Welt in „The Most Beautiful Girl"?
 Waters: Das ist ganz konkret und sehr traurig ein kleines Mädchen, das bei einem US-Raketenangriff auf sein Dorf im Süden des Jemen getötet worden ist, und zwar noch während der Amtszeit von Obama. Das war eine der Attacken, die das Thema des von Jeremy Scahill produzierten Dokumentarfilms „Dirty Wars" sind. Dieses unglaublich hübsche Mädchen war eines der vielen, vielen zivilen, unschuldigen Opfer. Ihr Vater ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, Ihr Opa im Ersten Weltkrieg, Sie sind Pazifist und Anti-Kriegs-Aktivist, praktisch seitdem Sie Musik machen. Waters: Ja, das stimmt. Leider gewöhnt sich die Menschheit einfach nicht ab, Kriege ohne ersichtlichen Grund zu führen. Obwohl, das ist falsch. Es gibt sehr wohl einen Grund. Welchen?
 Waters: Geldmacherei. In militärischen Auseinandersetzungen lässt sich so viel Geld verdienen, dass es für viele Staaten ein ökonomisches Desaster wäre, darauf zu verzichten. Krieg ist einfach ein zu gutes Geschäft. Weißhäutige Menschen verdienen ein abartiges Geld damit, braunhäutige Menschen in aller Welt zu töten. Dabei gäbe es viel sinnvollere Projekte, die den Menschen wirklich etwas bringen würden. Im Silicon Valley wird daran getüftelt, den Tod als solchen zu eliminieren und das ewige Leben zu ermöglichen. Wären Sie gern unsterblich?
 Waters: Ich glaube nicht. Nein. Obwohl, ich muss noch überlegen, ich will mich nicht festlegen. Es hängt viel davon ab, in welchem Zustand du unsterblich gemacht wirst. Nur: was haben wir davon? Wir werden den Planeten in ungefähr dreißig Jahren zerstört haben, also, das ist müßig. Wie würden Sie denn die Erde verlassen wollen? Waters: Möglichst spät und möglichst gesund. Ich versuche, fit zu bleiben. Indem ich es zum Beispiel vermeide, fett zu werden. Und indem ich Sport mache, Übungen, mit denen ich beweglich bleibe. Nicht wie ein Besessener, aber schon recht akribisch. Sonst fällst du eines Tages hin, brichst dir die Hüfte, und das war es dann, und du sitzt nur noch im Stuhl und stirbst. Bloß nicht! (lacht). Ich genieße es, aktiv zu sein und ich genieße es auch überaus, weiterhin zu arbeiten. Daher mache ich weiter, so lange ich kann. Sie schöpfen aus einer extremen Mischung von Inspirationsquellen für dieses Album. Auf der einen Seite stehen Liebe und Leidenschaft. Auf der anderen jemand wie Donald Trump, den Sie verachten und in den Songtexten nur „Nincompoop" (frei und wohlwollend übersetzt „der geistig nicht Gesunde") nennen. Waters: Ja, denn das ist das Leben. Es ist eben nicht das Leben, das wir wirklich wollen. Sondern das Leben, wie es sich uns präsentiert. Welches Leben wollen Sie selbst?
 Waters: Ich wünsche mir von Herzen ein Leben, in dem die Lehrer jeden Tag die Schulkinder fragen, wie es ihnen geht, was sie fühlen, was sie wollen, was ihre Träume sind. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der einer den anderen fragt: „Was wollen wir machen?", „Wie wollen wir die Probleme gemeinsam angehen?", „Welche Lösungen wollen wir finden?" Stattdessen sagen wir: „Okay, es ist 10 Uhr, lasst uns ein paar Bomben werfen, und danach gibt es Tee." Je gieriger du bist, je skrupelloser, desto besser eignest du dich zum Machthaber. Mit Donald Trump ist dieses System jetzt auf die Spitze getrieben worden. Ich kam bei der Einreise mit einem Grenzpolizisten ins Gespräch, der Trump sehr verehrt. Er sagte, die USA bräuchten ein Raubtier an der Spitze, das die kleineren Staaten notfalls erlegt und auffrisst. Gnadenlosigkeit sei ein wichtiges Merkmal einer guten US-Politik. Man könne es sich nicht leisten, „die Guten" zu sein. Waters: Um Gottes Willen. Wow, wow, wow. Das passt perfekt zu dem, was ich gerade erzählt habe. Es ist erschreckend und faszinierend. Furchtbar. Welche Hautfarbe hatte der Mann? Weiß.
 Waters: Ich hätte wetten können. So reden nur weiße Typen. Mein Gott, ich liebe es, hier in New York mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren, damit ich auch mal raus komme aus meiner reichen, privilegierten, weißen Welt. Das Großartige am Bahnfahren ist ja, dass du dort so unendlich viele verschiedene Hautfarben und Kulturen auf engstem Raum erleben kannst. Diese Vielfalt ist einfach so wohltuend und erfrischend. Was regt Sie an Trump besonders auf?
 Waters: Wo soll ich anfangen? Vielleicht bei diesem Bullshit zu glauben, die weiße Rasse sei anderen Rassen überlegen. Trump steht exemplarisch für diesen wahnhaften Unsinn. Es ist widerlich und macht mir durchaus Angst. Aber das Gute ist: Die Rassisten und Menschenfeinde sind in der Unterzahl. Wir sind mehr. Aber diese Welt, in der wir leben, sie ist bizarr wie lange nicht. Die Obszönität und die Unmenschlichkeit einer Politik, die dein Grenzbeamter so fantastisch findet, ist unbeschreiblich. Wie stark hat Trumps Aufstieg das Album beeinflusst?
 Waters: Gar nicht. Er hat im Grunde nichts mit den Songs zu tun. Und er braucht mich auch nicht, um von mir entzaubert zu werden. Das kriegt er auch ganz alleine hin. Ganz am Ende haben wir allerdings noch ein, zwei Zitate von ihm eingebaut. Ich werde in der Liveshow stärker auf ihn eingehen. Etwa auf seine Aussage „Chaos, welches Chaos? Wir sind eine gut geölte Maschine". Und wie er immer sagt: „Ich habe gewonnen, ich habe gewonnen", als wenn es nur darum ginge. Im Rest der Welt werden die Vereinigten Staaten längst bemitleidet und bedauert. Europa ist auch nicht gerade vorbildlich im Ignorieren von Populisten.
 Waters: Das stimmt leider. Le Pen! Was? 30 Prozent der Franzosen haben für diese Frau gestimmt. Oder die Briten, die mehrheitlich die EU verlassen wollten. Was zum Teufel stimmt mit den Leuten nicht? Sind Sie heimlich froh über Trump als Präsidenten? Hillary Clinton hätte kaum so ein perfektes Feindbild abgegeben.
 Waters: Nein, ich bin nicht froh über Trumps Präsidentschaft. Und was Hillary Clinton angeht: In gewisser Weise bin ich sogar froh, dass sie es nicht geworden ist. 

Warum das?
 Waters: Weil ich sie hasse! Sie ist so eine Kriegstreiberin. Und du kannst in ihren Augen richtig sehen, wie sehr sie es wollte. Wie sehr sie der erste weibliche Präsident werden wollte, um anschließend die Menschen töten zu können. Sie hätte den Iran besetzt und sie ist auch Befürworterin des israelischen „Tötet die Palästinenser"-Mantras, das ich sehr klar ablehne. „The Wall" drehte sich um Widerstand und Revolution, das neue Album dreht sich um Widerstand und Revolution. Ist dies das Thema Ihres Lebens?
 Waters: Vielleicht, ja. Ist es nicht das Thema des Lebens von uns allen? Entweder du widersetzt dich oder du endest in einem autoritären, dystopischen Gebilde von einem Staat. Du kannst entweder „Schöne Neue Welt" lesen und dich erschrecken, oder du denkst dir „Ich habe dieses neue iPhone, das reicht mir...

realisiert durch evolver group